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Viele Schlagwörter, die den digitalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft beschreiben, haben ihren Ursprung im Englischen. Bei Industrie 4.0 ist das anders. Dieser Begriff stammt aus Deutschland und hatte seine Premiere auf der Hannovermesse 2011. Und er ist auch keine Medienerfindung, sondern benennt ein Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vorangetrieben wird.

Die Geschichte kennt bisher drei industrielle Revolutionen. Die erste begann schon im 18. Jahrhundert mit Erfindungen wie der Dampfmaschine und dem mechanischen Webstuhl, die industrielle Großbetriebe überhaupt erst möglich machten. Weitgehende Elektrifizierung und Produktion am Fließband kennzeichnen die auf Anfang des 20. Jahrhunderts datierte zweite Revolution. Die dritte fundamentale Veränderung der Arbeits- und Produktionsbedingungen läutete die Mitte der 1970er-Jahre beginnende Computerisierung ein. Diese digitale Revolution dauert bis heute an, weshalb die Wortschöpfung Industrie 4.0 nicht unumstritten ist.

Zumindest hat das BMBF seinem 2011 angeschobenen Projekt damit einem Namen gegeben, der Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat und bekannter ist als die Initiative selbst. Die zielt darauf ab, die deutsche Industrie in die Lage zu versetzen, für die Zukunft der Produktion gerüstet zu sein. Bisher wurden dafür Fördermittel in Höhe von 120 Millionen Euro bewilligt, dazu kommen 80 Millionen vom Bundeswirtschaftsministerium.

Das Projekt Industrie 4.0 soll vier zentrale Problemfelder bearbeiten:

Förderung des Mittelstandes
Es werden Werkzeuge zur Wirtschaftlichkeitsbetrachtung entwickelt, die eine Investitionsabsicherung und Aussagen über die Zukunftsfähigkeit von Technologien erlauben. Weiterhin werden spezifische Lösungsansätze zur Erleichterung von Adaptionsprozessen gefördert, außerdem Einführungsstrategien und Umsetzungsempfehlungen für den Umbau, die als Handreichungen, Checklisten und Musterverfahren möglichst konkrete Umsetzungshilfen liefern.

Standards und IT-Architekturen.
Angestrebt wird eine „Referenzarchitektur Industrie 4.0“ als Standardisierungsbasis. Der größte Teil der Wertschöpfung im Maschinen- und Anlagenbau besteht mittlerweile aus der immer komplexer werdenden Softwareentwicklung. Die dafür erforderlichen methodischen Lösungen werden ebenfalls vom BMBF gefördert.

IT-Sicherheit.
Die am häufigsten insbesondere im Mittelstand geäußerte Befürchtung ist, dass bei Industrie 4.0 die Daten nicht sicher seien, Geschäftsgeheimnisse verloren gehen und sorgfältig gehütetes Wissen der Unternehmen der Konkurrenz offenbart würde. Auch hier arbeitet das BMBF an der Entwicklung eines durch Industrie und Forschung getragenen Sicherheits-Referenzsystems.

Qualifikation.
Die fortschreitende Digitalisierung bringt massive Änderungen insbesondere bei Arbeitsprozessen und Arbeitsinhalten sowie die Erweiterung von Qualifikationsprofilen der Facharbeiter in den Betrieben, der praxiserfahrenen Ingenieure und vor allem in der Ausbildung mit sich. Erste Ansätze zu neuen Qualifikationsinhalten existieren, von einer Systematisierung kann aber noch nicht die Rede sein. Eine weitere Herausforderung für das Projekt Industrie 4.0, über das man sich auf dieser Webseite noch detaillierter informieren kann.

Welche Konsequenzen die aktuelle Entwicklung haben könnte, beschreibt der Ökonom Thomas Straubhaar in einem Interview mit der FAZ vom 29. Februar 2016 in drastischen Worten:

Der technologische Fortschritt schafft Arbeit ab, das sehen wir in der Wirtschaftsgeschichte seit der Industrialisierung. Die Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0, kommt jetzt mit Wucht, menschliche Arbeit wird dadurch obsolet.

Für Schlagzeilen sorgte bereits im April 2015 eine Studie der ING DiBa. Demnach drohe von den 30,9 Millionen darin berücksichtigten sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten 18,3 Millionen, das sind 59 %, durch die fortschreitende Technologisierung mittelfristig die Arbeitslosigkeit. Ursache dafür sei, das immer mehr Arbeitsprozesse von Robotern erledigt werden und Maschinen miteinander kommunizieren können, sich also quasi gegenseitig bedienen.

Gleichzeitig bietet Industrie 4.0 aber auch die Chance zur Schaffung neuer Arbeitsplätze mit hohem Qualifikationsniveau. Ein Leuchtturmprojekt in diesem Bereich nennt sich it’s owl, was für Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe steht. Dahinter verbirgt sich eine Kooperation von 174 Unternehmen, Hochschulen, wissenschaftlichen Kompetenzzentren und wirtschaftsnahen Organisationen in der Region Ostwestfalen-Lippe, die im Jahr 2011 gegründet wurde. Wirtschaft und Wissenschaft realisieren in dem Technologie-Netzwerk gemeinsam 47 anwendungsorientierte Forschungsprojekte. Das BMBF stellt hierfür 40 Millionen Euro zur Verfügung, insgesamt hat it’s owl ein Volumen von knapp 100 Millionen Euro. Damit ist der sogenannte Spitzencluster das derzeit größte Projekt in diesem Bereich.

Die Herausforderungen, die sich durch die rasante Digitalisierung ergeben, bleiben natürlich nicht auf Deutschland beschränkt. Deshalb strebt das Bundeswirtschaftsministerium eine Zusammenarbeit mit dem japanischen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie sowie der dort angesiedelten Robot Revolution Initiative an, einem Pendant zur hiesigen Plattform Industrie 4.0. Bereits ein ganzes Stück weiter ist man mit dem amerikanischen Industrial Internet Consortium (IIC). Der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Matthias Mach­nig wird schon am 2. März zusammen mit dem geschäftsführenden Direktor des IIC Richard Mark Soley und Siemens-Vorstand Professor Siegfried Russwurm erläutern, wie die Kooperation konkret aussehen soll.

Bild: © 123rf.com / aimage