Als Angela Merkel vor drei Jahren das Internet als „Neuland“ bezeichnete, musste sie dafür viel Spott über sich ergehen lassen. Dabei gibt es in den Weiten des Webs tatsächlich Regionen, die für die meisten noch unbekanntes Territorium sind. „Blockchain“ ist der Name eines dieser Wunderländer. Wir machen uns auf die Reise, um zu verstehen, welche Schätze uns dort erwarten könnten.

Die Geschichte neu entdeckter Länder und Kontinente ist häufig verknüpft mit legendären Namen. Bei China etwa ist das Marco Polo (der möglicherweise nie dort war) und bei Amerika Christoph Kolumbus (der eigentlich nach Indien wollte). Bei Blockchain heißt diese Legende Satoshi Nakamoto. Zwar gab es schon in den 1990er Jahren Überlegungen zur kryptografisch abgesicherten Verkettung einzelner Datenblöcke. Nakamoto aber war der erste, der dank der Kryptowährung Bitcoin eine breitere Öffentlichkeit mit diesem Konzept erreichte.

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Das Bitcoin-Logo (Quelle: Wikipedia)

Dabei ist Satoshi Nakamoto nur ein Pseudonym, und es ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt, wer sich dahinter verbirgt. Im Mai 2016 behauptete der Australier Craig Steven Wright, Nakamoto zu sein. Den unwiderlegbaren Beweis dafür ist er allerdings bisher schuldig geblieben. Bitcoin dagegen ist real – sofern man das von einer virtuellen Währung überhaupt behaupten kann. Sie wird dezentral geschaffen und verwaltet mithilfe einer Datenbank, in welcher alle Transaktionen gespeichert werden. Wie Bitcoins im Detail entstehen, welche Vor- und Nachteile sie haben und ob die Welt sie überhaupt braucht, wollen wir hier nicht vertiefen. Entscheidend ist das Prinzip, das dahintersteckt, und das ist eben das einer Blockchain (davon gibt es nämlich viele). Womit eines gleich klar sein sollte:

Blockchain ist nicht gleich Bitcoin

Blockchain funktioniert im Prinzip in sechs Schritten:

  1. A möchte irgendetwas an B senden.
  2. Diese Transaktion wird online als „Block“ dargestellt.
  3. Dieser „Block“ wird an alle Parteien eines Netzwerks geschickt.
  4. Alle Parteien bestätigen die Richtigkeit und Gültigkeit der Transaktion.
  5. Der „Block“ wird einer Kette mit Blöcken ähnlichen Inhalts hinzugefügt.
  6. Die Transaktion von irgendetwas von A nach B kann stattfinden.

Theoretisch sind solche in einer Blockchain niedergeschriebenen Transaktionen besonders sicher. Das hat zwei Gründe. Erstens, weil eine Vielzahl von Teilnehmern diese bestätigt hat. Und zweitens, weil eine Änderung eines Blocks ohne einen Eingriff in die gesamte Kette nicht möglich ist. Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Hacker möchte „Block 72“ manipulieren. Die Kette besteht aber inzwischen bereits aus 98 Elementen. Also müsste er auch die Blöcke 98 bis 73 hacken, um überhaupt an die 72 heranzukommen.

Wesentliches Element neben dieser hohen Sicherheit ist der dezentrale Charakter einer Blockchain. Es gibt nicht die eine, genau lokalisierbare Kontrollinstanz, wie etwa eine Bank oder Behörde. Tatsächlich ist sie auch keine echte Instanz, sondern ein Distributed Ledger, ein dezentrales Hauptbuch. Oder, anders ausgedrückt: Eine unveränderliche, chronologisch geordnete Datenbank, die Informationen enthält, welche von den Akteuren in einem Netzwerk für wahr befunden wurden.

Wo Blockchain sinnvoll ist

Blockchain kann, wie gesagt, in allen möglichen Bereichen eingesetzt werden. Ob das immer Sinn ergibt, ist eine andere Frage. Von folgenden sechs Kriterien sollten zumindest vier erfüllt sein:

  • Daten werden von zahlreichen Parteien geteilt.
  • Zahlreiche Parteien aktualisieren die Daten.
  • Eine Verifizierung von Aktionen ist notwendig.
  • Der Wegfall von Zwischenhändlern reduziert Kosten.
  • Die Beschleunigung von Vorgängen bringt einen wesentlichen Vorteil.
  • Von verschiedenen Parteien durchgeführte Transaktionen hängen voneinander ab.

Die gängigste Transaktion im Internet ist natürlich der Geldtransfer, etwa beim Bezahlen einer Ware. Dementsprechend wird Blockchain häufig als die Technologie angekündigt, die den klassischen Banken endgültig den Garaus machen könnte. Das wurde noch vor wenigen Jahren auch über Fintech-Startups gesagt, die inzwischen aber viel lieber auf Kooperationen mit ihren vermeintlichen Gegnern setzen. Und auch mit Blockchain beschäftigen sich längst alle wichtigen Finanzdienstleistungsunternehmen und versuchen, diese Methode für ihre Zwecke zu nutzen. Der von einigen Internetromantikern herbeigesehnte Bankensturm fällt also mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.

Ähnlich sieht es in der Versicherungsbranche aus. Gerade haben sich die Münchener Rück, die Allianz, die Swiss Re, die Zürich Versicherung und die niederländische Aegon zur Blockchain Insurance Industry Initiative (B3i) zusammengeschlossen. Die fünf Unternehmen wollen gemeinsam herausfinden, welche Möglichkeiten die Verschlüsselungstechnologie ihrer Branche bietet. Andere Versicherungen sind eingeladen, sich der Initiative anzuschließen.

Gehört die Zukunft den Smart Contracts?

Findet die Revolution dann vielleicht im Rechtsbereich statt? Smart Contracts sind eine Idee, die schon lange durch das Internet geistert. Das Abschließen von Verträgen ist eine zeitaufwändige und komplizierte Prozedur. Eine digitale Automatisierung hätte viele Vorteile: Kostenersparnis, vereinfachte und verständliche Standards, eine Beschränkung auf das Wesentliche und die Umgehung sich gegenseitig hemmender Rechtsvorschriften verschiedener Länder. Die Nachteile allerdings sind auch nicht zu übersehen: Die in einem Vertrag verwendete Sprache kann nie so eindeutig sein, dass Missverständnisse nicht vorkommen. Und was passiert bei einem vermeintlichen oder tatsächlichen Vertragsbruch? Die Mitglieder eines Blockchain-Netzwerkes sind anonym und haben zudem keinerlei juristische Kompetenz. Die liegt nach wie vor bei ordentlichen Gerichten.

Daher ist es auch naiv zu hoffen, der Einsatz von Blockchain könne Korruption und staatliche Willkür überwinden. Schließlich müssen Staaten dem Einsatz der Technologie zustimmen, etwa bei Wahlen, die so über das Internet stattfinden könnten und praktisch fälschungssicher wären. Honduras macht gerade einen Schritt in die richtige Richtung und plant, sein Grundbuch als Distributed Ledger anzulegen und damit Landrechte sicher zu machen.

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Ethereum bietet auf seiner Webseite viele schöne Bilder mit seinem Logo zum Download an

Das DAO-Desaster

Zwei Namen dürfen in keiner Geschichte über Blockchain fehlen: Ethereum und Vitalik Buterin. Ethereum ist eine in der Schweiz beheimatete Stiftung und eine Plattform, die auf einer von dem 1994 geborenen Russen Buterin programmierten Blockchain basiert. Sie bietet mit der Kryptowährung Ether eine Alternative zu Bitcoin, aber nicht nur das. Die Software eignet sich auch zur Erstellung von Smart Contracts. Daraus hervorgegangen ist DAO (Decentralized Autonomous Organization), das erste dezentrale, ohne Mitarbeiter und Firmensitz auskommende Unternehmen der Welt. Durch Crowdfunding konnte die Investmentfirma ganz reale 140 Millionen US-Dollar einsammeln – Weltrekord.

Noch mehr Schlagzeilen machte DAO allerdings dadurch, dass das virtuelle Startup unfreiwillig mit dem Mythos aufräumte, eine Blockchain sei vollkommen sicher. Dafür bedurfte es noch nicht einmal einer genialen Hackeraktion. Ein Unbekannter nutze eine Schwäche in der Software, um sich einfach mal 3,6 Millionen Ether abzuzweigen – gewissermaßen ganz legal. Viel anfangen konnte er (oder sie) damit zwar nicht, da die DAO-Blockchain gespalten wurde (der Fachausdruck dafür ist „hard fork“) und der „gestohlene“ Anteil dadurch praktisch wertlos. Seitdem ist Ethereum kaum zur Ruhe gekommen und sieht sich immer wieder neuen Angriffen ausgesetzt.

Dieser Vorfall macht die größten Probleme von Blockchain deutlich. Da ist alles noch längst nicht ausgereift und selbst vielen Insidern nur bedingt verständlich. Daher ist momentan auch noch keine eine neue Demokratisierung des Netzes in Sicht, im Gegenteil; nur eine kleine Elite kann damit bisher umgehen. Dementsprechend ist nicht klar, wie disruptiv die Technologie tatsächlich auf unser aller Leben einwirken kann. Ihr Bill Gates oder Steve Jobs ist noch nicht gefunden, aber wahrscheinlich ist er schon irgendwo da draußen.

Bild ganz oben: kornilov14 / 123RF

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