Zugegeben: Dieser Titel ist ein Schluck aus der Pulle und baut jede Menge Erwartungshaltung auf. Doch wenn Reid Hoffman – „das Orakel des Silicon Valley“, COO von Paypal und Co-Founder von Linked-In – seine Buddies in Tech-Companies nach ihren besten Tipps und härtesten Erfahrungen fragt, können wir alle nur lernen.

Dieser Artikel basiert auf einem Best-Of von Reids eigenem Interview-Podcast Masters of Scale: Acht Episoden hat Tim Ferriss auf 100-Minuten wertvollste Know-how komprimiert.

Hier haben wir Euch die wichtigsten Insights von Gründer-Größen wie Mark Zuckerberg & Sheryl Sandberg von Facebook, Brian Chesky von AirBnB, Sam Altman (Y Combinator), Eric Schmidt von Google und vielen anderen zusammen gestellt.

Los geht’s

1. Bereite dich auf NEIN vor!

Wenn du ein Startup aufbaust, wirst du sehr oft ein „Nein!“ hören. Jedes einzelne Nein ist eine Chance zu lernen und besser zu werden. Kathryn Minshew hat ihr heute erfolgreiches Karriereportal THE MUSE 148 Mal vor Investoren gepitcht und sich jedes Mal ein Nein! abgeholt. Im letzten Jahr hat sie dennoch 16 Millionen Dollar Kapital bekommen und: Mehrere Millionen User.

Hoffman sagt, „Die erste Regel in Entrepreneurship und im Investieren ist: Die großen Ideen sind kontrovers. Sonst hätten andere sie längst erfolgreich umgesetzt.“

Achtet auf die Qualität der Neins, die ihr hört. Sucht nach den Neins, bei denen sich die Investoren winden und nur schwer nein sagen können.

Und auf die Qualität der Fragen, die Investoren euch stellen. Sobald die Fragen halbherzig und standardmäßig werden, könnte das Interesse oder das Verständnis für euer Produkt verloren gegangen sein.

Besser ein kurzes, schmerzhaftes Nein, als ein langes, zeitverschwendendes Vielleicht.

Für Investoren: Wenn euch ein Startup seinen Pitch präsentiert und die Hälfte von euch sagt: „Die haben doch einen Dachschaden!“ und die andere Hälfte: „Da steckt Potenzial drin!“ habt ihr die Reaktion, die ihr wollt.

Auch als VC wollt ihr Startups, die möglicherweise scheitern, an denen ihr aber lernen könnt. Für Hoffmans Investment Company Greylock war dieses – möglicherweise scheiternde Startup – Airbnb.

2. Stelle ein, als würde dein Leben davon abhängen

Leute für euer Startup einzustellen kann den Unterschied zwischen Erfolg und Fuckup ausmachen. Brian Chesky hat persönlich die Bewerbungsgespräche mit den ersten 500 Airbnb Mitarbeiter_innen geführt. „Geduld zahlt sich aus.“

Airbnb nahm sich fast 4 Monate Zeit, den ersten Software-Engineer einzustellen. Der Gedanke dahinter war: Die Leute, die wir heute einstellen, werden irgendwann die Bewerbungsgespräche mit anderen führen. Sie werden das Unternehmen selbst werden und entwickeln. Wenn Ihr mit einem Bewerber zusammen sitzt fragt euch: Will ich 10 oder sogar solche 100 Leute in der Firma haben?

Eric Schmidt hingegen erzählt, wie Google enorm schnell eingestellt und dabei die Qualität bewahrt hat, während das Unternehmen jedes Jahr seine Belegschaft vervierfachte: Google entwickelte Algorithmen für den Einstellungsprozess. Ganz praktisch hat Google darauf geachtet, interessante Menschen einzustellen, die neugierig sind und Ausdauer haben. Im Sales-Bereich zum Beispiel Spitzensportler, da diese Menschen Disziplin und Motivation von Haus aus mitbringen.

Mark Zuckerbergs Tipp zu Einstellungen ist: „Frage Dich, ob du auch für die Person arbeiten würdest, die sich bewirbt.“ Stellt Leute ein, die besser in ihren Aufgaben sind, als ihr selbst. So wird das Unternehmen kontinuierlich besser.

3. Damit du skalierst, tue Dinge, die nicht skalieren

Biran Chesky hat die ersten Airbnb-Kunden persönlich in New York besucht. Ihre Wohnungen für  die Plattform fotografiert und mit ihnen darüber gesprochen, wie er das Produkt besser machen kann. Den Rat direkt zu den Kunden zu gehen bekam er von Paul Graham von Y Combinator, der ihm sagte: „Jetzt in der frühen Phase hast Du noch die Chance. direkt zu den Kunden zu gehen. Jetzt seid ihr noch klein genug um alle Kunden zu treffen und direkt von ihnen zu lernen.“

So konnte Airbnb etwas aufbauen, das die Kunden so sehr lieben, dass sie anderen davon erzählen wollen.

Airbnbs Werkzeug dafür ist die 11-Sterne Bewertung. Dabei sind sie von der schlechtmöglichsten 1-Sterne Bewertung ausgegangen und wurden Stern für Stern besser. 5-Sterne sind dabei der zufriedene Standard-Kunde, dem vom Airbnb-Host Snacks hingestellt werden, der das Auto nutzen kann und nen Surfkurs spendiert bekommt. 10 Sterne sind völlig übertrieben: Ein AIrbnb-Kunde wird vor 5000 Fans abgeholt, mit einer Limousine zu einer Pressekonferenz vor dem Haus gefahren. Eine 11-Sterne-Bewertung heißt: Elon Musk holt dich vom Flughafen ab und sagt: „Komm, wir fliegen zum Mars.“ Diese verrückte Denk-Übung hilft euch, die kleinen Besonderheiten herauszuarbeiten, die euer Produkt einzigartig machen kann.

4. Hole mehr Kapital rein, als du brauchst. Möglicherweise viel mehr

Reid empfiehlt Entrepreneurs immer mehr Kapital reinzuholen, als sie für nötig halten. Denn: „Als Startup-Gründer werdet ihr in ein Minenfeld von unvorhergesehenen Ausgaben laufen.“

Mariam Naficy von eve.com gibt dazu das Beispiel, wie sie mit der fünfjährigen Eve Rogers am Telefon darüber verhandeln musste, ihr die Domain eve.com abzukaufen. Genau genommen hat ihr Haupt-Investor mit der Mutter verhandelt und heraus kamen: Ein Sitz im Aufsichtsrat für eine 5-jährige!, 50.000$ und so viele Trips nach Disneyland wie die Kleine machen wollte.

Noch wichtiger als für unvorhergesehene Ausgaben ist ein Kapitalpolster für unvorhergesehene Möglichkeiten und bevor unvorhersehbare Ereignisse euch einen Strich durch die Rechnung machen.

Mariam konnte für ihr zweites Startup im August 2008 durch Zufall gerade noch das Kapital einsammeln, bevor im September Lehman Brothers implodierte und Investoren für die nächsten Monate ganz, ganz vorsichtig wurden.

5. Release Dein Produkt so früh, dass es dir immer noch etwas peinlich ist. Unperfekt ist perfekt!

Dieses 5. Gebot ist eines von Reids berühmtesten Zitaten. Es ist die typische Arbeitsweise im Silicon Valley: Unfertige und damit unperfekte Produkte werden in den Markt geschickt, echte Kunden liefern durch ihre Nutzung wertvolle Insights und die Produkte werden ständig weiter verbessert.

Mark Zuckerberg berichtet in dem Zusammenhang aus der frühen Zeit von Facebook, als Facebook nur in Harvard verfügbar war. Dann wurde Facebook in Yale gestartet und alle Nutzer aus Harvard beschwerten sich: „Was DIE lasst ihr hier jetzt rein!“ Und diese kurzfristige Überreaktion der Nutzer hatte Facebook immer und immer wieder. Hier könnt ihr richtiges Zuhören lernen und was euer Unternehmen wirklich weiter bringt: Die einzelnen kleinen Gruppen beschweren sich im ersten Moment, aber mit jeder neuen Uni die hinzukam wurde das Netzwerk stärker und die Nutzer mochten das Gesamtprodukt mehr.

Einzelne Kunden sind sehr schlecht darin, zu urteilen ob sie ein Feature wollen. Die Foto-Tag-Funktion in Facebook ist so ein Beispiel. Fragte man einzelne Nutzer sagten alle: „NEIN! Ich will auf keinen Fall, das andere Leute mich auf Fotos markieren können und alle meine Freunde sehen dann auf welchen Bildern ich bin.“ Tatsächlich sind die Nutzer aber super happy mit der Funktion.

Übrigens:

„Move fast and break things“

kennen die meisten vermutlich als Zitat von Mark Zuckerberg. Je größer das Unternehmen wurde, je mehr Verantwortung er als CEO gegenüber 17.000 Mitarbeitern übernahm, desto mehr entwickelte sich das Motto zu „Move fast – with stable infrastructure“. Irgendwann gelangte Facebook an den Punkt, als es lange dauerte und teuer wurde, die „broken things“ wieder zu reparieren. So wurde das Unternehmen eher langsamer als schneller. Also änderte sich die Einstellung dazu, schnell zu entwickeln, aber enorme Summen in die Erhaltung der Infrastruktur zu investieren und den Laden am Laufen zu halten, wenn getestet und halbfertige Funktionen released werden.

Zuckerberg beschreibt das so, dass es zu jedem erdenklichen Zeitpunkt nicht 1 Facebook gibt, sondern 10.000 Facebooks in denen verschiedene Tests mit nur wenigen zehntausend Nutzern  laufen, die aber durch die Infrastruktur wie eine Einheit erscheinen.

6. Entscheide. Entscheide. Entscheide.

Eric Schmidt beschreibt, wie er in seinen Flugstunden von Piloten gelernt hat, besser Entscheidungen zu treffen: „Es ist besser eine Entscheidung zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben, als keine Entscheidung zu treffen.“

US-Kampfpiloten haben eine Entscheidungs-Methode namens OODA-Loop: „Observe, Orient, Decide, Act“ Dieser Kreislauf aus Beobachten, Einordnen, Entscheiden und Handeln beginnt immer wieder von vorn, wenn eine Entscheidung ausgeführt wurde. So kommen bei Google solche Entscheidungen wie der Kauf von YouTube innerhalb von Rekordzeiten wie 10 Tagen zu Stande.

7. Bereite Pläne vor und darauf, dass du nicht einhältst.

In schnell wachsenden Organisationen müsst ihr zum Pivot bereit sein, wenn es nötig wird. Jeden Tag gibt es neue Wettbewerber, Bedrohungen, Möglichkeiten, die eine Veränderung des Plans notwendig machen können.

Sheryl Sandberg macht das an einem Beispiel der Unternehmenskultur bei Facebook deutlich. Geburtstage der Team-Mitglieder wurden immer gefeiert. Aber bei einem Team mit 4.000 Leuten kommt man aus dem Geburtstagfeiern nicht mehr raus und nicht mehr zum Arbeiten. Also wurde der Plan geändert und quartalsweise mit einem Riesenkuchen die Geburtstage en bloc gefeiert. Wenn ein früher funktionierendes System nicht mehr der Produktivität und Kultur im Unternehmen dient, muss es verändert werden.

8. Erzähle deinen Leuten nicht, wie sie Innovation schaffen.

Eric Schmidt plaudert hier noch einmal aus dem Google Nähkästchen, wie dort einerseits das kreative Chaos erhalten wurde, das die Gründer aus ihrem Studenten-Startup entstehen ließen und andererseits aber auch wirtschaftlich erfolgreich steuerbar wurde.

So können Produkt Manager so viele Entwickler in ihr Team holen, wie sie wollen. So lange sie die Entwickler für die Arbeit im Team und am Produkt begeistern können. So setzen sich die guten und leidenschaftlich geführten Produktteams durch und das Unternehmen entwickelt sich weiter.

Googles berühmte 20% Regel, durch die Mitarbeiter 20% ihrer Arbeitszeit in eigene Projekte stecken können, brachte einige der wichtigsten Produkte hervor: Gmail, Google Earth, Google Maps entstanden aus 20% Projekten. Dabei benötigt ein Unternehmen, das aus Informatikern und Programmieren besteht, weniger Vertrauen, als man denkt: Es ist logisch, dass solche Mitarbeiter ihre Zeit und Können in Projekte stecken, die das Unternehmen weiter bringen.

Der versteckte Nutzen in der Selbstorganisation ist: Übervorsichtige und nicht-innovative Manager können weniger Macht ausüben.

9. Um eine erfolgreiche Unternehmenskultur aufzubauen, stelle sicher dass jeder im Unternehmen sie lebt.

Reed Hastings, CEO von Netflix hat in seinem ersten Startup gelernt: „Du kannst nicht jedes Problem durch härtere Arbeit lösen.“ Du musst eine Unternehmenskultur schaffen, in der das richtige Verhalten belohnt und die richtigen Menschen gehalten werden. Wenn ihr euer Unternehmen idiotensicher macht, kann es sein, dass nachher nur noch Idioten für euch arbeiten.

Bei Netflix wurde darauf geachtet, dass die Menschen sich an neue Aufgaben anpassen können. Es wäre fatal gewesen, wenn die Mitarbeiter am Konzept DVD per Post verleihen festgehalten hätten, statt auf Video-Streaming und eigene Content Produktion zu setzen. Das First Principle des Unterhaltung-Anbietens wurde in der DNA von Netflix durch die Auswahl der Mitarbeiter verankert.

Statt wie viele andere Unternehmen von einer Familie zu reden, bezeichnete sich Netflix immer als Sport-Team, was eine ganz andere Dynamik erlaubt. Interne Zusammenarbeit und Zusammenhalt treiben externe Wettbewerbsfähigkeit an. Das ist in einer Familie nicht unbedingt gegeben.

Unter anderem durch das Netflix Culture Deck:

Die aktuelle Version steht hier. 

10. Sei entschlossen, Deine eigene Heldenreise zu machen.

Reid spricht von „grit“. Grit ist mit Mumm übersetzbar. Er meint damit: Einen Teil Entschlossenheit, einen Teil Einfallsreichtum und einen Teil Faulheit.

Moment Mal: Faulheit?

Als Unternehmer solltet Ihr Reibung und Energieaufwand minimieren. Die effektivsten Wege nach vorne gehen. Behandelt eure Energie als ein wertvolles Gut. Denkt weniger an einen aufreibenden Marathon als an Indiana Jones, der mit Saltos über Klingen springt, nur Centimeter vor der rollenden Felskugel her rennt und von Liane zu Liane schwingt um sein Ziel zu erreichen.

„Der Weg, den Ihr vor Euch habt ist hart. Es ist nicht sicher, dass ihr erfolgreich sein werdet. Es kann sein, dass ihr auf dem Schlachtfeld liegen bleibt. Dass ihr verliert. Aber WENN ihr erfolgreich seid, seid ihr Helden. Darum heißt es Heldenreise. Und übrigens: Die Leute, die damit nichts anfangen können? Die wollt ihr nicht an Bord haben.“

Bonusgebot: Gib anderen Vorschuss! Nutze den Schwung deines eigenen Erfolges, und bring den Erfolg von anderen in Gang!

Dieses letzte Gebot kommt zum Einsatz, nachdem ihr erfolgreich geworden seid. Der langfristige Erfolg jedes Unternehmens hängt vom Ökosystem ab, in dem es existiert:

Investiert in die Unternehmen in eurer Region.

Gebt anderen Vorschuss in Form von Vertrauen, Geld, Know-how, Erfahrung und Netzwerk.

Werdet Angel Investors! Inspiriert eure eigenen Angestellten selber zu gründen und unterstützt sie dabei! Schafft einen Multiplikator-Effekt.

Die übliche Metapher geht so: Die großen Fische fressen die kleinen. Im erfolgreichen Startup-Ökosystem füttern die großen die kleinen Fische.

Das waren die 10+1 Gebote für erfolgreiche Startups aus Masters of Scale Gesprächen von Reid Hoffman mit erfolgreichen Leuten aus den bekanntesten Tech-Companies. Zusammen gestellt von Tim Ferriss.

Fallen Euch noch weitere ein? Habt Ihr Fragen? Dann diskutiert mit uns auf Facebook oder lasst es uns hier wissen

Artikelbild: Screenshot von Mastersofscale.com

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