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Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook und Microsoft, die fünf Unternehmen, die die Digitalwelt beherrschen, kommen alle aus den USA. Haben Europäer da überhaupt noch eine Chance? Ja, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnen: über Ländergrenzen hinweg denken und in vielen Sprachen und Kulturen zuhause sein.

Das zumindest ist die These eines von Libor Safar (Marketing Manager beim Sprachdienstleister Moravia) verfassten Artikels, der in der Fachpublikation MultiLingual erschienen ist. Schon jetzt herrscht an Eunicorns, also europäischen, als Einhörner bezeichneten Technologieunternehmen mit einer Bewertung von mindestens eine Milliarde US-Dollar, kein Mangel. 47 sind es laut einer gerade veröffentlichten Erhebung der Investmentbank GP Bullhound. Die Spitzenposition nehmen Spotify und Skype mit jeweils 8,5 Milliarden ein. Zum Vergleich: Uber bringt es mittlerweile auf über 60 Milliarden.

Zur absoluten Weltspitze ist es also noch ein gutes Stück. Das liegt unter anderem daran, dass europäische Startups oft gar nicht die Chance bekommen, auf eigenen Füßen massiv zu wachsen, sondern relativ früh auf dem Einkaufszettel amerikanischer Investoren stehen und dann in US-Großkonzernen aufgehen. Das ganz große Geld ist in Europa leider immer noch sehr schwer aufzutreiben.

Was Europa dagegen den USA voraus hat, ist die Notwendigkeit, sich von Beginn an mit unterschiedlichen Märkten zu beschäftigen. Gerade in Ländern mit geringeren Einwohnerzahlen, wie etwa den Niederlanden, Schweden oder im ebenfalls zum europäischen Ökosystem zählenden Israel, stoßen Startups schnell an ihre Wachstumsgrenzen, wenn sie sich auf ihren heimischen Markt beschränken. Eine internationale Ausrichtung ist da selbstverständlich, und das heißt in vielen Fällen auch, das Angebot in vielen verschiedenen Sprachen zu machen. So gibt es die in Edinburgh beheimatete Reiseseite Skyscanner in 33 Sprachversionen.

Skyscanners Mitgründer Barry Smith erklärte dazu dem Guardian: „Unser wichtigster Mitbewerber in Amerika hatte nur eine Sprache. Die hatten 220 Mitarbeiter, die sich mit den USA beschäftigten, und nur vier für Europa, als ob das ein einziges riesiges Land wäre.“ Die Schotten liegen mit ihrer Strategie in der Spitzengruppe von 50 exemplarisch betrachteten europäischen Unternehmen (Eunicorns und andere aufstrebende Player). Mehr Sprachen bieten nur Moovit (41), eine App für öffentlichen Personennahverkehr, und die Singelbörse Badoo (42); zumindest in dieser Kategorie schlägt sie sogar Tinder (35).

Quelle: MultiLingual

Quelle: MultiLingual

Meist verbreitete Sprache ist natürlich auch bei den Europäern Englisch. Von den 50 untersuchten Unternehmen haben sie 49 im Angebot. Auf den Plätzen folgen Französisch, Deutsch und Spanisch mit jeweils über 35 Anbietern. Was diese gemeinsam haben, ist ihre Endkundenorientierung; eine E-Commerce-Plattform beispielsweise muss für möglichst viele potenzielle Kundenaus den unterschiedlichsten Weltgegenden verständlich sein, während eine Softwarefirma für den B2B-Bereich in der Regel mit Englisch auskommt.

Manchmal führt aber auch die Besetzung eines vermeintlichen Nischenmarktes zu einem unerwarteten Erfolg. Das Hamburger Startup Wundercar vermittelte Mitfahrgelegenheiten und bekam deshalb Ärger mit den Behörden. Also verzichtete man auf das Geschäft in Deutschland, kürzte den Namen zu Wunder und ist jetzt auf den Philippinen besonders populär. Der Weg in die Riege der echten Eunicorns ist trotzdem noch weit; die entstehen am ehesten in den Startup-Metropolen London, Berlin, Paris, Amsterdam und Stockholm.

Jeder dieser Hotspots hat seine Vor- und Nachteile, doch insgesamt ist es in Europa leichter als im Silicon Valley Talente zu finden, die auch noch bezahlbar sind. Libor Safar führt in seinem Artikel eine Reihe weiterer Charakteristika und Erfolgskriterien auf:

  • Die ursprüngliche Sprache ist nicht immer Englisch. Das gilt besonders für deutsche und französische Startups, die anfangs in ihren Heimatmärkten genügend Umsatz machen können. Das kann zu Schwierigkeiten bei der Übersetzung in weitere Sprachen führen. Besser also, von Beginn an auch Englisch einzuplanen.
  • Früh an Globalisierung denken. Es ergibt selbstverständlich keinen Sinn für ein junges Unternehmen, gleich eine ganze Abteilung für die Internationalisierung einzurichten. Von Beginn an entsprechendes Know-how intern anzusammeln beziehungsweise eine passende Fachkraft zu beschäftigen, ist allerdings eine sinnvolle Investition in die Zukunft.
  • Eine reifere, erfahrenere Startup-Szene. Startups und Technologieunternehmen sind auch in Europa nichts Neues mehr, der grundsätzliche Vorsprung der USA ist dahin. Längst gibt es erfahrene Persönlichkeiten, die mit Geld und Fachwissen die europäische Szene voranbringen können.
  • Sei datengetrieben. Wer viele unterschiedliche Märkte erobern will, muss dafür eine große Menge an Daten auswerten. Die sind inzwischen reichlich vorhanden. Big Data soll das Bauchgefühl, die unternehmerische Intuition, nicht ersetzen, aber unterstützen und gegebenenfalls korrigieren.
  • Viele Fehler, viel Fortschritt. Jeder Markt hat seine eigenen Tücken, und je vielfältiger ein Unternehmen aufgestellt ist, desto mehr Fehler wird es machen. Das kann schmerzhaft sein, sorgt aber auch für Lerneffekte, die einem auf ein Land konzentrierten Anbieter fehlen.

Fazit: Die Bedingungen dafür, dass Eunicorns eine Chance auf Weltmarktführerschaft bekommen, waren noch nie so gut wie heute, und die multikulturelle und vielsprachige Ausrichtung ist der Schlüssel zum Erfolg.