Man muss kein eingefleischter Trekkie sein, um diese Szene zu kennen: Jean-Luc Picard, Captain der Enterprise, wird in „Star Trek: Der erste Kontakt“ von den Borg assimiliert. Wird zu Locutus von Borg und Teil dieser Gemeinschaft von biologischen Lebensformen, die mit Technik verschmelzen. Jeder mit jedem vernetzt, ein kollektives Bewusstsein versklavter Kreaturen ohne eigenen Willen – gesteuert von einem Master-Hirn. Ganz schön gruselig… Aber zum Glück nur Science-Fiction, die im 24. Jahrhundert spielt.

Die Fusion von Mensch und Maschine also ein Tabu? Mitnichten! Der Wunsch, unser Hirn zu verstehen und an das ranzukommen, was sich in unseren Köpfen abspielt, ist da! Es ist kein Geheimnis, dass Facebook und so manche andere Tech-Unternehmen richtig viel Geld ausgeben, um herauszufinden, ob und wie man menschliche Gedanken maschinell auslesen könnte. Und was speziell Facebook im Hinterkopf hat, klingt ja auch ganz praktisch: Ich denke meine Nachricht, und das Smartphone tippt sie einfach. Prima Sache, oder? Wie es aussieht, müssen wir darauf allerdings wohl noch eine Weile warten. Denn ganz so einfach ist das nicht mit dem Gedankenlesen.

Elektroden im Gehirn zur medizinischen Anwendung

Seit rund 25 Jahren macht der Begriff Neurotechnologie jetzt die Runde. „Im weitesten Sinne geht es da um alle technischen Gerätschaften, die mit dem Gehirn interagieren, also auch EEG oder MRT“, sagt Dr. Philipp Kellmeyer, Neurologe an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Über klassische Methoden wie extrakranielles EEG oder MRT gehen aktuelle Entwicklungen allerdings deutlich hinaus: Mittlerweile nämlich lassen sich Elektroden auch im Hirn implantieren – beispielsweise um Schnittstellen herzustellen, mit denen gelähmte Patienten einfache Sprachprogramme steuern können. Forschungen dazu stecken noch in den Kinderschuhen, erste Erfolge aber gibt es.

„Weltweit gibt es ein paar Cluster, die eng interdisziplinär an dem Thema arbeiten. Wir in Freiburg beschäftigen uns vor allem damit, wie man eine Gehirn-Computer-Schnittstelle steuern kann“, so Kellmeyer. Ziel: Deep Learning von Rechnern mit Daten aus Hirnaktivität vernetzen. Oberste Priorität hat bei diesen Forschungen die klinische medizinische Neurotechnologie, um Menschen mit Handicap das Leben zu erleichtern. Andere Gruppen arbeiten auch an Neuroprothetik – also Prothesen oder Exoskelette, die über die Hirnaktivität gesteuert werden.

 

Zwangsstörungen durch Neurotechnologie behandeln?

Dass Elektroden im direkten Kontakt mit dem menschlichen Gehirn Gutes bewirken können, zeigen die bisherigen Erfolge bei der Behandlung von Parkinson-Patienten, bei denen eine medikamentöse Therapie nicht mehr weiter hilft. Aktuell wird geforscht, ob und wie solche Implantate auch bei anderen Erkrankungen helfen können, zum Beispiel bei schwerer Depression, Zwangsstörungen, beim Tourette-Syndrom oder auch bei Epilepsie. Wobei immer unterschiedliche Hirnregionen ausschlaggebend sind und die Wissenschaft sich häufig noch gar nicht einig ist, wo genau welcher Prozess abläuft – bei Depressionen und Angstzuständen beispielsweise.

Nun ist Facebook bei seiner Suche, wie sich unsere Gedanken automatisiert aufs Smartphone bringen lassen, natürlich (hoffentlich!) meilenweit davon entfernt, uns Elektroden in den Schädel zu pflanzen. „Da könnte es eher auf eine Elektroden-Kappe hinauslaufen, die man sich auf den Kopf setzt“, vermutet Neurologe Kellmeyer. Klingt irgendwie lustig, die Vorstellung. Aber so Kellmeyer: „Das würden sicherlich eine Menge technikaffine Nutzer gerne ausprobieren.“ Überhaupt würde das einfache Implantieren eines Chips irgendwo im Gehirn erst einmal vermutlich nichts bewirken, denn „Sprache ist so ungeheuer komplex, das lässt sich derzeit nicht einfach so auslesen“. Noch nicht.

Forderung nach umfassendem Datenschutz für Gedanken

Niemand weiß, wie disruptiv neue Entwicklungen einschlagen. Und deshalb gehört Kellmeyer zu einem Kreis von Wissenschaftlern und Philosophen, die bereits jetzt fordern, dass es Datenschutzregelungen für die Zukunft geben muss. (Link zu Nature: https://www.nature.com/news/four-ethical-priorities-for-neurotechnologies-and-ai-1.22960) „Daten der Hirnaktivität sind unsere persönlichsten Daten überhaupt. Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte, wie Hirndaten genutzt werden dürfen, bevor die Konzerne Fakten schaffen. Eine mögliche wirksame Einschränkung wäre ein Verbot für den Verkauf und Handel solcher Daten“, sagt Dr. Kellmeyer. Ja, dass (nicht nur) Facebook, Google und Co. scharf auf unsere Daten sind und diese auch in bare Münze umsetzen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Doch nicht nur der Schutz unserer Gedanken treibt die Wissenschaftler um, sondern auch der Schutz unserer Persönlichkeit. Schon heute könne man durch gezielte Veränderung der Hirnaktivität die Eigenwahrnehmung einer Person ungewollt verändern. „In Extremsituationen kann die Grenze verschwimmen, ob eine Handlung selbst- oder fremdbestimmt ist. Manipulationen der Hirnaktivität außerhalb medizinischer Therapien oder kontrollierten Forschungsstudien sollten verhindert werden“, so Kellmeyer. Ferner sei es kein Geheimnis, dass ein großer Anteil der Mittel für neurotechnologische Forschung in den USA vom Militär kommen. Dabei bestehe das Risiko, dass medizinische Anwendungen für militärische Einsätze zweckentfremdet werden. Hirnforschung für den Super-Soldier? Absolut denkbar.

Wobei die Forscherszene noch vor einem ganz anderen Problem steht: „Die Expertise in diesen Techniken wandert vermehrt in die Privatwirtschaft ab“, berichtet der Neurologe. Klar, wenn Google und Co. ganze Lehrstühle mit Geld kapern, setzen sie durchaus Marken, was entwickelt wird. „Forschung, Entwicklung und Politik verlieren dadurch natürlich Steuerungsmöglichkeiten.“

Biohacking mit teils abstrusen Nebenwirkungen

Erfahrungsgemäß geht manchem das, was Experten entwickeln, nicht schnell genug. Vermutlich ist das – gepaart mit einer dicken Portion Neugier und Risikobereitschaft – die Antriebsfeder für diejenigen, die sich dem Biohacking zuwenden. „Es gibt ganze Foren mit Menschen, die ihre selbst gebauten Instrumente haben, mit der Idee den menschlichen Körper oder auch ihre kognitiven Fähigkeiten zu optimieren“, weiß Philipp Kellmeyer. Geräte, die teils „erhebliche Schäden und Nebenwirkungen“ verursachen. Und selbst aus der Wissenschaft sind solche Selbstversuche bekannt – so hat sich bereits vor einiger Zeit der Neuroforscher Philip Kennedy eine Eigenentwicklung ins Hirn implantieren lassen, nachdem es keine Chance auf eine erlaubte Weiterentwicklung in den USA gegeben hatte. (Link: https://www.wired.com/2016/01/phil-kennedy-mind-control-computer/) Der gewünschte Erfolg blieb aus.

Der Weg zum Cyborg – gegenwärtig doch kaum mehr als nur eine Vision für Science-Fiction? „Man kann darüber diskutieren, ob ein Patient, der ein aktuelles medizinisches Implantat hat, nicht auch schon ein Cyborg ist“, sagt Philipp Kellmeyer. Aber noch – und manchen wird das sehr freuen – liegt die umfassende Vernetzung zwischen Mensch und Maschine in weiter Zukunft. Das IOH, ein Internet Of Humans, darf also ruhig noch Fiktion bleiben. Vielleicht ganz gut so, wenn wir noch mal kurz das Bild von Jean-Luc Picard aka Locutus von Borg aufrufen: irgendwie ganz schön gruselig…