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Wie entstehen großartige Produkte, die unser Leben besser und einfacher machen – durch Geistesblitze einsamer Genies? Das kann passieren, ist aber eher die Ausnahme. Meistens stecken harte Arbeit und reifliche Überlegungen dahinter. Um diesen Prozess zu unterstützen und zu strukturieren, gibt es die Methode des Product Thinking. Wir haben mal ausprobiert, wie das funktioniert.

Product Thinking, das klingt erstmal verdächtig nach Design Thinking, wo die Nutzer und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Unterstützt wird diese Herangehensweise an die Produktentwicklung durch ein Schema, das wiederum an die Business Model Canvas erinnert. Und tatsächlich sind diese Ähnlichkeiten nicht zufällig, Product Thinking orientiert sich durchaus an diesen beiden bewährten Methoden.

Das Product Field als Tool für Product Thinking

Ziel ist es, nicht nur das bestmögliche Produkt zu entwickeln, sondern auch schon im Vorfeld zu klären, ob denn alle dafür notwendigen Rahmenbedingungen erfüllt sind. Und falls es das Produkt schon gibt und der Erfolg noch zu wünschen übrig lässt, kann Product Thinking helfen, den Fehler zu finden. Als Mittel dazu dient eine Grafik mit insgesamt 12 Feldern, die allesamt mit Inhalt gefüllt werden müssen. Gelingt dies nicht auf Anhieb, so ist das ein deutlicher Hinweis darauf, woran noch gearbeitet werden muss. Und so sieht die Grafik, genannt Product Field, aus:

Product_Field

Das Product Field hat eine Reihe von Charakteristika. So weist die Linie von links nach rechts bezogen auf das Produkt von innen nach außen, also von der Konzeption im Unternehmen zur Platzierung am Markt. Und von oben nach unten ist gleichzusetzen mit von abstrakt zu konkret. Dazu kommen die vier Komponenten, die ein vollständig durchdachtes Produkt ausmachen: Idee (idea), Wert oder Nutzen (value), Ressourcen (resources) und Markt (market). Die jeweils drei Kriterien, die zu den Komponenten gehören, lassen sich in Merksätzen zusammenfassen:

  • IDEE: Ein Antreiber erreicht sein Ziel, indem er etwas Einzigartiges erschafft.
  • WERT: Ein Problem bremst die Motivation des Nutzers.
  • RESSOURCEN: Die Produktion braucht einen Unterstützer, um die Lösung zu verwirklichen.
  • MARKT: Der Vertrieb sorgt dafür, dass ein Produkt mit den Mitbewerbern beim Kunden messen kann.

Daraus wird schon deutlich, dass es beim Product Thinking nicht nur um die reine Produktidee und dem Nutzen für potenzielle Kunden geht. Zusätzlich werden von Beginn an Fragen zur Produktion und zu Vertrieb und Vermarktung einbezogen. Das Bild ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht vollständig, bis zum Beispiel geklärt ist, wer eine Ware tatsächlich herstellt und wie das zu finanzieren ist (auch das fällt unter Ressourcen).

Ein geniales Produkt: das moderne Fahrrad

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Der Schritt vom Hochrad zum modernen Fahrrad war eine Produktrevolution (Bild aus einem Lexikon von 1904)

Während des Journalistenkongesses Scoopcamp in Hamburg wurde das Product Field kürzlich in einem Workshop vorgestellt. Als Beispiel diente dabei die Entwicklung des modernen Fahrrads, genannt Safety Bike. Natürlich führte nicht Product Thinking zu dieser Erfindung, aber das Konzept lässt sich dran gut erklären. Greifen wir also einige Felder heraus und füllen sie mit Inhalten aus der Geschichte des Safety Bikes.

Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Nutzer, also in unserem Fall die Radler, das Problem, dass das damals gängige Hochrad schwer zu fahren war, was häufig zu Unfällen führte. Außerdem war es auch ziemlich langsam, kaum schneller als ein Fußgänger. Eine sicherere und schnellere Alternative zu entwickeln und damit richtig Geld zu verdienen, das war das Ziel von John Kemp Starley. Der war als erfolgreicher Fahrradproduzent ein echter Macher und Antreiber.

Um sein Ziel zu erreichen, entwickelte er ein einzigartiges Produkt, zu dessen unverwechselbaren Merkmalen die zwei gleich großen Räder gehörten. Bekannt machte Starley sein neues Rad durch ein Wettrennen, für das er den erfolgreichen Radrennfahrer George Smith als Unterstützer engagieren konnte. Die Leute waren begeistert, der Eroberung des Marktes stand nichts mehr im Wege.

Product Thinking mit dem Product Field als Hilfsmittel ist eine relativ neue Methode, die sich auf fast alle Geschäftsbereiche anwenden lässt. Das Produkt muss also nicht materiell sein, auch Softwarelösungen oder Dienstleistungen lassen sich so planen oder optimieren. Wer noch mehr darüber wissen will, kann sich hier informieren.

Bilder: productfield.com