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Wer vor hundert Jahren erfolgreicher Entrepreneur sein wollte, wurde Fabrikant. Was heute das Startup ist, war vor einigen Jahrzehnten die Fabrik.  Darum schauen wir uns einige der erfolgreichsten Unternehmer aus Ostwestfalen wie Dr. August Oetker an: Wie starteten diese ostwestfälischen Gründer in der Vergangenheit ihr Unternehmen? Was können Startups heute noch von den Anfangstagen erfolgreicher Ostwestfalen lernen? Welche Strategien von damals funktionieren noch heute?

tl;dr – Einige der Lektionen, die wir in diesem Artikel von Oetker lernen können:

  • Mache ein B2B-Produkt dem großen Endkundenmarkt zugänglich
  • Passe Deinen Preis an vorhandene Produkte an
  • Nutze Kundendaten um sie direkt über Deine Produkte und Bezugsquellen zu informieren
  • Schule Kunden, wie sie Dein Produkt anwenden
  • Optimiere Dein Produkt mit Kundenfeedback
  • Mache Dein Produkt mit Content Marketing verständlich
  • Schaffe Anreize für Kunden, Dein Produkt immer wieder zu nutzen
  • Mit Newslettern kannst Du Deine Mitarbeiter auf die Unternehmensstrategie einschwören
  • Netzwerke mit anderen Unternehmen, Forschung und Lehre. Wenn es keine Netzwerke gibt: Baue sie auf!

Wir starten unsere Serie mit dem international wohl bekanntestem Unternehmen aus Bielefeld: Dr. Oetker. Das passt insofern besonders gut, als 2016 ein Jubiläumsjahr für Dr. Oetker ist. Das Lebensmittelunternehmen wurde vor 125 Jahren von Dr. August Oetker gegründet. Dabei hat der Unternehmer nicht nur Back- und Pudding-Pulver-Kreationen erfunden, sondern auch Strategien entwickelt, wie sie heute noch angewendet werden: Content Marketing zum Beispiel. Doch gehen wir erstmal ganz an den Anfang:

1. Wie gründete Oetker sein Unternehmen in Bielefeld?

Der junge Unternehmer Dr. August Oetker - Screenshot aus YouTube Film Firmengeschichte - (c) Dr Oetker Deutschland

Der junge Unternehmer Dr. August Oetker – Screenshot aus YouTube Film Firmengeschichte – (c) Dr. Oetker Deutschland

1878 Abitur in Bückeburg. Apothekerlehre in Stadthagen, die er 1881 abschloss. Dann begannen seine Wanderjahre und vermutlich ab 1884 arbeitete er einige Jahre bei einem Apotheken-Zulieferer in Hanau und begonn ein Studium der Naturwissenschaften in Berlin, das nach 4 Semestern 1888 abgeschlossen war.

Einige unternehmerische Anläufe unternahm er bereits in Berlin, die allerdings noch nicht von Erfolg gekrönt waren. Fail often, Fail fast!

Mit 29 Jahren, einer Frau und Sohn Rudolf kam Oetker nach Bielefeld und erwarb die Aschoffsche Apotheke am (heutigen) Alten Markt. Wir können darüber nur mutmaßen, aber es ist davon auszugehen, dass er die Apotheke bereits damals als Startpunkt erwarb, um seine Geschäftsidee zu verwirklichen. Nächtelanges experimentieren und optimieren seines Produktes folgten.

2. Wie hätte Oetker sein Business gepitcht?

Business Angels und Venture Capital gab es 1891 in der Form wie wir sie heute kennen natürlich noch nicht. Wie Oetker zu seiner Finanzierung kam, erfahrt ihr weiter unten. Sein Mini-Pitch klang in seiner Anzeige zur Eröffnung der Apotheke 1891 so:

„Mein Bestreben wird sein, einen Jeden, der meine Offizin mit seinem Vertrauen beehrt, auf das Beste zu bedienen.“

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erste Anzeige zur Eröffnung der Aschoff’schen Apotheke aus dem „Bielefelder Tageblatt“ vom 31. Januar 1891, Historische Sammlung Dr. Oetker

3. Wie hat Oetker sein Startup finanziert?

Es ist nicht bekannt, über wieviel Startkapital Dr. August Oetker verfügte. Hiltrud Böcker-Lönnendonker schreibt in ihrer Biografie über Caroline Oetker, dass es sich laut der Enkel des Firmengründers um eine Summe von 200. 000 Goldmark gehandelt haben soll. Diese Zahl ist allerdings nicht verifiziert. Da er für die neue Unternehmung selbst über keine Mittel verfügte, streckte ihm seine Schwiegermutter einen Teil der Kaufsumme vor. Der Rest wurde durch eine Hypothek aufgebracht. Die Übergabe der Apotheke am 1. Januar 1891 gilt als das Gründungsdatum der Firma Dr. Oetker. Im Mai 1900 wurde der Betrieb aufgrund der starken Nachfrage aus der Aschoff‘schen Apotheke in den ersten Fabrikbau an der Lutterstraße verlegt. Hier befindet sich auch heute noch der Unternehmenssitz von Dr. Oetker.

1900: Dr. Oetkers Erstes Firmengebäude in der Lutterstrasse, Bielefeld. (c) Dr. Oetker Deutschland

1900: Dr. Oetkers Erstes Firmengebäude in der Lutterstrasse, Bielefeld. (c) Dr. Oetker Deutschland

4. Wie sahen Zukunfts- und Wachstumspläne des Gründers Oetker aus?

Die Ansprüche von Dr. August Oetker an seine Unternehmung, Produkte und Mitarbeiter waren sehr hoch. Kundenbindungsmaßnahmen im heutigen Sinne gab es noch nicht. Der junge Fabrikant suchte deshalb den direkten Austausch mit den Händlern und Verbrauchern.

Ein wichtiges Instrument hierzu waren Anschreiben – also quasi Newsletter – an die Außendienstmitarbeiter mit denen er sie über seine Wachstumsvorstellungen unterrichtete. Hier ein Beispiel vom 8. Januar 1904:

„[…] Meine Artikel müssen im Jahre 1907 in allen Geschäften vorrätig sein. Das ist das Ziel, nach dem zu streben ist! Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn sich jeder Vertreter, ohne Ausnahme, energisch dem Verkauf der Probekartons widmet […].“

Oetker verfasste für seine Außendienstmitarbeiter außerdem Listen mit Anschriften von Lebensmittelhändlern, Hausfrauen, Köchen, Haushaltungsschulen, Frauen- und Konsumvereinen und sonstigen wichtigen Institutionen. Eine frühe Form von CRM sozusagen.

Zum Wachstum: 1913 überschritt die Menge der insgesamt produzierten Päckchen erstmals die Marke von 100 Millionen.

Das folgende Anschreiben aus dem Jahr 1904 gibt euch einen Einblick, wie der Unternehmer mit seinen Handelsvertretern kommuniziert hat. Das Original befindet sich in der Historischen Sammlung Dr. Oetker:

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(c) Dr. Oetker Deutschland

5. Welche Netzwerke hat Oetker genutzt, um sein Unternehmen voran zu treiben?

1903 zählte Dr. August Oetker neben Fritz Henkel zu den sechs Unterzeichnern der Gründungsurkunde des Verbandes der Fabrikanten von Markenartiklern. Mit unternehmerischer Kraft und Erfindergeist trieben sie den industriellen Fortschritt voran. Oetker tätigte außerdem als Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zu Förderung der Wissenschaften und des Bundes deutscher Forscher großzügige Zuwendungen an das Institut für Chemie.

Hier seht Ihr zum Beispiel eine Dr. Oetker Back-Schule, die mit Henkels Persil-Schule kombiniert war. So konnten beide gemeinsam die Zielgruppe Hausfrauen effizienter erreichen:

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Dr. Oetker- und Persil-Schule

6. Von welchen Hürden, die Oetker in seiner Startphase überwinden musste, wissen wir heute?

Neben der finanziellen Belastung in der Anfangszeit zählte der Tod seines einzigen Sohnes, Dr. Rudolf Oetker, der in der Schlacht vor Verdun im Jahr 1916 gefallen war, zu den wohl größten persönlichen Rückschlägen von Dr. August Oetker.

7. Welches war das größte Risiko, das er einging?

Noch zu seiner Zeit in Berlin beteiligte sich Dr. August Oetker an einem Unternehmen in Charlottenburg, das den Vertrieb von Erzeugnissen zur Einrichtung von Apotheken übernommen hatte. Da der Abnehmerkreis begrenzt war, reichte der Verdienst für die drei Teilhaber, zu denen Dr. August Oetker gehörte, kaum aus. Trotz der finanziellen Belastung, entschied sich Dr. August Oetker aus dieser Unternehmung auszusteigen und die Aschoff‘sche Apotheke in Bielefeld zu erwerben. Es ist nicht bekannt, unter welchen finanziellen Umständen sich Dr. August Oetker aus der Firma zurückziehen konnte.

Der erste geschäftliche Misserfolg in Berlin-Charlottenburg hatte den jungen Apotheker keineswegs abgeschreckt einen Neuanfang in Bielefeld zu wagen.

8. Wie hat Oetker seine Mitarbeiter motiviert und die Unternehmenskultur geprägt?

Oetker hat beispielweise sehr früh sein Know-how und seine Erfahrungen aus den Anfangszeiten als Unternehmer an seine Mitarbeiter weiter gegeben. Hier noch einmal ein Beispiel aus dem obigen Rundschreiben von 1904. Auf Seite 2 rät er seinen Vertrieblern zu unternehmerischen Handeln, dazu Mitarbeiter einzustellen um sich voll auf die Kernaufgabe des Verkaufens zu konzentrieren, aber auch bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine Work-Life-Balance einzuhalten:

„Ganz und gar sich dem Verkaufe widmen und die Contorarbeiten von Hilfskräften machen lassen. Die Unkosten dieser Hilfskräfte kommen wieder heraus, wenn man abends nicht mehr lange arbeitet, ordentlich schläft und am andern Morgen mit frischen Kräften den Kampf aufnehmen kann.“

Oetker-Newsletter-Aussendienstmitarbeiter-2

(c) Dr. Oetker Deutschland

 

Welches ostwestfälische Traditionsunternehmen inspiriert Euch beim gründen? Schreibt uns in den Kommentaren auf Facebook!

Einige Eindrücke vom Start des Unternehmens findet Ihr in diesem 2-minütigen Historien-Film in Oetkers YouTube Kanals. Die gesamte Firmen-Geschichte könnt Ihr hier nachlesen.