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Seit einer Woche ist ein Thema aus den Nachrichten nicht mehr wegzudenken: der Brexit, der Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU. Noch ist nicht abzusehen, welche konkreten Konsequenzen das wirklich hat, gerade auch für die Startup-Szene, aber die Aufregung ist auf jeden Fall groß. Wir haben uns mal in aller Ruhe schlauer gemacht.

Gleich nach der Verkündigung des Abstimmungsergebnisse am Freitag war Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V., mit seiner Aussage vorangeprescht:

„Die deutsche Startup-Hauptstadt Berlin ist der Gewinner des Brexit, London der Verlierer. Die deutschen Startups werden den erschwerten Zugang zu 64 Millionen Konsumenten im Vereinigten Königreich verkraften und an anderen Stellen deutlich profitieren. Die eigentliche Rechnung zahlen ab heute die britischen Startups. Wir wünschen unseren Freunden dabei viel Erfolg.“

Berlin lag schon 2015 vor London

In seinem ausführlichen Statement bedauert er zwar auch die Entwicklung, aber die Stoßrichtung ist klar: Berlin soll seine Führungsrolle in Europa weiter ausbauen, die in mancher Hinsicht schon 2015 bestand. So lautet jedenfalls das Ergebnis einer Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die für das vergangene Jahr eine Investitionssumme für Berliner Startups von 2,145 Milliarden Euro errechnet hat. In London kamen nur 1,773 Milliarden Euro zusammen.

Anders die Bedeutung Londons als Finanzplatz; noch im März 2016 erreichte die britische Hauptstadt beim Global Financial Centres Index (GFCI) die Pole Position, vor New York und Singapur. Frankfurt am Main schafft es in dieser Liste nur auf Platz 18, Berlin taucht gar nicht erst auf. In diesem Umfeld fühlen sich entsprechend viele Fintechs gut aufgehoben, also Startups, die frischen Wind in die Finanzbranche bringen.

In dem Wolkenkratzer mit dem spitzen Dach (One Canada Square) befindet sich der Fintech-Acceleratot Level39 (Foto ©Level39)

In dem Wolkenkratzer mit dem spitzen Dach (One Canada Square) befindet sich der Fintech-Accelerator Level39 (Foto ©Level39)

Mit Level39 hat in London Europas größten Accelerator, der sich mit Banking und verwandten Themen befasst. Über 200 Startups sind dort zurzeit beheimatet, und längst nicht alle sind urbritisch. Aber wird das so bleiben? Ein Sprecher von Level39 beschwichtigt gegenüber dem Lokalmagazin The Wharf:

„Während dieses Übergangs [dem Austritt aus der EU] ist es wichtig, das Vertrauen in Londons Stärken zu bewahren. Es ist ein großartiger Ort um Geschäfte zu machen, der seinen Status als ein führendes globales Technologiezentrum dank eines vorteilhaften regulatorischen Umfelds, Zugang zu Kapital und hochqualifiziertem Personal erreicht hat.“

Doch gerade letzterer Punkt könnte als Folge des Brexits zum Problem werden. Ein Hauptargument der EU-Gegner war die aus ihrer Sicht unkontrollierte Einwanderung, auch aus EU-Ländern wie Polen. Fiele diese Freizügigkeit nun weg, bekämen britische Unternehmen Schwierigkeiten, Talente aus anderen Ländern zu rekrutieren. Die vier Grundfreiheiten, also der freie Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistung und Kapital, werden in den Austrittsverhandlungen eine wesentliche Rolle spielen.

Rechtsgrundlagen müssen neu verhandelt werden

Der Ausgang ist noch völlig offen, anzunehmen aber ist, dass sich wesentliche rechtliche Rahmenbedingungen ändern werden. Die Finanzbranche beträfe zum Beispiel der Wegfall der sogenannten Passporting Rights. Bisher verschaffte die Gründung einer Bankfiliale in London automatisch Zugang zum gesamten EU-Markt; das würde dann nicht mehr funktionieren. Ähnlich beim Gesellschaftsrecht: Noch können Unternehmen trotz Hauptätigkeit in Deutschland eine britische Kapitalgesellschaft gründen (Stichwort: Niederlassungsfreiheit). Ob ein solches Modell mit zum Beispiel einer Limited und ihrer Haftungsbeschränkungen Zukunft hat: Verhandlungssache.

In der aktuellen Situation spielt daher Psychologie eine große Rolle. Die Verunsicherung lässt viele Investoren zögern, das Risiko einer Finanzierung britischer Startups einzugehen. Mancherorts ist sogar von Brexitklauseln die Rede, die bereits bestehende Abmachungen obsolet machen sollen. Alles Gründe, die die internationale Startup-Elite weg von London und in EU-Metropolen wie Dublin, Stockholm, Paris und Amsterdam locken könnte. Oder aber eben nach Berlin oder eine andere deutsche Stadt mit internationalem Flair.

Andererseits wird London durch den Brexit nicht gleich zur Provinz verkommen. Die Nähe zu den USA wird bleiben und sich wahrscheinlich noch verstärken. Wer global denkt, muss sowieso über den Tellerrand der EU schauen und sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Märkte arrangieren. Gut möglich ist auch, dass sich ein von EU-Regularien befreites Großbritannien schlankere Regularien, etwa im Steuerrecht, einfallen lässt, um seinen Wettbewerbsnachteil auszugleichen. Aber das ist, wie so vieles, Spekulation; für den Moment stehen die Chancen für den Startup-Standort Deutschland nicht so schlecht – dem Brexit sei dank.