Wann genau ging das eigentlich los mit dem ganzen Technologiekram? Also massenhaft, versteht sich – gemeint nicht die paar schrulligen Nerds, die sich über analoge Telefonleitungen mit Akustikkoppler in Newsgroups eingeloggt haben. Ja, als so eine Art Urknall kann man da wahrscheinlich ganz gut den 6. August 1991 nehmen: der Tag X, an dem die erste Webseite veröffentlicht wurde. Die weitere Erfolgsgeschichte des World Wide Web ist bekannt.

Dass das WWW heute weite Teile von Wissensvermittlung und Entertainment ausmacht und außerdem gigantische Möglichkeiten für Geschäftsmodelle eröffnet, kam natürlich nicht von alleine. Das war maßgeblich das Ding der Entwickler: gute Ideen umsetzen, im Massenmarkt austesten und damit Geld verdienen – oder auch nicht. Und natürlich jeden Technologiesprung mitspringen.

Webseiten bauen zum Beispiel war so eine Sache, mit der man in Laufe der 1990er Jahre Unternehmen richtig glücklich und selber Kasse machen konnte. Aber Webseitengestaltung als Startup-Idee? Klar, so war das damals – also 1997, als der Gründerwettbewerb des Bundes Premiere hatte. Der erste seiner Art in Deutschland, der ausschließlich digitale Unternehmensideen im Blick hatte.

„1997 hatten wir einen Riesenstau an Ideen“

„In dieser ersten Runde hatten wir 1423 Beiträge. Da war ein riesiger Stau an Ideen“, sagt Wolfram Groß von der VDI/VDE Innovation + Technik Gesellschaft in Berlin, seit damals Projektträger des Wettbewerbs. Tausende Teilnehmer hat Groß seit 1997 kennen gelernt – und die kleinen und großen Veränderungen in der Startup-Gemeinde abgespeichert.

Rund die Hälfte der Teilnehmer hatte 1997 tatsächlich Webdesign als Geschäftsidee im Blick. „Das war auch damals zu wenig Innovation, aber bei den anderen Beiträgen waren auch in der ersten Runde schon tolle Ideen dabei“, so Groß. Bekannt ist zum Beispiel das Aachener Marktforschungsunternehmen Dialego von Andera Gadeib – inzwischen Seriengründerin und Business Angel. Oder Alexander Wiegand und Thomas Golob, die Gründer von MapSolute. „Die beiden kamen damals mit ihrer Diplomarbeit direkt aus dem Studium und gründeten ohne Luft zu holen“, erinnert sich Groß.

Dabei war die Hemmschwelle vor 20 Jahren durchaus höher als heute, so der Projektleiter. „Früher hatte man am Start mehr Bedenken: Geht das gut, kann ich das schaffen? Heute sehe ich häufig einen größeren Mut, mit einer Idee rauszugehen“, sagt Wolfram Groß. Und auch ein mögliches Scheitern werde mittlerweile von vielen gelassener gesehen.

Trend hin zu Industrieanwendungen

Insgesamt habe sich die Gründerszene im Laufe der vergangenen 20 Jahre auch inhaltlich deutlich gewandelt. „Es geht immer weniger um Web-Plattformen, Shops oder Werbung. Statt dessen sehen wir einen Trend hin zu KI oder Industrie 4.0-Lösungen. Auch Hardware-Lösungen für die Industrie – von der Robotik bis zu Nachfolgern von Rollstühlen, die auch Treppen steigen können“, so Wolfram Groß. Selbst Bereiche wie die Baubranche, die nun wirklich nicht für einen hohen Grad der Digitalisierung bekannt sind, rücken inzwischen in den Fokus von Gründern.

Das liege, so Groß, auch daran, dass sich klassische Unternehmer immer mehr dem Thema Digitalisierung öffnen. „Mittelständler wissen mittlerweile, wie träge sich eigene Entwicklungsabteilungen oft im Mainstream bewegen. Da sind frische Ideen von außen willkommen. Viele Startups erkennen das auch und haben deshalb mehr Selbstbewusstsein zu fragen: ‚Was springt für uns dabei raus?‘ Ich finde das sehr gut.“

Keine Frage: Exzellentes Fachwissen war auch vor 20 Jahren eine Grundvoraussetzung für den Erfolg eines Startups. Drumherum allerdings hat sich eine Menge verändert. „Wenn heute mit einem Finanzier Gespräche stattfinden, werden definitiv andere Anforderungen gestellt als vor 20 Jahren. Da werden deutlich andere Kompetenzen erwartet.“

Und auch die Zusammensetzung von Teams habe sich geändert. „Wenn ich ein Gründerteam habe, bei dem sieben Mitglieder ihre Dissertationen zu einem bestimmten Thema zusammentun, dann ist das schon enorm schlagfertig. So etwas sehen wir immer häufiger“, sagt Wolfram Groß. Nicht selten stünden hinter solchen Teams dann auch Professorenpersönlichkeiten, die den wissenschaftlichen Nachwuchs bewusst in die Gründung schubsen würden.

Coaching als Erfolgsmodell

Natürlich kommt nach so einem freundlich gemeinten Schubser dann oft der Sprung ins kalte Wasser. Wobei sich Gründer heute auf etwas verlassen können, was es vor 20 Jahren definitiv so nicht gab: Coaching. „Das ist auf jeden Fall ein Erfolgsmodell“, weiß Groß. Ohne Coaching seien Gründungen kaum noch denkbar – aus gutem Grund. Denn es sind ja nicht nur die Einheiten mit Experten, die einen weiterbringen. „Ein ganz wichtiger Punkt ist es, Gründer zusammenzubringen. Wer sich über seine Ideen und Pläne austauscht, lernt auch voneinander und vernetzt sich. In diesem Bereich sind Gründer in den letzten Jahren viel aktiver geworden, weil sie wissen, was ihnen das bringt.“

Fehlt dann, wenn alles passt, oft nur noch ein wichtiger Baustein: die Finanzierung. Die ist – so wie schon vor 20 Jahren – in vielen Fällen immer noch eine echte Hürde. Wobei sich die Situation, so Groß, insgesamt deutlich verbessert habe. „Es gibt heute mehr Investoren und Business Angels, und auch von staatlicher Seite ist da einiges passiert.“ Schwierig sei es aber immer dann, wenn sich ein Unternehmensmodell nicht so skalieren ließe wie zum Beispiel bei Zalando. „Wenn Finanziers eine zu geringe Marge sehen, dann haben Startups selbst in stabilen Nischen wie dem Maschinenbau auch heute häufig Probleme, das benötigte Geld zu bekommen.“