Bist du ein Mensch? 8   +   6   =  

Die Mobilen Retter aus Rheda-Wiedenbrück helfen mit einer App Menschleben zu retten. Der leitende Projektmanager der Mobilen Retter und Geschäftsführer der medgineering GmbH Dr. Ralf Stroop hat uns in einem Interview von dem Projekt berichtet.

Wie funktioniert das System der Mobilen Retter?
Das ist schnell erklärt: Erleidet ein Mensch einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand, so beginnt nun ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit. Die nächsten wenigen Minuten entscheiden, ob der Mensch sterben wird, ob er mit schweren neurologischen Schäden überlebend zum Pflegefall wird, oder ob er die Chance hat, in das Leben zurückzukehren, dass er gerade zu verlassen drohte. Über die SmartphoneApp „Mobile Retter“ werden nun – und das ist die Idee – zeitgleich mit dem Rettungsdienst eben diese qualifizierten Ersthelfer, die sich zufällig in der Umgebung aufhalten, mitalarmiert. Diese Ersthelfer, wir bezeichnen sie als Mobile Retter, nutzen ihren enormen Zeitvorteil, um sofortig die Herzdruck-Massage einzuleiten. Das Leben bekommt damit eine 2. Chance. Der Rettungsdienst kann dieses extrem enge Zeitfenster häufig nicht erreichen. Mit großer Wahrscheinlichkeit befinden sich aber in der nächsten Einsatzumgebung medizinisch qualifizierte Ersthelfer wie Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Ärzte, Sanitäter, Rettungsschwimmer, die in der Lage und sicher auch bereit wären, sofortige Ersthelfermaßnahmen einzuleiten, wenn sie nur von dem Notfall in ihrer Nähe wüssten.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Als Notarzt kenne ich natürlich dieses Dilemma. Werden wir zu einem Patienten mit einem Kreislauf-Stillstand gerufen, für die unsere Anfahrt, sagen wir vielleicht 10 Minuten dauert, dann haben wir, nein, dann hat der Patient häufig kaum eine Chance, wenn nicht bereits Reanimationsmaßnahmen durch Angehörige, Arbeitskollegen, Passanten oder Nachbarn eingeleitet wurden. Als ich dann aber eines Tages, ich saß nach Feierabend zu Hause, hörte, wie Rettungswagen und das Notarztfahrzeug zu einem Einsatz in der Nachbarschaft eilten, war die Idee klar: ich sitze hier, mein Smartphone vor mir liegend. Ich hätte sicher schneller am Einsatzort sein können, hätte ich nur frühzeitig von der Notlage gehört.

Seit wann arbeitest du an der Idee und welchen Herausforderungen bist du in der Zeit begegnet?
Nun, von der Idee vor etwa 4 Jahren bis zu Umsetzung im Jahr darauf hat es natürlich etwas gedauert. Die Idee musste natürlich im Kopfe noch etwas reifen. Viele Dinge, die erst auf dem zweiten Blick erkennbar wurden, wie die versicherungs­ und datenschutzrechtlichen Aspekte galt es zu klären. Aber der innere Ruck, die Idee, die mich irgendwie nicht losgelassen hatte, dann auch wirklich anzupacken, war eigentlich sofort da: ich wollte das Projekt umgesetzt sehen. Die größte Herausforderung sah ich darin, zunächst die Behörde zur Umsetzung zu motivieren, was aber völlig unbegründet war. Die Projektidee traf hier in der Kreisverwaltung Gütersloh auf ein großes und engagiertes Interesse, wenn auch klar war, dass hier noch viel verwaltungstechnische Detailarbeit zu erledigen sein würde.


Wie sehen die bisherigen Praxiserfahrungen mit dem System aus?
Auch die Praxiserfahrungen sind schnell skizziert: mit weit über 500 freiwilligen und engagierten Mobilen Rettern, alleine im Kreis Gütersloh, konnten in den letzten 30 Monaten nachweislich schon Menschen gerettet werden.

Wo werden die Mobilen Retter schon überall eingesetzt?
Nach der Pilotphase im Kreis Gütersloh gab es eine äußerst engagierte Nachfrage aus dem Kreis Germersheim. Zugegeben, ich musste das auch erst auf der Karte suchen: Rheinland­Pfalz. Hier ist das System seit Anfang des Jahres ebenfalls in Betrieb genommen worden. Aktuell hat nun der Kreis Unna bekannt gegeben, das Mobile Retter­System einzuführen, und gerade ist es die bajuwarische Region „Eichstätt, Neuburg­Schrobenhausen, Pfaffenhofen und Ingolstadt“, die die gemeinsame Einführung des Mobile Retter Systems in der Presse ankündigen.

Wie wollt ihr weiter expandieren?
Nun, eben genau so.

Manche Leute verwenden als Ausrede, warum sie nicht gründen, dass sie schon zu alt wären. Du hast nicht direkt im Anschluss an das Studium gegründet, sondern nach Jahrzehnten Berufserfahrung. Wie würdest du Leute zum Gründen ermutigen?
Gründen, nur um zu gründen, wäre für mich persönlich nie eine Option gewesen, dafür fehlt mit wohl, und ich meine das auch keinesfalls negativ, die gewisse „Krämerseele“. Für mich war es allein die Idee, die mich motiviert hat. Die Idee, die ich realisieren wollte. Die konkrete Umsetzung basierte dabei wesentlich auf meine beruflichen Erfahrungen, die ich als Notfallmediziner, als Naturwissenschaftler und nicht zuletzt als Ingenieur gesammelt habe, und die zahlreich in die Implementierung eingeflossen sind. So kann ich aber natürlich nur aus meiner Perspektive heraus antworten: wer einmal für sich eben DIE Idee gefunden hat und feststellt, dass ihn diese nicht mehr wirklich los lässt, tut sicher gut daran, diese Idee hinsichtlich der Tragfähigkeit einmal im Vorfeld einer Gründung sehr kritisch mit Vertrauenspersonen seines Umfelds zu diskutieren, ohne sich aber durch eine skeptische Resonanz entmutigen zu lassen. Und dann kann ich nur empfehlen, sich daran zu machen, diese Idee zu realisieren. Auch wenn das manchmal bedeutet, dass der eingeschlagene Lebensweg eine gewissen Richtungsänderung erfährt.


Was kannst du Gründern in OWL als Ratschlag mit auf den Weg geben?
Wer über einen soliden Fundus an fachlicher Expertise verfügt, sollte sich allein ob fehlender unternehmerischer Erfahrung keineswegs entmutigen lassen. Denn das supportive Angebot in Puncto Unternehmensgründung ist in OWL nicht nur umfangreich, sondern – und hier spreche ich aus Erfahrung – inhaltlich exzellent. Und en passent baut man hier sein Netzwerk auf, das wirklich trägt.


Bild ganz oben © Mobile Retter e. V., medgineering GmbH