Christian Miele kennt die deutsche Startup-Szene wie kein anderer. Er lernte sie intensiv während seiner Zeit bei Rocket Internet und Kreditech kennen. Heute ist Christian Miele Vice President bei e.ventures und investiert weltweit in Early-Stage-Startups mit Fokus auf consumer internet, digital media und mobile space. Founders OWL sprach mit ihm über die Themen Venture Capital, erfolgreiche Startups, OWL (Ostwestfalen-Lippe) als Startup Ecosystem und Intrapreneurship.

Du hast dich als Gründer selbst ausprobiert und stehst jetzt auf der anderen Seite.
Was reizt dich am Thema Venture Capital?
Bis heute habe ich vier Startups mit aufgebaut und dabei unterschiedlichste Finanzierungsrunden vom Businessplan bis zur Vorbereitung eines IPO-Prospekts mitgestaltet. Dadurch habe ich zentrale Phasen von einer kleinen aufstrebenden Firma miterleben dürfen. Darüber hinaus hatte ich die Chance, in unterschiedlichen Branchen und Bereichen allerlei Wissen zu sammeln. Sich jetzt noch einmal hinzusetzen und das gesamte Risiko auf einen Bereich zu setzen wie bei Roulette, ist weniger smart als mit meinem Wissen mehreren Gründern zur Seite zu stehen.

Ich habe für mich festgestellt, dass es mir unendlich viel Spaß macht, mit anderen Gründern zusammenzuarbeiten und ihnen dabei zu helfen, ihre Startups aufzubauen. Ich bin davon überzeugt, dass ich besser darin bin, vom Spielfeldrand aus zu unterstützen als das ich selber aktiv mitspiele. Auch wenn es manchmal schwer ist nicht selbst auf den Platz zu stürmen.

Welches Kriterium (Team, Idee, Persönlichkeit) spielt bei euren Investitionen die größte Rolle?
Das voneinander losgelöst zu betrachten ist nicht möglich. Du musst immer schauen, dass du ein sehr starkes Team hast, das auf einem visionären Produkt sitzt, das in einer möglichst großen Industrie funktioniert. Wir sind in einer sehr frühen Phase unterwegs, wo der Product-Market-Fit gerade so erreicht ist und die ersten Umsätze erwirtschaftet werden.

Aufgrund dieser großen Unsicherheit müssen wir uns als professionelle Finanzinvestoren auf die Datenpunkte fokussieren die wir haben: Ein starkes Team auf einem starken Produkt, das in einer großen Industrie unterwegs ist. Und genau diese Kombination ist für uns ein maßgeblicher Faktor, welchen wir nicht losgelöst betrachten können.

Wenn wir, in ganze seltenen Fällen, ein Seed-Investment machen, dann nur in Gründer die wir bereits lange kennen. Dort wo wir eigentlich zugreifen – der Series A – dort entscheiden wir meistens in einer Art Wechselwirkung aus allen drei Bereichen wie oben beschrieben.

Wenn du an OWL und Venture Capital (VC) denkst – was kommt dir direkt in den Sinn?
Ich bin davon überzeugt, dass die internationale Startup-Szene sehr viel vom deutschen Mittelstand lernen kann. Die Wahrheit des zukünftigen VC-Modells liegt irgendwo zwischen der USA und Europa. In Europa sind wir zum Teil zu bodenständig und zu zurückhaltend. In den USA sind wir oftmals zu laut und konzentrieren uns zu wenig auf die eigentliche Mechanik eines Geschäftsmodells. Ich glaube, der deutsche Mittelstand kann ein extrem wichtiger Brandbeschleuniger sein, damit Startups lernen selbstbewusst aufzutreten und dabei gleichzeitig Bodenhaftung zu bewahren. Damit meine ich auch nicht nur auf eine Unicorn-Bewertung hinzuarbeiten und allein darauf zu optimieren.

Ich glaube, wir werden in Deutschland in der Lage sein, einen großartigen digitalen deutschen Mittelstand aufzubauen, in welchem 300-Millionen-Euro Firmen, 500-Millionen-Euro Firmen, 700-Millionen-Euro Firmen produziert werden. Und davon dann 10 Stück anstelle eines Milliarden einzelnen Unicorns.

Daher:

Jetzt ist der deutsche Mittelstand aufgefordert, für die Startups bereitzustehen.

Sich den jungen Gründern zu öffnen und ihnen mit Venture Capital und auch mit Offenheit die benötigten Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um so eine Entwicklung anzustoßen. OWL bietet viel Substanz und so sollten auch die Startups offen für den Mittelstand sein und diesem zuhören, um die Pain Points zu enttarnen.

Auch wenn es in erster Instanz vielleicht lächerlich klingt, OWL und VC in einem Satz zu erwähnen, so glaube ich, dass durch die Präsenz des Mittelstands (z. B. Bertelsmann, Oetker, die im Übrigen bereits bei e.ventures investiert sind, Miele usw.) durchaus die Möglichkeit besteht, solch einen Hub aufzubauen, aus dem mehr entstehen kann.

Worauf kommt es deiner Meinung nach wirklich an, damit ein Startup Erfolg erzielt (Erfolgstipps)?
Du brauchst ein sehr innovatives Produkt, dass skalierbar ist. Ein guter Tipp ist, dass man von vorne herein seine Unit Economics, also seine Stückzahlen direkt profitabel bekommt. Denn wenn du profitable Unit Economics hast, musst du dementsprechend in der Lage sein, ein skalierbares Produkt auch nach hinten heraus profitabel zu halten. Ich sehe aktuell weltweit, dass das ein Erfolgsfaktor ist.

Neben diesen quantitativen Faktoren, spielen auch qualitative Faktoren eine wichtige Rolle. Qualitative Faktoren sind für mich unter anderem ein großartiges Recruiting, großartige Entscheidungskompetenzen und letztlich verdammt harte und schweißtreibende Arbeit. Ich kenne keinen Gründer, der ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut hat, und dabei einen nine to five Job hatte.

Was wünschst du dir von Gründern und was fehlt in aller Regel?
Ehrlichkeit und Bodenhaftung. Diese beiden Werte können meiner Meinung nach einen intelligenten und leidenschaftlichen Gründer überall hinbringen. Wenn beispielsweise ein Gründer, mit diesen Werten in der Lage ist, in mein Büro zu kommen und mir zu sagen: „Christian, das habe ich vor, das sind die Probleme auf meinem Weg und so möchte ich das lösen.“, dann weiß ich, was für einen Menschen ich vor mir sitzen habe und das dieser ehrlich über kritische Themen mit mir sprechen kann.

Ich weiß ganz genau, wo ein Geschäftsmodell seine ineffizienten Knackpunkte hat und höre mir gerne an, wie der Gründer mit diesen umgeht. Und da ist es ein gutes Zeichen, wenn der Gründer in der Lage ist, Vertrauen zu mir aufzubauen. Wenn er das bei mir schafft, dann schafft er es auch mit anderen. Sowohl mit Menschen, die er einstellen möchte, als auch mit Kunden sowie allen anderen Stakeholdern. Insofern glaube ich, dass Ehrlichkeit und Bodenhaftung mitunter die wichtigsten Eigenschaften auf dem Weg zum Erfolg sind. In Berlin verkennen die Gründer das zuweilen und versuchen mich auszutricksen – ich rate dringend davon ab einen VC zu bullshitten. Unsere Branche vergisst das nicht….

Auch da ist der Mittelstand in OWL eine echt gute Stütze, den Gründern diese Fähigkeiten beizubringen. Wir können genauso selbstbewusst auftreten wie die Amerikaner. Wir sollten aber nicht vergessen unser Produkt auf der Bühne authentisch zu verkaufen statt irgendeinen Mist zu erzählen. Ich habe demnach lieber einen Gründer, der mir klipp und klar aufzeigt, was nicht funktioniert und ich die faire Chance habe, mir auszusuchen, ob ich mit ihm arbeiten will oder nicht. Wir sind als VCs und Investoren dafür da, die Probleme zu beheben. Es ist daher immer der bessere Weg, eine offene und ehrliche Partnerschaft einzugehen als auf eine Zusammenarbeit zu setzen, die auf reinen Verschleierungen basiert. Nicht umsonst ziehen viele Menschen hier den Vergleich zu einer Ehe.

OWL ist nicht Berlin, Hamburg oder München. Denkst du, dass die Region sich als Startup Ecosystem im nationalen Vergleich erfolgreich behaupten kann und worauf sollte sie in Zukunft achten?
Es sollte nicht das Ziel von OWL sein, sich mit Berlin zu messen. Dafür ist bereits zu viel Talent, zu viel Geld und zu viel Innovation in Berlin. Das auch dem zeitlichen Vorsprung geschuldet ist. Die Frage ist eher, welche Kernkompetenzen eine Region wie OWL mit sich bringt. Ich glaube, dass durch starke Technologien, durch viel Wissen von Supply Chain Management, Prozessen und Logistik durchaus Opportunitäten vorhanden sind, um gewisse Stärken in solch einer Region wie OWL zu hebeln. Diese können in den Bereichen IoT, Industrie 4.0 oder im Logistik liegen.

Demnach hat die Region gewisse immanente Flächen- und Wettbewerbsvorteile gegenüber einer Stadt wie Berlin. Gerade da in OWL eine starke Industrie vorhanden ist, die für die Entwicklung eines Ökosystems nur von Vorteil ist. OWL sollte jedoch nicht den Anspruch haben, sich mit Berlin zu messen, weil dies gleichzeitig bedeuten würde, sich mit dem Silicon Valley, mit London, Tel-Aviv zu messen. Jeder muss lernen, seinen eigenen Weg zu gehen.

Außerdem bin ich kein Freund davon, sich innerhalb Europas oder innerhalb Deutschlands einzelne Hubs raus zu picken und diese gegeneinander konkurrieren zu lassen. Ganz im Gegenteil, wir haben in Europa die großartige Chance, einen europäischen Binnenmarkt aufzubauen, wo es keine Rolle spielt, in welcher Region man seine Firma aufbaut. Wichtig ist, dass diese virtuell existiert und alle anderen Mitgliedsstaaten bedienen kann. Venture Capital und Startups funktionieren ohne Grenzen und der Fluss von Ideen kennt keine Schranken.

Also: Gemeinschaft ist das Schlagwort. Es geht nicht darum, OWL gegen alle anderen, sondern OWL mit allen anderen gemeinsam. Gute Universitäten wie die Universität Bielefeld oder Paderborn können dabei entscheidende Rollen spielen, ein Ökosystem zu bestärken und Talente in der Gründerszene zu bündeln. Hier hat OWL gegenüber einer strukturschwächeren Region einen Vorteil.

Der Begriff „Intrapreneur“ taucht immer häufiger auf. OWL hat viele Unternehmen mit Tradition und Geschichte. Welche Vor- und Nachteile birgt das Konzept „Intrapreneur“ für das Unternehmertum in OWL. bzw. wir wird es überregional bewertet?
Ich denke, dass Intrapreneurship eine gute Sache ist. Wobei das Wort für mich, eher einen Umstand beschreibt, dem die Konzerne derzeit gegenüberstehen. Und zwar, dass viele sehr ambitionierte und engagierte junge Menschen in den Konzernen letztendlich festklemmen und ihre Talente nicht zu 100 Prozent ausüben können. Deswegen werden derartige Zwischenbereiche in Unternehmen geschaffen, um innerhalb der Unternehmen der digitalen Transformation gerecht zu werden. Das ist per se sehr sinnvoll. Man könnte diese Entwicklung mit Rocket Internet vergleichen, bei denen du letztlich auch ein angestellter Unternehmer bist und am Ende des Tages ein hohes Fixgehalt dafür bekommst, damit du dich unternehmerisch austobst. Das ähnelt einem Intrapreneurship-Programm für Unternehmen, in welchem du die Sicherheit und das entsprechende Gehalt bekommst.

Das kann dazu führen, dass Unternehmen tatsächlich den Prozess der Digitalisierung mit Intrapreneuren fließender über die Bühne bringen oder aber an ihre Grenzen stoßen und der Intrapreneur kündigt und sein eigenes Unternehmen gründet. Dies war bei mir der Fall, als ich bei Rocket Internet verlassen habe: Ich wollte mein eigener Chef sein weil ich gemerkt habe, dass ich leidenschaftlicher Unternehmer bin. Kurzfristig kann das Konzept des Intrapreneurship helfen, jedoch müssen sich Unternehmen langfristig wandeln und öffnen.

Was kannst du Gründern in OWL mit auf den Weg geben?
Jeder Gründer, egal aus welcher Region, sollte sich mit anderen Gründern vernetzen und den Kontakt zum Mittelstand aufbauen. Das ist das A und O. In diesem Zusammenhang ist die Founders Foundation als Plattform ein toller Partner, Gründern aus Bielefeld, Paderborn, Gütersloh, Herford und anderen Städten miteinander zu vernetzen und ihnen zu helfen, ein Pitch Deck zu erstellen, Investorengespräche adäquat zu führen und ihr Startup richtig aufzubauen.

Ich möchte zu dieser Frage mein neues Lieblingswort erwähnen: Mutanfälle. Das wünsche ich mir von jungen Gründern. Sie sollen einfach machen und den Schritt wagen, die Gründung durchzuführen. Machen kommt von machen. Kein erfolgreicher Unternehmer hatte Erfolg, weil er viel darüber gelesen hat. Er hat es gemacht. Hier kann OWL sehr viel von Berlin lernen und Berlin wiederum kann viel von OWL lernen, wenn es gerade um Ehrlichkeit und Bodenständigkeit geht. Der Austausch regional und national wäre hier sehr hilfreich. Also: öffnet euch. Habt keine Angst davor mit anderen über eure Ideen zu sprechen. Vernetzt euch. Unterstützt euch.

Du warst auch bei dem ersten Pitch Day der Founders Academy in der Jury. Gab es Ideen, in die du investieren würdest?
Mit e.ventures ist der Zeitpunkt noch zu früh, um eine Entscheidung zu treffen, da wir andere Kriterien haben und nicht so früh in Startups investieren. Ich habe beim Pitch Day jedoch sehr viele junge, talentierte Menschen gesehen, die auch interessante Ideen hatten. Sie waren alle sehr gut vorbereitet und das sieht man nicht allzu häufig.

Um auf das Investieren zurück zu kommen: Hier spielt auch das magische Dreieck eine Rolle, das ich in der vorherigen Fragen erwähnt habe – bestehend aus einem smarten Gründerteam, basierend auf einem starken Produkt, das einen großen Markt bedient. Ob die Teams aus der Founders Academy dem gerecht werden, dass zeigt sich, sobald die Jungs ein Jahr an ihren Ideen gearbeitet haben und weiter mit dieser vorangeschritten sind. Ich habe definitiv smarte Gründer gesehen, die an ihre Ideen glauben und würde mich definitiv mit dem ein oder anderen vernetzen.

Foto © Christian Miele