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„Wir möchten ja so gerne – aber irgendwie geht es noch nicht.“ Irgendwie ist das die Quintessenz der meisten Antworten auf Forderungen nach flächendeckender Elektromobilität. Dabei ist doch eigentlich alles da – na ja, zumindest an Autos. Es fahren ja nicht nur diese unglaublich sexy Teile durch die Gegend, die auf den Namen Tesla hören. So ein bisschen Elektro hat doch heute fast jeder Hersteller schon im Angebot, entweder als Hybridfahrzeug oder auch als Vollstromer. Warum zum Teufel also sehen wir die Dinger einfach nicht auf der Straße?

Machen wir doch mal den Versuch und schauen einfach, wie viele Ladestationen für Elektroautos wir auf einem Streifzug durch unsere nähere Umgebung entdecken… 15 herkömmliche Tankstellen, keine einzige sichtbare Ladesäule? Dürfte bei den meisten Menschen in Deutschland selbst in der Großstadt genau so passen. „Wenn in einer Stadt wie Gelsenkirchen auf 50.000 Einwohner eine Ladestation kommt, dann lässt sich Elektromobilität einfach nicht vermarkten“, sagt Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center der Uni Duisburg-Essen. Wohl wahr.

Einfach eine Steckdose am Mehrfamilienhaus? Von wegen…

Dass es einfach viel zu wenig Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge gibt, ist sicherlich der wichtigste Grund, warum in Deutschland gerade einmal rund 100.000 Elektrofahrzeuge unterwegs sind. Was soll man auch mit einem Fahrzeug, das man einfach nicht betankt kriegt? Schließlich hat nicht jeder ein Einfamilienhaus mit Garage, um eine eigene Ladestation zu installieren. Eine Steckdose einfach draußen ans Mehrfamilienhaus? Nee, so einfach ist das nicht…

Statt nur zu jammern, könnte man jetzt aber auch Morgenluft wittern – zumindest als engagierter Entwickler. Denn wenn man es genau betrachtet, bietet der umfassende Mangel an Ladestationen für Elektromobile eine große Chance, unsere bestehenden Konzepte der Stromversorgung neu zu überdenken. Einen Ansatz zeigt zum Beispiel jetzt Envision  bis 18. März auf dem Autosalon in Genf.

Elektrofahrzeuge als Stromversorger

Mit seinem Energiemanagementsystem EnOS verbindet Envision die Erzeugung erneuerbarer Energien, deren Speicherung und deren Management. Die Vision: Eine allumfassende Lösung für eine vernetzte Energiewelt. „Dank smarter Technologien und Kollaboration in einem durch EnOS orchestrierten Energie-Ökosystem können wir diese Vision Realität werden lassen“, sagt Gründer und CEO Lei Zhang.

Ein Baustein dieses Systems sind tatsächlich Elektromobile, die durch EnOS eben nicht nur geladen werden, sondern im Gesamtkonzert auch als Stromspeicher dienen und während ihrer Standzeit anderen vernetzten Dingen Strom zur Verfügung stellen können. Ganz schön clever: Immerhin hat so ein Elektroauto in etwa die Energie im Bauch, die ein herkömmlicher Haushalt in rund einer Woche benötigt. Ein Internet der Dinge UND deren Stromversorgung also.

Deutschland muss mit globalen Entwicklungen Schritt halten

Apropos clever: Ist jemand über den Namen Lei Zhang gestolpert? Falls nicht, hier noch mal ein Stupser. Ja, Envision klingt irgendwie nach anglo-amerikanischem Raum, hat seine Wurzeln aber in Shanghai, in China also. In einem Land, in dem Elektromobilität längst einen ganz anderen Stellenwert hat als bei uns. Und in dem nicht mehr die Frage gestellt wird, wann E-Mobilität endlich kommt, sondern wie man sie optimiert und in viele weitere Prozesse integriert.

„Im Vergleich zu China liegt Deutschland bei reiner Elektromobilität noch deutlich zurück“, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM). Wer es sich in Deutschland leisten könne, wolle lieber einen Tesla. Und wenn Fahrzeuge aus China zeigen, dass sie qualitativ gut und gleichzeitig preiswerter als deutsche Autos seien, dann könnten sie durchaus auch unsere Märkte erobern – und das schneller, als es manchem Hersteller hier zu Lande lieb sein dürfte.

Gute Hardware alleine ist zu kurz gedacht

Wenn, ja wenn denn auch bei uns die Infrastruktur stimmt. Und da hakt es, man kann es eigentlich nur gebetsmühlenartig wiederholen, momentan noch an allen Ecken und Enden. Und es mangelt eben nicht nur an Ladestationen oder Batterien mit höherer Leistung bei weniger Materialverbrauch und Gewicht. Neben Hardware braucht es nämlich auch jede Menge Lösungen für die Zukunft: vom effizienten Management der Ladepunkte (Wo ist wann was frei?) über die Fusion von Auto, Öffentlichem Nahverkehr, Rad und Fußwegen (Verkehrsmanagement) bis zu Mobilitätslösungen, die uns vom lästigen Besitz von Fahrzeugen befreien und statt dessen deren sinnvolle Nutzung so ermöglichen, dass wir dies auch als Befreiung verstehen.

Das sind, so pathetisch es jetzt vielleicht auch klingen mag, doch die eigentlichen Herausforderungen des großen Themas Elektromobilität. Nichts anderes als die große Stunde der Entwickler. Individualverkehr als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. IoT, Energielösungen, Bewusstseinsänderungen und (frei nach Douglas Adams) der ganze Rest. Mädels und Jungs, haut rein!