Bist du ein Mensch? 9   +   10   =  

Vor 10 Jahren habe ich auf fast jeder Veranstaltung mindestens eine Person getroffen, die auf die Frage: Und was machst du so?“ sinngemäß mit „Wir machen was mit Video und Internet! Und wir haben schon Investoren und Kapital!“ geantwortet hat. Als jemand, der mit Internet-Fernsehen Anfang 2000 bereits wertvolle, aber durchwachsene Erfahrungen gemacht hat, lautete meine nächste Frage dann: „Aha, interessant! Was macht euer Produkt denn?“ 99% der Antworten bewegten sich im Spektrum zwischen: „Daran entwickeln wir gerade noch“ und: „Ich werde dir doch jetzt nicht unseren USP verraten!“. Auf die Folgefrage: „Hmm, verstehe. Und womit verdient ihr dann Geld?“ lauteten die Antworten zu 50% ähnlich. Die anderen 50% lauteten: „Werbung natürlich!“

Als jemand, der sich seit gut 20 Jahren mit Startups und Internet-Business beschäftigt, habe ich schon einiges gehört, gesehen und erlebt. Das, was Penny Kim in Ihrem Medium-Artikel „I got scammed by a Silicon Valley Startup“ erlebt hat, übertrifft so ziemlich alles.

Startups müssen unkonventionelle und außergewöhnliche Wege gehen. Das ist ihr Job. Und manchmal kann es auch sein, dass ein paar Tage später gezahlt wird. Trotzdem können Gründer zwischen entscheidungsschwach, unwirtschaftlich bis hin zu kriminell unterwegs sein.

Reibungsenergie, die beim über den-Tisch-gezogen-werden entsteht, ist keine Nestwärme!

Ich habe euch einige Anzeichen zusammen gestellt, die euch als Mitarbeiter in einem Startup misstrauisch machen sollten, wenn euch mehrere davon in kurzer Zeit auffallen:

1. Sprechen die Gründer über sich selbst oder das Produkt und seinen Nutzen für den Kunden?

Im Fokus eines Startups stehen das Produkt und der Mehrwert, der für die Kunden erreicht wird. Wenn Gründer ihr Ego und eigene Person für wichtiger halten, könnte das eine Taktik sein, um über Defizite im Unternehmen hinwegzutäuschen. Um hier etwas klarer zu sehen, kannst du fragen: Was sind die Aufgaben der Gründer?

Es gibt eigentlich nur 3 Aufgaben, die von den Gründern übernommen werden sollten:

  1. Produkt entwickeln
  2. Produkt verkaufen
  3. Geld mitbringen oder einsammeln

2. Wofür steht euer Produkt?

Gründer, die genervt oder unsicher auf die folgenden Fragen reagieren, haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Es ist völlig legitim für euch, wissen zu wollen wofür ihr arbeiten sollt und wie ihr euer Geld verdient. Vielmehr sollten Startups froh sein, wenn (zukünftige) Mitarbeiter das Unternehmen und sein Produkt verstehen und besser machen wollen.

  • Ist das Produkt fertig?
  • Was ist die Geschichte zu dem Produkt?
  • Wie ist es entstanden und warum?
  • Welches Problem der Kunden löst es?
  • Und wie?
  • Warum wird das Produkt ein Erfolg?
  • Was macht euer Produkt anders als der Wettbewerb? Und: Es gibt IMMER Wettbewerb. Wenn nicht, wurde nicht in allen Branchen genau geschaut.

Und die wichtigste Frage: Wie verdient ihr mit dem Produkt Geld?

3. Auftreten der Gründer in Web und Echtleben

Gründer stehen mit allem was sie haben für ihr Startup. Mit ihrer Persönlichkeit, mit ihrem Netzwerk, mit ihrem Geld, gutem Namen und Ruf. Wenn eure Gründer nicht in der Öffentlichkeit auftreten wollen, keine Social Media Accounts nutzen, keine Bilder auf denen sie zu sehen sind im Netz haben möchten, dann könnte etwas faul sein und die Personen etwas zu verbergen haben.

4. Social Media Veröffentlichungen

Schau dir die Social Media Kanäle an. Gibt es eigene Inhalte oder nur ReTweets und Shares von extern? Kommunizieren die eigenen Inhalte wertvolle Informationen über das Produkt, die Lebenswelt der Kunden und wie beide zusammen passen oder nur sinnlose Inhalte, die nichts mit dem Startup zu tun haben?

5. Reisekosten zum Bewerbungsgespräch

Du hast einen Bewerbungstermin erhalten und wärest dafür einen Tag lang oder mehr unterwegs und es entstehen dir erhebliche Kosten? Zumindest ein Teil sollte vom Startup übernommen werden, wenn sie ernsthaft an dir als Mitarbeiter interessiert sind. Wenn nicht: Sollte es die klare Ansage geben: Du musst die Anreise selber zahlen. Wenn du gebeten wirst, erstmal vorzustrecken und die Kosten hinterher erstattet zu bekommen solltest du misstrauisch werden.

6. Was bietet das Startup und was bietest du?

Stell dir die Frage, was du davon haben wirst, wenn du für das Startup arbeitest. Abgesehen von der Bezahlung. Gezielt Kontakte sammeln, konkrete Vorgehensweisen anwenden und darin besser werden, Know-how von den Gründern erhalten. Sprich im Bewerbungsgespräch offen an, was du mitbringst, wie das Startup durch dich profitiert und äußere, was du umgekehrt erwartest und achte auf die Reaktion.

7. Echte Arbeit statt Arbeitsproben

Wenn du nach einem Bewerbungsgespräch erst einmal eine umfangreiche Aufgabe erfüllen sollst, die eigentlich bezahlt gehört, werde hellhörig. Möglicherweise nutzt dann jemand deine Position als Bewerber, der sich von der besten Seite zeigen will aus, um kostenlos an Know-how und Input zu gelangen. Wenn du also nicht um bereits vorhandene Arbeitsproben gebeten wirst, sondern um die Ausarbeitung von Marketingplänen, Strategie-Papieren, umfangreichen Inhalten, Produktverbesserungen, Netzwerk Kontakte herausgeben oder deine Reichweite einsetzen sollst, könnte jemand versuchen, dich auszunutzen. Probearbeitstage oder das Erstellen von kleinen Einzelarbeitsproben, die 1-2 Stunden nicht übersteigen sind meiner Meinung nach in Ordnung, insbesondere, wenn es durch das Startup dadurch eine Gegenleistung gibt.

8. Grenzüberschreitungen und Missachtung von Arbeitszeiten

Neben klaren Arbeitsaufträgen vor Jobantritt gibt es noch weitere Anzeichen, wie das Absaugen von Informationen im Vorfeld eines Arbeitsverhältnisses in Form von Mails, Telefonaten oder immer wieder eingeforderten Meetings. Doch auch im späteren Arbeitsverhältnis kann es zur klassischen: „Kleiner Finger – ganze Hand“ Diskrepanz kommen. Überprüfe für dich selbst, ob das Verhältnis von deinem Arbeitseinsatz und den dafür erhaltenen Gegenleistungen stimmt.

9. (Schlechte) Entscheidungen ohne Kommunikation

Im oben genanngen Fall von Penny wurde bsw. eine Mitarbeiterin eingestellt, die ihr theoretisch unterstellt gewesen wäre. Sie wurde aber weder in die Personalentscheidung eingebunden, noch war die Hierarchie klar. Erschwerend hinzu kam die fachliche Untauglichkeit und fehlende Erfahrung der Mitarbeiterin.

10. Spielen die Gründer auf Zeit und zögern wichtige Entscheidungen heraus?

Wenn es gute Gründe für Verzögerungen insbesondere eurer Aufgaben gibt und diese Gründe auch kommuniziert werden ist das in den meisten Fällen in Ordnung und kann vorkommen. Werdet ihr immer wieder neu vertröstet, mit Ausreden hingehalten oder euer Gehalt wiederholt nicht pünktlich oder gar nicht gezahlt, besteht echter Handlungsbedarf!

Bonus: Wenn die Gründer die Mitarbeiter um Geld bitten, ist es Zeit zu gehen.

Einmal beim Mittagessen das Portemonnaie vergessen kann passieren. Offenes um Kredit bei Mitarbeitern bitten, ist ein sicheres Anzeichen für einen Jobwechsel eurerseits. Welche Konsequenzen Ihr daraus zieht, ist selbstverständlich Euch überlassen. Ich kann auch verstehen, dass man seine Gründer und Chefs nicht unbedingt mit potenziellen Fehlentscheidungen oder existenzgefährdenden Unternehmens-Problemen konfrontieren möchte.

Aber: Wenn nicht ihr, dann wer? Wenn euch zu viele Ungereimtheiten in Serie auffallen, sucht euch Unterstützung bei euren Kollegen und sprecht gemeinsam mit euren Gründern.

Übrigens: Wenn eure Gründer smart und ehrlich arbeiten, sollten solche Probleme entweder gar nicht erst auftreten und wenn direkt mit allen Team-Mitgliedern besprochen und nach einer Lösung gesucht werden. So schweißt man ein Team zusammen und wenn alle gemeinsam eine Lösung entwickelt haben, wird sie eher akzeptiert.

// Update:

Vielen Dank für euer Feedback! Ich möchte natürlich nicht den Eindruck erwecken, Startups und Gründer seien durchweg kriminell und nur darauf aus, ihre Mitarbeiter auszubeuten. Ganz im Gegenteil denke ich, der Großteil der Startups ist vorbildlich darin, eine faire, positive und transparente Unternhmenskultur aufzubauen und zu pflegen. Was ich im Artikel möglicherweise nicht stark genug heraus gestellt habe. Sorry, mein Fehler!

Ich habe mich vermutlich ein wenig zu sehr von Pennys Schilderungen beeindrucken lassen, die in ihrer Häufung von schief gelaufenen Ereignissen einzigartig ist. Vielmehr geht es mir in diesem Artikel darum, für die abgeleiteten Anzeichen zu sensibilisieren. Bei der Überschrift sind dann vielleicht doch ein wenig die Pferde mit mir durch gegangen 😉

Und ganz wichtig:
Alle oben aufgeführten Anzeichen gelten übrigens nicht ausschließlich für Startups sondern für jedes Unternehmen.

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