Bist du ein Mensch? 7   +   3   =  

Die vergangenen Wochen habe ich mit unglaublich vielen Menschen in Workshops über Disruption gesprochen. Die meisten von ihnen kamen nicht aus Startups, sondern eher aus der traditionellen Wirtschaft und wollten erfahren, was es mit Disruption auf sich hat. Ob und wie sie ihre Unternehmen und Geschäftsmodelle schützen können. Was das mit Milchkug Startups, Unicorns und Zebras zu tun hat?

Let me explain. Vor der Disruption kommt vor allem eines: Wachstum.

Wenn wir uns mal Y Combinators KPIs anschauen, dann wird dort eine Growth-Rate von 5% pro Woche erwartet und 10% Wachstum pro Woche werden bei YC als außerordentlich gutes Ergebnis bezeichnet.

Was bedeuten 10% Wachstum pro Woche?

Menschliche Vorstellungskraft hat ein Problem mit exponentiellem Wachstum: Wenn ihr mit eurem Startup 100 Euro pro Woche verdient – was würdet ihr schätzen steht nach 3 Jahren mit einer 10% Growth-Rate pro Woche unterm schwarzen Strich eurer Jahresbilanz? Bevor ihr jetzt den Rechner zückt, machen wir es nicht weiter spannend: 15.000.000.000€ – richtig gelesen. 15 Milliarden. Das ist sicherlich ein erstrebenswertes Ziel, aber auch für jedes Startup realistisch und zu jedem Founder-Team passend? Wohl eher nicht. Darum heißen Unicorns auch so – weil es sehr seltene Fabelwesen sind.

Hinzu kommt, dass die Errungenschaften von Unicorns wie Google, Facebook, dem iPhone, Uber, Airbnb auch sehr schnell zu Normalität und Gewohnheit werden, wie Tim O’Reilly schon 2015 erkannte.

Das führt laut einer Studie, die WIRED im Mai aufgegriffen hat dazu, dass Startups sich bewusst von Investoren bis zu 50% überbewerten lassen, um Unicorn-Status zu erhalten und damit beim Börsengang mehr Geld einzusammeln.

Wait, what: Milchkühe?

Vor gut einem Jahr gab es einen bemerkenswerten Artikel von Jennifer Brandel and Mara Zepeda mit dem Titel „Zebras Fix What Unicorns Break“, in dem die Autorinnen (beide CEOs von Startups, die mit einer anderen Philosophie an den Start gehen) erklären, dass eine Fokussierung auf die oben genannten Wachstumsraten zu echten Problemen führen können. Insbesondere die Werte eines Unternehmens werden so von Beginn an falsch oder gar nicht ausgerichtet.

Darum haben die beiden mehr ethische und inklusive Zebra-Unternehmen gefordert, die das wieder reparieren, was Einhörner ihrer Meinung nach kaputt machen. Die Diskussion wurde vor allem aus der Perspektive des Silicon Valley und dem dortigen Mangel an Diversity angestoßen.

Nichtsdestotrotz lässt sich die Zebra-Analogie auch auf Ostwestfalen-Lippe übertragen. Erlaubt mir dazu, ein etwas regionstypischeres Tier als Metapher ins Rennen zu schicken. Ganz ohne Glitter, Regenbogen und Feinstaub – aber bodenständig und als Herde durchaus mit Disruptionspotenzial:

Die Schwarz-Bunte Milchkuh

Warum Milchkuh statt Unicorns & Zebras?

Die Vorzüge von Bos primigenius taurus als Startup-Analogie (frei nach Brandel und Zepeda):

  • Milchkühe gibt es im Gegensatz zu Einhörnern tatsächlich
  • Milchkühe sind Herdentiere. Sie schützen und unterstützen einander, sodass die Herde langfristig wächst
  • Milchkühe sind – richtig eingesetzt – gut für ihr Ökosystem und den Boden auf dem sie stehe
  • Milchkühe erzeugen verschiedene, nachhaltige Income-Streams: Milch, Fleisch, Zuchttiere, Biogas
  • Milchkuh-Unternehmen sind schwarz und weiß: Sie können gleichermaßen gewinn- und wachstumsorientiert sein und nachhaltig, sowie wertvoll für die Gesellschaft sein

Während sich das Einhorn auf exponentielles Wachstum und Wettbewerb fokussiert, schafft die Milchkuh langfristigen Wohlstand in Kollaboration. Einhörner messen sich am Nutzerwachstum und Maximierungen, die KPI für Milchkühe sind der Mehrwert für den Nutzer und auf der Messlatte steht:

„Gerade richtig und immer einen Tucken (kleinste und größte ostwestfälische Maßeinheit) besser als gestern“.

Hierzu ein paar Beispiele (nicht nur) aus Ostwestfalen:

Ein Hauch Social Entrepreneurship in jedem Unternehmen

Anfang Januar wandte sich Laurence D. Fink, CEO des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock mit einem Brief an internationale CEOs und wies auf folgendes hin: „Um über lange Zeit zu gedeihen, darf ein Unternehmen nicht nur finanziell leistungsfähig sein, sondern muss auch zeigen, wie es einen positiven Beitrag zur Gesellschaft liefert.“

Im weiteren Verlauf hat Fink, der über 6 Billionen Dollar Investment-Kapital verfügt, mal eben gesagt: „Entweder macht Ihr die Welt mit eurem Business auch ein Stück besser oder möglicherweise arbeiten wir bald nicht mehr mit Euch zusammen.“

Wie das gehen kann, zeigt unser Beispiel aus dem Founders Talk mit Titus Dittmann sehr gut: Ein Unternehmer mit knapp 40 Jahren Erfahrung wendet sein Know-how auf eine Unternehmung mit gutem Zweck an. Das Ziel des Ventures ist es, Jugendliche in Afghanistan aufs Skateboard zu bekommen und damit die Welt langfristig zu verbessern.

Nachhaltiges Gründen

In den ersten zwei Jahren scheitert 1 von 3 traditionellen Unternehmen. Im gleichen Zeitraum scheitern 9 von 10 Startups. So jedenfalls die Zahlen aus Unicorn Valley. Hopp oder Top.

Das ist nur die kurzfristige Sicht. Um mit Fridtjof Detzner einen weiteren Founders Talk Gast zu zitieren:

„Wenn Du das 18 Jahre lang machen willst, sollte es Dir besser Spaß machen.“

Wenn das Ziel einer Gründung nicht der möglichst schnelle Exit ist, sondern das langfristige Wirtschaften mit gesundem Wachstum und sinnvoller Innovation, ist zum einen der Erfolg wie auch die persönliche Motivation sehr viel wahrscheinlicher.

Gründen mit Werten und eine Bewegung schaffen

Philipp von (Achtung, das entbehrt jetzt nicht einer gewissen Ironie), dem nachhaltigen Kondomhersteller: Einhorn.my hat es in unserem Interview ziemlich cool auf den Punkt gebracht:

„Was das Produkt ist, ist total zweitrangig. Es ist wichtig, sich klar zu sein, dass Geld nicht alles ist. Es geht darum, in einer Gemeinschaft etwas cooles und sinnvolles zu machen und dabei viel Spaß zu haben. Auch als Unternehmer sollte man ein geiles Leben haben und wenn Du dann auch noch etwas zurück geben kannst, ist das noch viel besser.“

Er beschreibt, wie Einhorn.my sich bereits bei der Gründung auf Werte festgelegt hat, die die gesamte Entwicklung des Unternehmens positiv beeinflusst haben. Von den ersten Hirings über das Marketing bis hin zu Events und der Produktentwicklung und Supply-Chain.

Bei aller Technisierung den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Das Bielefelder Startup Talee Network (formerly known as: Spende Dein Talent) hat erkannt, dass sich Digitalisierung in Unternehmen durch Kommunikation, Vernetzung, Vertrauen, Austausch von Wissen auf Augenhöhe und Diversity deutlich besser umsetzen lässt, als mit Top-Down Entscheidungen.

Das zeigt sich sowohl in der persönlichen Vermittlung des Produktes wie auch in der Umsetzung der digitalen Plattform.

Der konsequente Fokus auf User Experience und das Verständnis, digitale Werkzeuge nur als Unterstützung für den Menschen zu verstehen, sind Qualitäten, die Startups nachhaltig erfolgreich machen können.

Startups sind Familienunternehmen in erster Generation – mit großer Vision

Diese Definition gab Verena Pausder, Gründerin von Fox and Sheep (und aus einem Bielefelder Familienunternehmen stammend) 2017 beim Founders Talk. Dieses Verständnis eines auf Generationen ausgelegten Unternehmens, aber auch mit einer großen Vision, ist in unserer Region seit langem verankert.

Ihr bester Tip im Interview lautete aber auch:

„Habt eine große Vision! Und wenn ihr dann statt der Bank der Zukunft pivoted und der Versicherer der Zukunft werdet, dann ist das auch OK.“

Werte schaffen statt Disruption um ihrer selbst Willen

Baut ein Produkt, das euren Kunden wirklich weiter hilft und das viel besser ist als alles, was es für den Kunden bisher gibt. Was eure Kunden wirklich wollen und bereit sind, dafür zu zahlen, ist eine grundsolide Basis, auf der ihr nachhaltig aufbauen könnt. Wenn daraus ein disruptives Produkt entsteht: Super! Dann ist die Disruption ein natürliches Ergebnis daraus, etwas besseres aufzubauen.

Geld verdienen und Profit machen ist dabei überhaupt nicht verwerflich

Ganz im Gegenteil. Aber andere Werte sollten dabei nicht aus den Augen verloren werden wie:

– Spaß haben
– Sinn schaffen
– Gesellschaftlicher Mehrwert
– Bodenständigkeit
– Ruhe und Gelassenheit

Jason Fried von Basecamp hat hier zwei wunderbare Artikel geschrieben: Für das Profit machen und gegen das Maximieren. Absolute Leseempfehlung.

tl;dr der beiden Artikel:

„Ein profitables Business zu haben bedeutet nicht, das letzte Tröpfchen Saft rauszupressen. Es ist nicht alles oder nichts. Ihr könnt profitabel und großzügig sein. Profitabel und fair. Profitabel und freundlich. Es sind nicht 2 verschiedene Enden eines moralischen Spektrums. Ganz im Gegenteil.“

„Spaß haben, Ideen entdecken, etwas erschaffen, Probleme lösen, großartige Dinge für dich und deine Kunden bauen, Stolz auf deine Arbeit sein, dich selbst herausfordern, lernen, wachsen, ein nachhaltig wachsendes Unternehmen in deinem eigenen Tempo aufbauen, der Welt etwas nützliches hinzufügen und mit tollen Leuten zusammen arbeiten. Das ist es, worum’s geht. Nicht das Maximieren einer bestimmten Metrik.“

Schaut euch das Zebra-Movement an

Zebras Fix What Unicorns Break War der ursprüngliche Artikel, der die Diskussion ins rollen brachte. Daraus entstand mittlerweile mit dem Follow-up Zebras: Let’s Get In Formation eine eigene Gründerbewegung, die sich von der typischen Silicon Valley Herangehensweise abgrenzt.

Ihr merkt schon, so sehr wie ein Auge bei den Tier-Analogien zwinkern mag, das andere schaut durchaus ernst auf die bewussten Aspekte des Gründens: Welches Tier wir als Analogie benutzen, ist relativ egal. Ob Milchkuh oder Zebra, was jedem Startup helfen kann ist, sich mit verschiedenen Gründungs-Philosophien zu beschäftigen, statt nur die relativ unwahrscheinlichen Unidorn-Werte anzustreben.

**Was denkt ihr? Völliger Nonsens und der Markt wird’s schon regeln oder ist es aus eurer Sicht sinnvoll eine nachhaltigere Art des Gründens anzustreben? Diskutiert mit uns auf Facebook!

Dive deeper

Einige Beispiele für Zebra Unternehmen wie Basecamp, Zapier und Mailchimp
Unicorns are rare this study suggests they should be even rarer
Here’s How Unicorns Trick You Into Thinking They’re Real – Bloomberg
Why I prefer working for a zebra, not a unicorn
BlackRock’s Message: Contribute to Society, or Risk Losing Our Support
Why Startups Focused on Solving Social Problems Are Attracting Investors
This Search Engine Is Profitable Without Tracking You Online. And Google and Facebook Could Do It Too
We’ve Got This Whole Unicorn Thing All Wrong!
Growth Hacking vs Value Hacking – Focus on value, not on metrics

Eine praktische Einführung in nachhaltiges Slow Business gab es auf der re:publica von einer der Gründerinnen hinter dem Podcast-Label Haus1. Sicher nicht für jeden etwas, aber den Horizont erweitern kann nicht schaden:

Artikelbild Angelina Litvin on Unsplash