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Als Pro-Networker hat Udo mit der Factory Berlin in den vergangenen Jahren eine eigene 30.000 Quadratmeter große Plattform zum Austausch und Netzwerken aufgebaut. Damit sind er und seine Frau, die gleichzeitig Geschäftspartnerin ist, auch nicht ganz unbeteiligt am Erfolg des gesamten Startup Ecosystem Berlin.

Ihm war schon früh klar, wie sehr Startups und Mittelstand Access zueinander brauchen. DENN: der Mittelstand schafft die Digitalisierung nicht aus eigener Kraft und die Startups brauchen die Netzwerke und die Erfahrung des Mittelstands.

Klar ist aber auch:

„Wir müssen damit leben, das jedes gute Startup irgendwann Deutschland verlässt. Was aber aktuell auch passiert: Wir bauen wieder nachhaltige Unternehmen.“

Bevor wir auf die vielen Business-Anekdoten und Background-Stories von Udo eingehen, die wichtigsten Insights zum Titel-Topic des Founders Talk vorweg:

Wie geht Networken und warum ist es so wichtig?

Es gibt da einen Spruch bei den Engländern: Don’t listen to WIIFM Radio (What’s in it for me?)

Die Frage nach dem Eigennutz zu vergessen und zunächst selbstlos und ohne Hintergedanken Business Opportunities, die für einen selber nicht passen, an andere abzugeben, war für Udo einer der Grundsteine, auf die er sein Netzwerk aufgebaut hat. Ohne zu fragen: „Was kriege ich dafür?“ Die einzige Antwort, die er auf diese Frage mal gegeben hat war: „Wenn wir irgendwann einmal groß genug sind, um in eurer Liga mitzuspielen, wäre es schön, wenn Sie sich an uns erinnern.“

Udo hat im Laufe seiner Karriere eine Menge in sein Netzwerk investiert. Seine wichtigsten Networking Tipps:

  • Zeit in allen denkbaren Formen investieren – von der kleinen, handgeschriebenen Geburtstagskarte bis hin zur Organisation einer Konferenz
  • Matchmaking – die richtigen Menschen zusammen bringen, die voneinander profitieren können, ohne eine Gegenleistung zu erwarten
  • Leute nicht einfach mit Kontaktvorschlägen zuspammen. Vorher genau nachdenken, welchen Mehrwert beide Parteien voneinander haben
  • Zu große Business Opportunities weiter geben an die, denen sie am meisten helfen
  • Spaß haben und gönnen können!

„Ich habe viel ins Netzwerk eingezahlt, aber wenn ich es gebraucht habe, war es da.“

Als Beispiel dafür nennt er eine Situation, in der er innerhalb von 14 Tagen eine Bürgschaft über 10 Millionen für seine Bank brauchte. Richtig gelesen: 10 Millionen.

Er rief den CEO eines Unternehmens an, dem er in den Jahren vorher immer wieder Deals abgegeben hatte, die für sein eigenes Business zu groß waren. Ergebnis: Er gewann den Investor und konnte sein Unternehmen auf den nächsten Level heben.

Next Level ist ein gutes Stichwort: Netzwerken bedeutet nicht nur Menschen vernetzen, sondern auch ganze Unternehmen und das geht sehr gut durch investieren. Das wissen in Deutschland nur leider nicht sehr viele:

„Wenn ein Amerikaner einen Exit von 100 Millionen hinlegt, investiert er locker 50 Millionen in andere Gründer.
Ein Deutscher steckt 90 Millionen in einen Finanzberater und gründet nach 20 Jahren eine Stiftung, damit seine Kinder nicht ans Geld rankommen.“

Founders Talk Udo Schloemer

Wie entstand der Community-Space Factory Berlin?

Da gibt es zwei Geschichten – die Version, die Udo in den USA erzählt: Alles war so gewollt und geplant 😉

Und die .de-Version: Viele, viele ineinander greifende Zufälle haben zusammen gewirkt.

2006 saßen Udo und seine Frau mit einem veritablen Kapital nach dem Verkauf ihres Unternehmens (s.u.) da, fanden es traurig, wie in Deutschland mit Geld umgegangen wird und dachten sich:

„Jetzt haben wir in diesem Land Erfolg gehabt, jetzt wollen wir auch anderen zum Erfolg verhelfen.“

2007 traf er die Entscheidung, jungen Gründern zu helfen. Ohne sich vorher jemals mit der Startup-Szene beschäftigt gehabt zu haben. StudiVZ und 6Wunderkinder sind nur 2 Beispiele von Startups, in die Udo sehr früh investiert hat.

Das führte anfangs auch dazu, dass ihm wie er es formulierte, der Ruf vorauseilte: „Da rennt so ein verrückter Immobilientyp rum, der gibt jedem Geld!“

Also überlegte sich Udo eine Strategie, um einen Investitionsbaustein auf dem anderen aufbauen zu lassen:

  1. Wir investieren früher als andere
  2. Wir investieren nur in Leute, die wir mögen
  3. Wir investieren nur in Geschäftsmodelle, die wir verstehen

Punkt 3 wurde dann allerdings weitestgehend wieder fallen gelassen, da er zu sehr einschränkte.

Bis 2010 unternahm Udo so über 100 Investments.

Umso frustrierender war es damals bereits für ihn zu sehen, wie insbesondere USA und China den europäischen Investoren den Rang abliefen.

Jeder Exit ging ins Ausland! Immer wenn die Business Models gut funktionieren, kommen Amis oder Chinesen und sammeln ein.“

Das wollte Udo ändern. Also rief er eine Konferenz ins Leben und lud rund 100 Investoren ein. Ziel war es, denen die Berliner Startups für Investments schmackhaft zu machen – mit mäßigem Erfolg. Aussagen wie „das Flaschenpfand in der Küche ist ja mehr Wert, als die ganze Einrichtung da im Kreuzberger Hinterhof.“ führten Udo zu einer zentralen Erkenntnis:

„Die Deutschen wollen etwas geblendet werden.“

How to build an Ecosystem

Beim Founders Talk ging es noch tiefer ans Eingemachte, als im Hinterland Panel, das wir euch hier bereits komprimiert haben.

Nachdem Soundcloud damals bekannt gab, in die Factory zu ziehen, wollten alle dort rein. Zunächst wurde ein Clubmodell gefahren:

„Wir akzeptieren nur Bewerbungen wenn sie in unser  Ökosystem passen. Coole Leute, die die Kultur pflegen, passioniert etwas dazu beitragen und auch die Miete zahlen können. Für uns hat es sich lange so angefühlt, als wären wir so gemeinnützig wie die Founders Foundation gewesen.“

Nach einem Artikel auf Techcrunch klingelte dann bei Udo das Telefon und Google CEO Eric Schmidt war dran:

ERIC:
„Die Factory ist die einzig funktionierende Startup-Community in Europa. Und wir brauchen Zugang zu den Leuten. Können wir da zusammenarbeiten?“

UDO:
„Wie stellt ihr euch das vor?“

ERIC:
„Wir zahlen euch 1 Million Dollar, wenn wir 25 Schulungen zu unseren Produkten im Jahr bei euch machen dürfen.“

UDO
(erstmal cool bleiben):
„Jaaa Eric, wie sehen diese Schulungen denn aus? Sind die denn hochwertig?“

Nach diesem surrealen Telefonat war Udo vor allem sauer auf die deutsche Industrie, die es nicht geregelt kriegte, eine Entscheidung pro Startups in Deutschland zu treffen.

„Ich sitze heute noch CEOs in Deutschland gegenüber, die denken, dass Google wieder weggeht“

Das führte zeitweise zu einer bewusst disruptiven Kultur in der Factory, in der alles besonders gefördert wurde, was Geschäftsmodelle des Mittelstands angriff.

Heute kommen top Gründer, Entwickler und ITler aus den USA gerne nach Berlin, weil sie sagen: „Berlin ist wie das New York der 80er und das Silicon Valley der 90er.“ Die Clubszene, die Lässigkeit und auch die Durchlässigkeit, das 24/7 Erlebnis bringen die Freaks, Cracks und cool Kids nach Berlin. Die Visionäre, die top Unternehmen bauen können.

„Du kannst samstags Nacht ne Company im Berghain gründen und wenn Du Glück hast, erinnern sich am Montag noch alle dran.“

Was Berlin fehlt: Das Backing. Das Konservative im Wortsinn von Nachhaltigkeit und Bewahren: Viele Unternehmen in Berlin wachsen unglaublich schnell und verzweifeln oft am Operativen. Mit unserer typisch deutschen Ingenieurs-DNA und Qualitätsbewusstsein können wir hier sehr viel langfristig nachhaltige Umsetzung schaffen.

Ein Startup-CEO hat in der Regel null Ahnung von Buchhaltung. Da geht man schlimmstenfalls am Erfolg pleite. Aussagen wie „Ich glaube wir machen so ungefähr 15 Millionen Umsatz.“ hat Udo nicht nur einmal gehört. Hier können CFOs aus dem Mittelstand, aus Banken oder Versicherungen richtig viel bewegen und wertvoll die Teams ergänzen.

Diese Nachhaltigkeit ist besonders im B2B-Umfeld wichtig. Hier sieht Udo auch die großen Stärken, mit denen Deutschland sich gegenüber den USA und China behaupten kann, auch wenn wir hier kein Google, Facebook oder Instagram bauen werden.

B2B bedeutet: Große, lukrative Probleme der Industrie finden, verstehen und und mit Technologien wie AI und Blockchain lösen.

Beispiel Wir sind Weltmarktführer in Maschinenbau-Sensorik. Eine Versicherung, die in Sensoren investiert, die Ermüdungserscheinungen in Maschinen vorhersagt und dann Betriebsausfälle versichert, die dank der Produkte nicht mehr passieren können, wäre eine sinnvolle Vernetzung von Business Models.

Wie ließe sich das erreichen? Udo lieferte hier gleich einen Lösungsansatz mit, der gleich mehrere Probleme lösen und das Bildungssystem revolutionieren könnte:

Patente in Schulen nutzen.

Denn: Heute werden Patente geschrieben, damit andere das nicht auch machen können.

Stattdessen sollten Mittelständler und Großunternehmen eine (Hoch)-Schule gründen, dieser Schule ihre Patente und Technologien zur Verfügung stellen und die Schüler interdisziplinär herausfinden lassen, welche Produkte und Lösungen sich daraus bauen ließen.

Die Factory Vision = Vorteil gegenüber Asien

Udo macht sich über die Zukunft null Sorgen. Seine Vision für die Factory ist es, ein loses und dezentrales Netzwerk von Clubs in jeder größeren europäischen Stadt aufzubauen – den größten Alumni-Club ohne Universitäts-Anschluss.

Die Corporates können in jeden Factory-Club einen Scout unterbringen, der die Ideen der Startups versteht und in der Lage ist, sie mit anderen Factories und vor allen den Corporate Zielen zu vernetzen. So ein Scout muss in der Lage sein, die unterschiedlichen Sprachen und Denkweisen auf beiden Seiten zu verstehen.

„Wir brauchen  Raum, in dem sich immer wieder die gleichen Leute treffen. Je öfter Du da bist, desto offener redest Du über Probleme und findest gemeinsam Lösungsansätze.“

Founders Talk Udo Schloemer Sebsatian Borek

Den Kulturvorsprung zu Asien und den USA nutzen!

In einer solchen Netzwerk-Kultur sieht Udo auch den Vorteil gegenüber Asien. Besonders in China ist es durch die hierarchische Kultur aktuell noch kaum denkbar, dass ein 18-jähriger Entrepreneur zu einem 40-jährigen Unternehmer geht.

Darum holte Alibaba-Gründer Jack Ma Udo mit den Worten nach China:

„Bau mir hier eine Factory. Die ist europäisches Territorium und die chinesische Kultur darf hier nicht rein.“

Doch auch gegenüber den USA sieht Udo in der europäischen Kultur einen ganz großen Vorteil:

Die Lebensart. Auch neben einer 60-80 Stunden Woche das Leben genießen zu können ist ein sehr europäisches Ding.

Udos persönliche Vision

Ein Traum wäre es für Udo, wenn in den Factories die großen Visionen angegangen werden, die dafür sorgen, dass menschliche Arbeit nicht mehr zwangsläufig gebraucht wird.

Ein Baustein auf dem Weg dort hin sieht er in einer Plattform, die Menschen schult, ihr Ego in den Griff zu bekommen. So dass Menschen empowered werden und niemanden mehr brauchen, der ihnen auf die Schulter klopft. So haben sie mehr Zeit für sich, anstatt der Anerkennung durch andere hinterher zu laufen.

Dieser Sieg über das Ego könnte dem gesamten Business-Geflecht nachhaltig nützen. Wenn bsw. wie oben beschrieben, der Manager aus der Bank als CFO ins Startup geht, ist das ein erster Schritt zu Weiterentwicklung statt Ego.

Der zweite Schritt ist, wenn er nach 5 Jahren wieder in die Bankenwelt zurück geht, seine Erfahrungen und die Kultur aus dem Startup mitnimmt und sich so die Kulturen nachhaltig vermischen.

Dann bekommen wir vielleicht auch eine Geber-Kultur in Deutschland hin, die nicht fragt: „Was habe ich denn davon?“ sondern, die Freude daran hat, etwas zu bewegen und zu machen. Die lieber investiert und zurückgibt als zu sparen.

Und dann können wir auch im gesamten unsere Innovationskultur wieder stärken, die uns das Schulsystem durch ständige Bewertung aberzogen hat:

„Es ist doch bezeichnend, dass gut situierte Eltern, die begeisterte Kunstsammler sind, oft alles dafür tun, dass ihre Kinder keine Künstler werden.“

Daher Udos Tipp: Innovation ist Kreativität: Nimm das Leben nicht zu ernst. Probier Dinge aus, die dich interessieren und dir Spaß machen.

Background-Check Udo Schloemer

Sicher interessiert Euch jetzt noch – wo kommt Udo Schloemer eigentlich her?

Als Versicherungskaufmann und Mathematiker aus dem Immobilienbusiness in Stuttgart kommend, hatte Udo mit seiner Frau in den Zweitausendern ein Unternehmen mit 120 Leuten aufgebaut. Dann kamen Lehman Brothers und wollten das Unternehmen kaufen. „Das ist unverkäuflich.“ sagte Udo. Lehman nannte eine Zahl. „Ok, wann?“ fragte Udo.

Unternehmer ist Udo übrigens aus einem der nachvollziehbarsten Gründe ever geworden: Weil er seinem ehemaligen Chef beweisen wollte, dass er Recht hatte. Und obwohl er gut 5 Jahre strugglen musste, war der Gedanke „Hatte mein Ex-Chef doch Recht?“ eine Mega-Motivation.

Sein klares Statement ist auch gleich eine hervorragende Motivation zum Gründen:

„Als Angestellter ist es heute quasi unmöglich, wirtschaftlich unabhängig zu werden.“