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Klar, ums Geld geht es auch bei Startups am Ende immer, aber bei denen aus der Kategorie Fintech gehts praktisch um nichts anderes. Und das aus guten Grund, schließlich wollen sie mit neuen Ideen und Technologien das Finanzwesen revolutionieren, einfacher und schneller machen. Wie sieht die bisherige Bilanz aus? Wir haben nachgerechnet.

„Bertelsmann investiert in Fintech-Startup“ – eine von vielen Meldungen, die uns in letzter Zeit aufgefallen ist. Natürlich auch, weil die Founders Foundation ein Projekt der Bertelsmann Stiftung ist. Aber vor allem, weil sie eine Branche betrifft, die immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, zuletzt in der Diskussion um die Folgen des Brexits.

Insgesamt 32 Millionen US-Dollar schwer ist die Finanzierungsrunde für Lendingkart, an der Bertelsmann über eine Tochtergesellschaft beteiligt ist. Lendingkart ist ein indisches Unternehmen, das Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vermittelt. Und damit durchaus typisch, denn Fintech ist ein globales Thema. Eine im Mai veröffentlichte Studie von KPMG und CB Insights beziffert die im 1. Quartal 2016 in die Branche getätigten Investitionen auf 5,7 Milliarden US-Dollar – Rekord! Im April diesen Jahres gab es sogar 4,5 Milliarden US-Dollar auf einen Schlag, und zwar für den chinesischen Zahlungsdienstleister ANT Financial.

Bei Mobile Payment ist Ostafrika weltweit vorn

Eine schwindelerregende Zahl, die deutlich macht, dass speziell Asien und sogar Afrika in mancher Hinsicht schon weiter sind in Sachen Fintech, als das vermeintlich so fortschrittliche Deutschland. Beispiel Mobile Payment: Im Jahr 2013 betrug der Anteil der über Mobiltelefone durchgeführten Bezahlvorgänge in Tansania 65 % vom Bruttoinlandsprodukt . In Kenia waren es 55 %, dort entstand auch M-Pesa, ein von Vodafone und der heimischen Mobilfunkfirma Safaricom entwickeltes Bezahlsystem, das ohne klassisches Bankkonto auskommt.

Werbung für M-PESA in Tansania (Foto: Wikipedia / Flickr 3109301035 Jerry Michalski)

Werbung für M-PESA in Tansania (Foto: Wikipedia / Flickr 3109301035 Jerry Michalski)

In Deutschland dagegen sind die Werte für Mobile Payment kaum messbar, beliebtestes Zahlungsmittel ist immer noch das Bargeld. Und die etablierten Banken genießen zwar nicht sehr viel Vertrauen bei den Bürgern (nur 23 % laut einer Forsa-Umfrage für den stern vom Februar 2016). Sie gelten aber als sicher und beinahe alternativlos. Als Alternative zum üblichen Bankkonto tritt das Berliner Startup Number26 auf. Über 200.000 Kunden haben sich bisher für das Girokonto per Smartphone entschieden, zuletzt gab es allerdings einige Turbulenzen wegen Kunden, denen das Unternehmen gekündigt hatte, aber auch eine Geldspritze im Wert von 40 Millionen US-Dollar.

Was den meisten Fintechs wie Number26 fehlt, ist eine Banklizenz. Das ist die behördliche Erlaubnis zum Betreiben eines Kreditinstituts oder eines bankähnlichen Unternehmens. Sie ist Pflicht und nicht ohne weiteres zu bekommen; so gehört beispielsweise ein Anfangskapital von mindestens fünf Millionen Euro zu den Kriterien. Ein Grund von vielen, weshalb die meisten Fintechs mit klassischen Banken kooperieren oder das zumindest anstreben.

Fintechs und Banken sind eher Partner als Gegner

Es ist nämlich eine Mär, das Finanztechnologie-Startups mit der Parole angetreten sind, die Banken abzulösen und zu zerstören. Dafür profitieren beide Parteien zu sehr voneinander. Auf der einen Seite die disruptiven Ideen, neue Methoden und kurze Entscheidungswege, auf der anderen großes Know-how, viel Kapital und internationale Marktkompetenz. Beides zusammen ergibt eine echte Win-Win-Situation.

Darum hat die Deutsche Bank in diesem Jahr ein Digitalisierungsprojekt angeschoben, in das sie bis 2020 insgesamt 750 Millionen Euro stecken will. Dazu gehört eine Digitalfabrik, in der Spezialisten aus den Bereichen IT und Banking mit Startup-Protagonisten zusammen arbeiten werden. Und eine Kooperation mit Fintechs aus Hamburg, Berlin, Frankfurt und Zürich, die Lösungen zu Fragen wie Sicherheit oder automatisierte Vermögensverwaltung anbieten.

Als Inkubator und Investor speziell für Fintechs hat sich das börsennotierte Unternehmen FinLab positioniert. Zum Portfolio gehören zum Beispiel AUTHADA, das sich mit elektronischen Identitäten beschäftigt. kapilendo, ein Kredit- und Investitionsmarktplatz. Deposit Solutions mit einem instititutsübergreifenden Angebot für Tages- und Festgelder – die Hamburger sind übrigens auch Partner der Deutschen Bank. Oder die Trading-Plattform nextmarkets.

Fintech als Studienfach

Diese Auswahl zeigt nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was unter dem Label Fintech am Markt ist. Um die Übersicht zu behalten und den komplexen Anforderungen gerecht werden zu können, bietet die Frankfurt School of Finance & Management jetzt den Bachelor-Studiengang Digital Innovation & Fintech an. Partner ist die Fintech Group AG, bei der die Studierenden praktische Startup-Erfahrungen sammeln können.

Ob sich das Studium in der Praxis auszahlen wird, lässt sich natürlich noch nicht sagen. Zu tun gibt es auf jeden Fall genug, und einige Geschäftsfelder wollen wir hier stichwortartig aufführen:

  • Billing und Factoring. Abrechnung, Fakturierung, Rechnungsstellung, Forderungen – wie man es auch benennt, kein Unternehmen kommt um diese Prozesse herum. Ein gutes Beispiel für einen Bereich, in dem Fintechs besonders gute Chancen haben, nämlich im B2B-Bereich.
  • Crowdinvesting. Die Webgemeinde investiert in Immobilienprojekte. Durch niedrige Mindestbeträge ist das Risiko geringer als bei bisherigen Anlagen in Immobilien.
  • Insuretech. Eng verwandt mit Fintech ist die Digitalisierung des Versicherungsmarktes.
  • P2P Lending. Kredite von Privatpersonen an Privatpersonen, abgewickelt über eine Internetplattform und ohne Hinzunahme einer Bank.
  • P2P Payment. Für kleine Zahlungen unter Freunden, wenn man zum Beispiel für ein Geburtstagsgeschenk sammelt oder dem anderen vorläufig das Essen bezahlt.
  • Robo-Advisor. Automatisierte Vermögensverwaltung durch einen Roboter. Beziehungsweise durch Algorhitmen, die sich allerdings in schwereren Börsenzeiten als momentan erst noch beweisen müssen.

Kryptowährungen und Blockchain – sieht so die Zukunft aus?

Die Liste ist sicherlich nicht vollständig, und von einem Fintech-Phänomen war bisher noch gar nicht die Rede: Bitcoin. Das eine digitale Geldeinheit, auch Kryptowährung genannt, die weltweit und dezentral gehandelt wird. Kreditinstitute und Notenbanken gibt es nicht, die Netzgemeinde kontrolliert sich selbst, damit alles mit rechten Dingen zugeht.

Das Bitcoin-Logo

Das Bitcoin-Logo

Jedenfalls theoretisch, denn das amerikanische Startup The DAO, das als erste Investmentfirma komplett ohne Menschen und Firmensitz auskommen will, wurde kürzlich um 3,6 Millionen Einheiten einer anderen Kryptowährung, Ether, erleichtert. Das soll einem Realwert von mehr als 50 Millionen US-Dollar entsprechen. Um die Sicherheit steht es also doch noch nicht so gut wie gedacht. Ein Grund mehr, dass Bitcoin und Co. bisher nur eine Sache für Nerds sind und zu abstrakt und kompliziert für die Masse der Verbraucher.

Das gilt noch auch für die dahinter stehende Technologie, die mit dem Zauberwort Blockchain umschrieben ist. Was das genau ist und wie sich Blockchain in der Praxis einsetzen lässt, haben bisher nur wenige durchschaut. Diese Experten sind sich aber sicher: Blockchain wird die größte Veränderung seit der Erfindung des Internets bewirken und bisherige zentral gesteuerte Organisationen ablösen, nicht nur Banken. Das kann noch richtig spannend werden.

Bild ganz oben: rawpixel / 123RF