Erst der Mars, dann die Matrix: Während einer Publikums-Diskussion wurde Elon Musk bereits im Juni zum wiederholten Male die Frage gestellt: Leben wir in einer Computer-Simulation?

Musk beantwortete die Frage sehr philosophisch mit „Die Chancen stehen 1 zu 1 Milliarde, dass das hier die wirkliche Realität ist.“ Er begründet das mit der exponentiellen Entwicklung von Videospielen innerhalb der letzten 40 Jahre und der beispielhaften Möglichkeit, wir und unsere gesamte Realität könnten eine Ahnen-Simulation sein, die eine Zivilisation gerade 10.000 Jahre in der Zukunft ablaufen lässt. Technisch erklärt Musk das plausibel: Wenn die Computerleistung nach Moores Law weiter steigt müsste die Menschheit in 10.000 Jahren in der Lage sein, Bewusstsein zu simulieren und wenn wir gerade in einer solchen Simulation leben, ist das ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass die Zivilastion überlebt hat. So weit, so abgefahren. Die Hypothese dazu stammt aus dem Jahr 2003 vom Oxford Philosphen Nick Bostrom deren wissenschaftliche Haltbarkeit hier hinterfragt wird.

Silicon Valley will aus der Computer-Simulation ausbrechen

Letzte Woche kursierte dann aufgrund eines Portraits über Sam Altman (Y Combinator) im New Yorker die Meldung, zwei Valley-Milliardäre würden Forschung finanzieren, um aus der Matrix auszubrechen und die Gerüchteküche kochte auf großer Flamme, dahinter könnten Elon Musk und Peter Thiel stecken. Grundsätzlich finde ich das Gedankenspiel schon interessant, dass genau die Branche, die seit Jahrzehnten Geld damit verdient alternative Realitäten zu erschaffen, diese nun zerstören will.

Realitätsverzerrung auch bei Steve Jobs?

Bereits Steve Jobs wurde nachgesagt, er habe in seinem eigenen Realitäts-Verzerrungs-Feld gelebt. Wenn wir schon philosophisch an die Sache herangehen, dann würde ich mich soweit aus dem Fenster lehnen und behaupten: Elon Musk erzeugt bereits jetzt für Tesla-Fahrer, für die Automobilindustrie und für Mitarbeiter seiner Unternehmen eigene Realitäten. Die für die einen sehr positiv, für die anderen ausbrechenswert sind.

Handelt es sich hier vielmehr um eine Marketing-Strategie?

Meine Vermutung: Das ist vielmehr ein sehr geschicktes VR-Marketing auf (trivialem) philosophischem Niveau. Trivial deswegen, damit möglichst viele Menschen folgen können. Philosophisch, damit es entsprechend ernst genommen und diskutiert wird. Anregungen für Realitätstheorien gibt es genug: Platons Höhlengleichnis, Descartes Erkenntnistheorie, Kants Noumenon und Heidegger, der sagt die Natur des Menschen besteht in der Fähigkeit, seine eigene Natur neu zu definieren und dadurch neue Welten zu eröffnen. Und wer bekommt es bitte besser hin Probleme zu lösen, die es mit den geschaffenen Produkten vorher nicht gegeben hat, als die Tech-Branche? Dieser Gedanke kam mir im Zusammenhang mit der folgenden Publikums-Frage an Elon Musk zum gleichen Thema bereits im Dezember 2015. Interessanterweise bringt der fragestellende Stanford-Student Musks Geschäftsmodell der Mobilität in Zusammenhang mit Virtual Reality:

„Wenn wir keine Transportmittel mehr brauchen, weil wir durch VR an jedem Ort der Welt sein können, würde das den Ressourcenverbrauch für Mobilität drastisch senken.“ Musks Antwort ist übrigens damals schon die gleiche wie im o.g. Video aus dem Juni 2016.

Vielleicht ist die Antwort viel naheliegender (und profaner)

Wer sich die ersten Folgen der neuen HBO-Serie Westworld angesehen hat, kann sich in etwa vorstellen, woher die gehypte Realitäts-Diskussion plötzlich kommen könnte. Die gerade gestartete SciFi-Serie zeigt eine Mischung aus Western und Truman Show für die, die es sich leisten können. Die Matrix als verkaufbares Produkt. Vielleicht liegt da der Hase in den roten und blauen Pillen: Bereits jetzt wird die Aufmerksamkeit auf das VR-Geschäftsmodell von übermorgen gelenkt. Quasi ein A/B-Test für die Akzeptanz in der Öffentlichkeit, bevor es an die Produktentwicklung geht. Das Science-Fiction eine prima Quelle für Produktentwicklung ist, wissen wir ja nicht erst seit Hoverboards und Klapphandies in Form von Star Trek Kommunikatoren.

Vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht könnte es einen noch einfacheren PR-Zusammenhang geben: Nämlich, dass die Dystopie Westworld ganz gut zu den Ideen der neu gegründeten Non-Profit Organisation OpenAI passt. Zumal der Co-Creator von Westworld ein Freund von Musk ist und die Ex-Frau von Elon, Talulah Riley in der Serie mitspielt:

Meine persönliche Meinung:

Egal ob wir in einer Simulation einige tausend Jahre in der Zukunft leben oder das hier die einzig wahre Realität ist: Für mich macht es hier und heute keinen Unterschied. Wenn mich ein paar gelangweilte Milliardäre irgendwann hier raus holen: Fein. Wenn nicht, fühlt sich diese virtuelle Realität sehr real an und ich mich in ihr sehr wohl.

Übrigens zeigt das folgende Video auf gleichzeitig witzige und bedrückende Art und Weise, warum eine zu realistischere Darstellung von Spielen in VR möglicherweise keine gute Idee sein könnte (via TNW):

Artikelbild ganz oben © Oculus VR