Im letzten Beitrag habe ich die Methode Design Thinking und wie sie Startups nützen kann vorgestellt. Heute möchte ich einen praktischen Vorschlag machen, wie Ihr Design Thinking aktiv und ohne großen Aufwand für Euch nutzen könnt. Dabei greife ich auch auf meine eigenen Erfahrungen zurück, die vom klassischen Design Thinking zu Gunsten der einfachen und schnellen Umsetzung abweichen.

Möglicher Ablauf eines Design Thinking Workshops für Startups

  1. Verstehe Deinen Kunden, sein Leben, seine Probleme, seine Wünsche und baue daraus eine Persona
  2. „Beobachte“ Deinen Kunden, stelle viele Warum-Fragen
  3. Trage Deine gewonnenen Informationen zusammen und erkenne Muster
  4. Entwickle Ideen und schaffe neue Lösungsansätze
  5. Baue auf Basis von 4. Prototypen
  6. Prototypen testen und mit den Ergebnissen die Schritte 1-5 erneut durchlaufen

Das klingt aber alles sehr einfach!“ höre ich Euch jetzt schon sagen. Jepp. Das ist richtig. Die Methode ist auch sehr einfach. Aber Ihr werdet Euch wundern, wieviel Komplexität Ihr selber im Prozess erzeugen werdet. Da seid Ihr froh, wenn die Vorgehensweise möglichst einfach gehalten ist 😉

Was brauche ich für Design Thinking?

Für den Thinking-Teil brauchst Du möglichst viele Eiweiß-Computer. Auch als Gehirn bekannt. Will sagen: Menschen. Naheliegend ist erstmal Leute aus Deinem Team einzuladen. Damit Ihr aber nicht im eigenen Saft kocht und neue Ideen entwickelt, ladet in gleicher Zahl auch Freunde und Bekannte ein, die neue Impulse mit einbringen. Ihr könnt natürlich auch potenzielle Kunden einladen, um deren Wünsche und Probleme lebensnah besser zu verstehen.

Ein Tipp: Wenn Ihr Leute kennt, die zeichnen können – ladet die auch mit ein. Ich habe DT-Workshops mitgemacht, bei denen jedes Team einen eigenen Designer zugeordnet bekam, der während der einzelnen Schritte dabei saß und die Prototypen während sie sich entwickelten gezeichnet hat. SEHR wertvoll!

Der Design-Teil wird mit mindestens einem Edding und einem PostIt-Block für jeden Teilnehmer abgedeckt. Dann braucht Ihr noch ein Flipchart, eine Pinnwand oder ähnliches pro Team. Dort werden die Ergebnisse festgehalten werden.

Damit habt Ihr die Grundausstattung und könnt Design Thinken. Dann geht es los:

Die Aufgabenstellung könnte lauten: Wir möchten mit unserem Startup eine App bauen, um unsere Kunden bei Ihren Aufgaben zu unterstützen.

Bitte verzeiht die sehr allgemeine Formulierung, ins Detail gehen sollt Ihr selber 😉 Design Thinking heißt auch: Für den Kunden denken, damit die Lösung für ihn so einfach wie möglich wird.

Soweit klar? Keine Sorge. Wird gleich klarer und konkreter.

Im folgenden schlage ich Euch viele beispielhafte Fragen vor. Diese Fragen können bsw. eine nach der anderen dem Team präsentiert werden. Für jede Frage gibt es 5 Minuten Zeit, um Antwort-Vorschläge zu sammeln und die PostIts auf die vorgesehenen Flipcharts oder Wände zu kleben. Die Antworten auf den PostIts können Stichpunkte, Sätze aber auch Skizzen sein. Je mehr gezeichnet wird, desto besser!

1. Verstehen

Welche Probleme wollt Ihr lösen? Welche Aufgaben haben Eure Kunden zu bewältigen? Was sind die größten Ärgernisse dabei? Welche Potenziale werden verschenkt, die Ihr seht, aber Eure Kunden nicht? Welche Technologien können eingesetzt werden?

Dann wollen wir wissen, wer diese ominösen Kunden sind. Das können durchaus unterschiedliche Personen oder Personengruppen sein. Überlegt gemeinsam wer an den Aufgaben arbeitet. Wer verursacht die Aufgaben, aber auch die Probleme? Wer sind die Kunden Eurer Kunden? Auf wen wirken sich die Folgen aus?

Warum ist die dritte Frage, die Ihr Euch stellen werdet – und und zwar oft: Warum wird die Aufgabe vom Kunden durchgeführt? Warum so und nicht anders? Warum zu der Zeit und in dem Zeitrahmen? Warum wollt Ihr genau dieses Problem lösen?

Möglicherweise könnt Ihr die Fragerunden noch erweitern um WO, WANN, WODURCH, WOHIN und vielen mehr Grundfragen. In diesem Beispiel beschränken wir uns auf die drei wichtigsten WAS, WER und WARUM.

Nach den drei Fragerunden schaut Ihr Euch die Ergebnisse an und clustert. Das heißt, Ihr fügt die ähnlichen Antworten, die irgendwie zusammen gehören zu Themengruppen zusammen, damit Ihr Schwerpunkte erkennt.

Schaut Euch nun Eure Aufgabenstellung einmal an: Lassen sich bereits Antworten aus dem ersten Schritt auf Eure Aufgabe anwenden?

2. Beobachten

Im klassischen Design Thinking würde dieser Schritt tatsächlich mit echten Kunden durchgeführt. Die Kunden würden bei der zu lösenden Aufgabe beobachtet und befragt.

Da diese Vorgehensweise für viele Startups oft zu aufwendig wäre, nutzen wir eine alternative Methode:

Zerlegt die Aufgabe des Kunden in einzelne Prozess-Schritte.

Dazu könnt Ihr bereits viele Erkenntnisse der Untersuchungsphase nutzen. Einige zusätzliche Schritte, die Eure Kunden für die Erledigung ihrer Aufgabe erfüllen müssen, werden Euch dabei aber garantiert noch zusätzlich einfallen.

Geht mit den einzelnen Schritten des Kunden so weit wie möglich an den Anfang der Aufgabe und so weit wie möglich ans Ende. Das kann so weit gehen, dass der Weg des Kunden zur Arbeit oder sogar das morgendliche Aufstehen aus dem Bett plötzlich relevant für Eure Aufgabenstellung ist.

Wenn Ihr den Prozess des Kunden in Schritte aufgeteilt habt, sortiert Ihr die PostIts aus Schritt 1. Untersuchen den einzelnen Prozess-Schritten zu. Hier könnt Ihr nun auch noch um weitere PostIts ergänzen: Zum Beispiel: Was fühlt der Kunde bei diesem Schritt? Ist er frustriert, ärgerlich, genervt? Warum? Was sagt, denkt und tut der Kunde bei den einzelnen Schritten? So lernt Ihr als Team Eure Kunden und Ihren Bedarf besser kennen.  

3. Synthese der Analyse

Führt nun Eure Informationen, die Ihr gesammelt habt in einer oder mehreren Personas zusammen. Eine Persona ist ein beispielhafter Kunde. Wo der Begriff Zielgruppe sehr allgemein gehalten eine Masse an Kunden beschreibt, geht die Persona tief ins Detail und versucht einen einzelnen Menschen, der Euer Produkt nutzt zu skizzieren.

Baut Eure Persona mit den gewonnenen Erkenntnissen auf und denkt dabei auch an Attribute wie:

  • Name
  • Alter
  • Position
  • Hobbies
  • Typischer Tagesablauf
  • Werte
  • Digitale Gewohnheiten und Fähigkeiten

Dann schafft Ihr eine Story für Eure Personas im Zusammenhang mit Eurem Produkt. PERSONA möchte mit dem PRODUKT die AUFGABE lösen, um damit folgendes ZIEL zu erreichen.

4. Ideen generieren

Bevor Ihr zur Ideen-Generierung über geht, führt Euch und Eurem Team einmal kurz die Regeln für die Ideen-Runde vor Augen:

Denke immer vom Kunden bzw. Nutzer her!
Visualisiere Deine Ideen so gut es geht!
Schaffe so viele Ideen wie möglich!
Nutze andere Ideen um neue zu entwickeln!
Verkneife Dir Kritik (an anderen aber auch Deinen eigenen Ideen)!
Denke wild und mutig!
Bleibe bei der Ausgangsfrage!
Es spricht immer nur einer!
Habt Spaß!

Ihr habt nun die Persona(s) entwickelt, Verständnis für Eure Kunden und ihre Arbeitsabläufe aufgebaut und Motivationen, Wünsche und Frustrationen kennen gelernt.

Für diese Motivationen und Problemstellungen könnt Ihr nun innovative Ideen für Lösungsansätze entwickeln. Möglicherweise stellt Ihr auch fest, dass die Aufgabe vom Start gar nicht mehr passt, da Ihr das Problem besser verstanden habt. Dann verändert die Problemstellung entsprechend.

So entwickelt Ihr Ideen

Es gibt irrsinnig viele Kreativtechniken, mit denen Ihr Ideen generieren könnt. Hier sind einige Anregungen:

Brainstorming um möglichst schnell möglichst viele Ideen zu entwickeln.

Assoziationstechniken verbinden Ideen miteinander und schaffen so neue.

Negativ-Technik Wie können wir das Problem des Kunden noch viel schlimmer machen?

Seitenwechsel Was kann denn der Kunde für uns tun? Wie würde ein Superheld das Problem lösen?

Die 6-Hüte Methode von de Bono

Stille 10 Minuten-Runden in denen jedes Team-Mitglied für sich auf PostIts arbeitet haben sich auch hier bewährt. Sonst sind es oft die lautesten, die Ideen einbringen, aber nicht die smartesten.

5. Prototypen bauen

Nach der Ideen-Runde macht es meistens Sinn, die entstanden Lösungsansätze wieder zu Gruppen von ähnlichen Ideen zusammen zu fassen.

Danach geht es an den Bau von Prototypen. Bei dem Begriff Prototyp denken die meisten Menschen an aufwändig gebaute, fast fertige Produkte, wie den Prototypen eines Autos. Doch wir können viel einfacher vorgehen, um ein Ergebnis zu erhalten, mit dem wir unsere Ideen testen können, zum Beispiel so:

  • Beschreibungen der Lösung als Story
  • Skizzen
  • Bildergeschichte
  • Flowcharts in PowerPoint
  • Basteln aus Papier, Pappe, Holz, Knetgummi oder LEGO
  • Simulationen
  • 3D-Drucke

Ziel des Prototyping ist es, schnell einzelne Ideen oder Kombinationen, zu etwas ausprobierbarem zu machen und Erfahrungen zu sammeln.

6. Prototypen testen

Stellt Euch nun gegenseitig Eure Prototypen vor. Wenn Ihr nur in einem Team gearbeitet habt, stellt Euch die Fragen aus den Schritten 1. bis 5. und entwickelt so Eure Prototypen weiter und lasst neue Ideen in die Weiterentwicklungen der Prototypen einfließen.

Eine weitere Funktion des Prototyping ist es festzustellen, welche Ideen keinen Sinn machen, nicht umsetzbar sind oder Eure Kunden nicht weiter bringen.

Wie finden wir denn raus, welche Prototypen wir umsetzen?

Einerseits werden sich gute Prototypen bereits in der Gruppenarbeit heraus kristallisieren.

Wenn Ihr Eure Ideen abschließend bewerten möchtet, dann habe ich mit folgendem Vorgehen gute Erfahrungen gemacht:

Dazu braucht Ihr Klebepunkte, Klebebandstreifen oder PostIt-Schnipsel in zwei verschiedenen Farben.

  1. Jeder Teilnehmer bekommt 3 Punkte der beiden Farben.
  2. Präsentiert alle Prototypen, über die abgestimmte werden soll auf Pinnwänden oder Tischen.
  3. Bittet Eure Teilnehmer die Punkte zu verteilen: Mit der einen Farbe vergeben sie 10.000 Euro Kapital pro Punkt für die wirtschaftlichste Idee
  4. Mit der anderen Farbe wird der WOW-Effekt vergeben, der nicht unmittelbar wertschöpfend sein muss, aber die Kunden begeistert

So erhaltet Ihr zum Abschluss ein gutes Gefühl dafür, welche Prototypen in Euer Produkt einfließen können.

Nach dem Design Thinking Workshop

Ganz wichtig:

Schafft Möglichkeiten, um Ideen, Designs, Skizzen, Prototypen und Lösungen zu behalten. Möglicherweise könnt Ihr die Flipchartblätter im Office aufhängen, wo das gesamte Team immer mal wieder drauf schauen kann.

Zumindest solltet Ihr alle geschaffenen Inhalte als Photo festhalten, um ggf. in späteren Workshops, die an Eure Ergebnisse anknüpfen, darauf zurück greifen zu können.

So und nun viel Spaß und Erfolg bei Eurem ersten eigenen Design Thinking Workshop.