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– Über Stakeholder und andere (fleischige) Anglizismen

„Boah – mein Freund und ich hatten gestern Abend im Restaurant wieder Beef!“ Meine Unifreundin verdrehte genervt die Augen. Ich verstand weder ihr Problem, noch wusste ich, was ich jetzt sagen sollte und sagte deshalb: „Könnt ihr nicht mal was anderes bestellen?“

Solche und ähnliche Situationen passieren mir immer wieder und sind ein Paradebeispiel dafür, dass Anglizismen und ich nicht besten Freunde sind. Keine guten Voraussetzungen um in der Startup- und Freelancer-Szene zu arbeiten. Die Namen sprechen für sich. Irgendwo schmeißt immer jemand einen Begriff a lá Business-Idea, Brain Storm, Hangout, oder Teambuilding in den Raum – oder den Space.

Das Anglizismen und ich keine Freunde sind, ist eigentlich noch gelinde ausgedrückt – in vielen Fällen zeige ich körperliche Symptome. Die reichen von einer leichten Gänsehaut im Nacken bei kleineren Ausdrücken wie „on fire“, bis hin zu sich aufrollenden Zehennägeln, Magenkrämpfen und Brechreiz in Extremsituationen. Eine letztere hatte ich neulich in einem Coffeeshop (es gab Zeiten, da dachte bei dem Wort auch niemand an Kaffee…). Warum sich der anzugtragende Mittfünfziger-Kunde überhaupt in das schiefertafel-wandverkleidete und europalettig möblierte Etablissement verlaufen hatte, ist mir schleierhaft. Auf jeden Fall stand er schwitzend vor dem Tresen, klammerte sich mit beiden Händen an seine Aktentasche und wirkte zutiefst dankbar, dass er das klassische Coffeeshop-Quiz

  1. „Tall, Large, extra Large?“
  2. „Single Shot, Double Shot, Triple Shot?“
  3. „Flavour und/oder Topping?“

soweit unbeschadet überstanden hatte. Aber nicht dem Barista! „Möchtest du deinen Frappo´ ge-iced oder ge-heißt?“ „Ge-WAS?“ „Warm oder kalt?“ „Achso, warm.“

Anglizismen aus dem Weg zu gehen ist, grade im Startup-Umfeld, aber auch sonst unmöglich und natürlich kann auch ich mich nicht davon freisprechen. Immerhin schreibe ich eine Kolumne, die „Witty Wednesday“ getauft wurde (danke Anna).

Dass speziell die Gründerszene vermehrt auf Lehnwörter setzt, hat in meinen Augen drei Gründe:

  • Was Startups und junge Freelancer angeht, herrschte in Deutschland bis vor wenigen Jahren finsterstes Mittelalter. Wer eine gute Idee hatte ging in die USA und wart nie wieder gesehen. Wenn irgendjemand das Wort „Unternehmer“ benutzt, haben die meisten Leute auch jetzt noch einen alten grauen Anzugmann mit Zigarre, oder einen Yuppie mit Betonfrisur vor Augen.   Jetzt sind da aber plötzlich junge Leute, wohlmöglich linke Ökos, Hipster oder nicht-Unternehmer-Söhne/Töchter, die den Markt erobern. Abgrenzung muss her und das geht am besten über Sprache. Spätestens wenn jemand „mit to-go Mug in der Hand auf dem Longboard in den Coworking-Space skatet“, verstehen 90 Prozent der Ü-Dreißiger trainstation. So weit – so verständlich.
  • Neue Ideen erfordern neue Begriffe. Auch hierfür habe ich Verständnis. Denn auch wenn die deutsche Sprache uns mit so romantischen Wörtern, wie Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung gesegnet hat, stößt sie schneller an ihre Grenzen, als Gründer Ideen haben. Den Vokabelnachschub bekommt man am bequemsten im Englischen. Und dann klingen die Wörter halt auch noch so pfiffig. Das bringt uns zu:
  • Attitüde. Jetzt wird es kritisch. Das neue Business-Denglisch klingt hip und flott und die meisten Leute verstehen es nicht. Perfekt, um das eigene Projekt (schlimmer: die eigene Person) wichtiger scheinen zu lassen, als sie es sind. „Was machst du grade?“ „Ich denke nach.“ „Also nichts – dann hilf mir hier mal.“ Oder: „Was machst du grade?“ „Ich brainstorme.“ „Oh krass, lass dich nicht stören.“

Wer mir im Büro, auf Gründerpartys oder sonst wo sein geiles neues Projekt erklärt und dabei mit Absicht so viele importierte, oder selbstausgedachte Synonyme für Tätigkeiten wie „denken“, „planen“, oder „nichts tun“ verwendet, dass ich nicht folgen kann, weckt nicht mein Interesse, sondern meine Antipathie.

So ist es am Ende wohl weniger der Wortgebrauch an sich, der mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt, als der gezielte Einsatz sinnbefreiter Worthülsen, zwecks Wichtigtuerei. Wer redet, ohne etwas zu sagen, schweige. Danke.

Stay witty!

By Kolja Fach

Photo by Armando Ascorve Morales on Unsplash