Meine Damen, meine Herren, meine Unentschlossenen; Heute begeben wir uns auf die Spuren des scheuen Ostwestfalens – einer bislang weitestgehend unerforschten Spezies aus der Familie der Griesgrame.

Der Ostwestfale lebt – aus Mangel an Alternativen – … Hier könnte der Satz bereits enden. Der Ostwestfale lebt aus Mangel an Alternativen.

Nochmal:

Der Ostwestfale lebt – aus Mangel an Alternativen – am Rande der Norddeutschen Tiefebene. Legenden, besagen, dass als sich die ersten Ostwestfalen nahe des Teutoburger Waldes ansiedelten, das Wetter nach kurzer Zeit ihrem sturen Gemüt nachgab und sich ihrer Stimmung anpasste. Es wurde trüb. Wer sich also einmal in den beschaulichen Landstrich verirren sollte, sollte dringend an wetterfeste Kleidung denken.

Einmal in der Region angekommen, wird das erste Zusammentreffen mit einem Ostwestfalen nicht lange auf sich warten lassen, denn wir haben es hier mit einer äußerst argwöhnischen Spezies zu tun. Um Konflikte zu vermeiden, sollten ein paar grundsätzliche Verhaltensweisen, sowie das Grundvokabular bei jedem Besucher vorhanden sein.

Zunächst: Der Ostwestfale ist kein Freund von Ekstase – zumindest nicht nach außen. Was andere Menschen schweres Atmen nennen, nennt er schallendes Gelächter. Unvergessen die Geschichte eines Ehepaares aus Harsewinkel, bei dem der Gattin irgendwann feststellte, dass ihr Mann bereits vor einer Woche im Sessel sitzend das Zeitliche gesegnet hatte. Später gab sie zu Protokoll, sie hätten sich in 40 Jahren Ehe noch nie so gut unterhalten. Um also nicht in unangenehme Situationen zu geraten, ist es wichtig die Tragweite bestimmter Aussagen zu verstehen. Wo andere Leute „Ich bin so glücklich!“ schreien, sagt ein Ostwestfale „Muss ja!“ – meint aber das selbe. Sollte ihnen ein Ostwestfale jemals etwas sagen wie „Du bist schon ganz in Ordnung“ und sie antworten mit „ja du auch“ … herzlichen Glückwunsch, sie sind jetzt verlobt und werden in Kürze, wie es die Traditionen es verlangen, auf einer mit Pickert behängten Ziege über den Dorfplatz reiten, wo ihnen ihre Schwiegermutter einen Kelch mit Wurstebrei darreicht um den Akt der Vermählung zu vollziehen. Familienfeiern sind doch was Schönes.  

Wir stellen also fest: Der Ostwestfale definiert von Natur aus ein wenig anders. So werden zum Beispiel Längen, Höhen und Flächen nicht in Zentimetern oder Metern gemessen – sondern in Tucken. Wie lang genau so ein Tucken ist, ist nicht überliefert, da das Eichmaß, der Ur-Tuck, im dritten Jahrhundert vor Christus in der Schlacht von Bad Wünnenberg den Sauerländern in die Hände fiel. Man einigte sich daher darauf die Länge eines Tucken zwischen einem Zentimeter und zwei Komma sieben drei Kilometern anzusiedeln, was Außenstehende bisweilen in die Orientierungslosigkeit treibt. „Geh mal einen Tucken nach links“ kann also zwischen „Ich muss hier mal vorbei – dankeschön“ und „Verpiss dich nach Höxter“ alles bedeuten.

Und jetzt ist ausgerechnet hier – im vermeintlichen Zentrum der Verschlossenheit – jemand auf die Idee gekommen eine Hochburg für Startup-Unternehmer errichten zu wollen. Ein Idiot könnte man meinen.

Ein Clash der Kulturen. Auf der einen Seite die, die komisch reden, seltsame Gebräuche haben und schräge Ideen und die nie das Licht der Sonne sehen… und auf der anderen Seite die Ostwestfalen.

Kann das gut gehen? Es kann! Offensichtlich.

Vielleicht ist genau diese Mischung das, was allen Beteiligten gefehlt hat.

Den Alteingesessen die Zugezogenen, den Rastlosen ein traditionelles Fundament, den Festgefahrenen die Aufbruchsstimmung und den Chaosköpfen die ostwestfälische Behäbigkeit.

Und wenn aus alten Werten und neuen Ideen etwas völlig Neues entsteht, dann geht selbst ein Ostwestfale einmal richtig aus sich raus und ruft vom Glück ergriffen aus tiefster Seele: „Passt schon.“