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Alle reden von Virtual Reality (VR), dem Abtauchen in künstliche Welten, und wittern dort ein Milliardengeschäft. Dabei wird leicht übersehen, dass eine andere Technologie, Augmented Reality (AR), längst in den Alltag eingedrungen ist und noch enorm an Bedeutung gewinnen wird. Wo AR schon eingesetzt wird und was kommen wird – ein Überblick.

Augmented Reality heißt übersetzt „erweiterte Realität“ und bedeutet, dass der der realen Welt künstliche Elemente hinzugefügt werden. Im Prinzip ist es auch AR, wenn in einem Gewächshaus Vogelstimmen und Affengeschrei vom Band kommen, um eine Dschungelatmosphäre zu kreieren. Verwendet wird der Begriff allerdings fast ausschließlich für visuelle Erweiterungen, die der Computern erzeugt. In einer simplen Form kennen Zuschauer von Sportübertragungen das schon lange. Beim Skispringen beispielsweise wird mit einer in das Livebild eingeblendeten roten Linie die Mindestweite markiert, die der Springer erreichen muss, um in Führung zu gehen. In der Realität vor Ort sehen weder Athlet noch Zuschauer diese Linie.

VR bedeutet immer ein völliges Heraustreten aus dem Hier und Jetzt. Das kann zu Unterhaltungszwecken geschehen oder als Methode zur Fortbildung dienen. Fakt ist, dass sich der reale und der virtuelle Ort, an dem sich die Nutzer befinden, voneinander unterscheiden. In der Augmented Realitiy unternimmt der User dagegen keine Reise in eine andere Welt, er holt sich höchstens Elemente aus einer anderen Welt in seine eigene. Ein populäres Beispiel ist das Smartphone-Spiel Pokémon Go, bei dem Comicmonster plötzlich an der Straßenecke lauern oder auf dem Schreibtisch sitzen.

Pokémon Go hat Augmented Reality auf die Tagesordnung gesetzt

Mit diesem Spiel hielt eine AR-Anwendung Einzug in den Massenmarkt, die eine Eigenschaft besitzt, die den Einblendungen bei Sportübertragungen fehlt: die Möglichkeit zur Interaktion. Ganz neu ist das allerdings nicht, denn die Kriterien Massenmarkt und Interaktion erfüllte auch eine App des Möbelhauses IKEA, die schon 2013 auf dem Markt war und deren Funktionsweise folgendes Video zeigt.

Wie bei Pokémon Go funktioniert hier die Erweiterung der Realität mithilfe eines Smartphones oder Tablets. Anwendungen, die zwei freie Hände benötigen, sind so natürlich nicht möglich. Der logische nächste Schritt ist eine spezielle Brille, über die sich virtuelle Elemente in die Wirklichkeit einblenden ließen. Mit Google Glass ist ein Projekt, das in diese Richtung gehen wollte, bereits gescheitert. Glass war ein Minicomputer mit einer Digitalkamera, der an einer Brille befestigt wurde und Informationen ins Sichtfeld der Nutzer projizieren konnte. Ähnliches kennen Kinofans aus Filmen wie Terminator. Trotz großer Resonanz in den Medien kam das Projekt nie über eine erweiterte Betaphase hinaus, der Verkauf wurde Anfang 2015 eingestellt. Im kleinen Rahmen finden unter dem Titel „Glass at work“ noch ein paar Testanwendungen statt.

Google Glass (Foto: Mikepanhu / Wikipedia)

Google Glass (Foto: Mikepanhu / Wikipedia)

Ein solcher Flop soll Microsoft mit seiner HoloLens nicht passieren. Dabei handelt es sich um eine vollständige Augmented-Reality-Brille, und da zeigt sich auch schon der erste Nachteil gegenüber Glass. Kam das Google-Produkt noch recht schlank daher, ist die HoloLens ähnlich klobig wie bereits erhältliche VR-Brillen. Außerdem ist das Sichtfeld bei dem technisch ansonsten sehr ausgereiften Gerät mit 30 bis 40 Grad recht gering. Dritter Nachteil: Bisher ist die HoloLens nur einem Fachpublikum zugänglich, zu einem stolzen Preis von 3.000 Dollar. All das ist ärgerlich für die Anbieter, darunter auch einige Startups, die schon Konzepte für diese Technologie entwickelt haben. Hier ist vielerorts die Software deutlich weiter als die Hardware.

Aufzüge warten mit der HoloLens

Was nicht heißen soll, dass die HoloLens nicht schon Anwendung findet. Am 15. September 2016 hat thyssenkrupp verkündet, bei seinem Wartungsservice MAX für Aufzüge auf die Technologie zu setzen. „Die Servicetechniker von thyssenkrupp werden mit Hilfe der HoloLens in der Lage sein, die spezifischen Kenndaten eines Aufzugs bereits vor einem Einsatz zu visualisieren. Vor Ort ermöglicht HoloLens jederzeit Zugang zu allen technischen Informationen des Aufzugs, Expertenunterstützung per Bildübertragung und das alles mit dem Vorteil, jederzeit beide Hände frei zu haben“, heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: „Erste Versuche haben gezeigt, dass die Arbeit mit Unterstützung der HoloLens bis zu vier Mal schneller erledigt werden kann.“ (Das Foto ganz oben zeigt die HoloLens im Einsatz für thyssenkrupp).

showroom

Für die alltägliche Nutzung von AR-Programmen wird allerdings vorerst das Smartphone oder Tablet erste Wahl bleiben. So zeigte der britische Online-Modehändler Lyst bei der Londoner Fashion Week Mitte September 2016, wie sich halbnackte Models mit einer App ankleiden lassen. Das soll bald auch zuhause funktionieren, Kunden können so Kleidungsstücke virtuell anprobieren. Lyst hofft, dadurch die Zahl der Reklamationen und Rücksendungen verringern zu können. Ähnliche Anwendungen existieren auch für andere Branchen, etwa im Automobilhandel mit einem digitalen Showroom für Ferrari. In dem kann der Nutzer beispielsweise die Lackierung per Klick verändern (Foto oben: Screenshot aus dem Werbevideo).

Für Tim Cook ist AR größer als VR

Entwickelt hatte die Ferrari-Doftware das Münchener Unternehmen Metaio, das 2015 von Apple aufgekauft wurde. Der Computerriese hat sich in letzter Zeit verstärkt um das Geschäftsfeld AR gekümmert und eine Reihe Experten aus diesem Bereich engagiert. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC hat Apple-CEO Tim Cook gerade erklärt: „Es gibt Virtual Reality und es gibt Augmented Reality – beide sind unglaublich interessant. Aber meiner persönlich Ansicht nach ist Augmentes Reality die größere von den beiden, wahrscheinlich mit Abstand.“

Hat er recht, eröffnet das große Chancen auch für kleinere Unternehmen wie Magic Leap. Wobei „klein“ nur im Vergleich zu Apple zutrifft. Immerhin hat das Startup aus Florida schon knapp 1,4 Milliarden US-Dollar von Investoren bekommen (darunter Google und Alibaba) und eine Bewertung von 4,5 Milliarden erreicht. Wahrscheinlich ist daher „geheimnisvoll“ das passendere Adjektiv. Kaum jemand weiß nämlich genau, was Magic Leap genau macht. Von einem „Headset“ ist die Rede, von einer Brille, also etwas ähnlichem wie der HoloLens. Nur mit viel realistischeren und glaubwürdigeren Resultaten (einen Eindruck vermittelt das Video oben). Ein „photonic lightfield chip“ soll Bilder direkt auf die Netzhaut projizieren. Das klingt ziemlich nach Science Fiction. Passenderweise ist das Unternehmen mittlerweile eine Kooperation mit Lucasfilms eingegangen, den Star Wars-Machern.

Welche Technologie auch immer sich durchsetzen und von einem breiten Publikum akzeptiert werden wird: Augemented Realität wird bald alltäglich sein. Dafür sorgen die Einsatzmöglichkeiten in fast allen Bereichen. Am Arbeitsplatz, beim Shoppen, in der Freizeit; AR wird uns in allen Lebensbereichen begleiten, bis wir sie als solche gar nicht mehr wahrnehmen. Die erweiterte wird zur normalen Realität, die virtuelle ist dann von der greifbaren Welt kaum noch zu trennen. Ob das eine traum- oder albtraumhafte Vorstellung ist, muss jeder für sich entscheiden.