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Mobilität ist ein Grundbedürfnis. Die Sehnsucht nach der Ferne, der Traum vom Fliegen oder der Rausch der Geschwindigkeit haben schon immer Menschen zu technischen Höchstleistungen und tollkühnen Erfindungen getrieben. Die Lust an der Fortbewegung bietet Gründern jetzt so viele Chancen wie noch nie. Wir machen uns auf die Reise zu den großen und kleinen Mobilitätshelden der Gegenwart.

Beginnen wollen wir allerdings mit einem kleinen Abstecher in die Vergangenheit. Dort begegnen uns neben berühmten Brüderpaaren wie den französischen Montgolfiers und den amerikanischen Wrights auch viele deutsche Pioniere. Karl Wilhelm Otto Lilienthal zu Beispiel, dem ab 1891 die ersten kontrollierten Gleitflüge gelangen. Oder so legendäre Namen wie Nicolaus Otto, Gottlieb Daimler, Carl Benz und Wilhelm Maybach, die entscheidend zum Siegeszug des Automobils beigetragen haben.

Am selbstfahrenden Auto wird seit 30 Jahren geforscht

Sie begründeten auch den Ruf Deutschlands als führende Autonation. In letzter Zeit hat dieser Ruf allerdings etwas gelitten, manche unken sogar, das Land von Mercedes, BMW und VW könnte den Anschluss verlieren. Stichwort: selbstfahrende Autos. Dabei war noch bei dem von 1986 bis 1994 durchgeführten EUREKA-PROMETHEUS-Projekt die Münchener Universität der Bundeswehr eine der treibenden Kräfte. Das Projekt, unterstützt von Forschungsinstituten, Fahrzeugherstellern und Elektronikfirmen aus ganz Europa, hatte sich die  „autonome visuelle Führung von Land- und Luftfahrzeugen“ zur Aufgabe gemacht. Die Ergebnisse waren durchaus bahnbrechend, wurden aber nicht energisch genug für eine kommerzielle Nutzung weiterentwickelt.

Richtig Bewegung kam erst in die Szene, als Google sich 2011 ein US-Patent für den Betrieb von autonomen Fahrzeugen sicherte. Seitdem beherrscht der Internetgigant regelmäßig die Schlagzeilen auch der Motorpresse. Während zwischenzeitlich Google-Mitgründer Sergey Brin den Einstieg in den Massenmarkt schon für 2017 angekündigt hatte, erschienen dem oberflächlichen Beobachter die etablierten Autobauer in Schockstarre zu verharren wie die Kaninchen vor der Schlange. Der Eindruck täuscht sicherlich, auch bei Unternehmen wie Volvo, Mercedes oder Honda machen Tests mit selbstfahrenden PKW große Fortschritte. Trotzdem scheinen die amerikanischen Quereinsteiger die Nase vorn zu haben. Zu ihnen gehört auch Apple mit seinen geheimnisumwobenen Projekt Titan. Ein in diesen Tagen angemeldetes Patent für eine Lenk- und Kupplungsvorrichtung belegt, dass es sich bei dem iCar um mehr als ein Gerücht handelt.

Elon Musk: Mobilität hoch 3

Unbestritten der Star der neuen Mobility-Welt ist natürlich Elon Musk, der gleich mit drei Unternehmen für Furore sorgt. Allen voran Tesla, dessen Model 3 im Frühjahr für Vorverkaufsrekorde sorgte. Fast 400.000 Vorbestellungen sind für das Elektroauto bereits eingegangen. Kritiker zweifeln, ob die Auslieferung wie angekündigt bis Ende 2017 über die Bühne gehen kann. Und das ist längst nicht das einzige Problem von Tesla: Ende Juli erhitzte der tödliche Unfall eines Wagens im Selbstfahrmodus die Gemüter. Die Sensorik hatte anscheinend einen weißen LKW nicht als Hindernis erkannt und deshalb nicht die Bremse aktiviert.

Start einer Falcon 9, der erfolgreichsten Rakete von SpaceX (Foto: Space X)

Start einer Falcon 9, der erfolgreichsten Rakete von SpaceX (Foto: Space X)

Es gibt also noch viel zu tun bei Tesla, doch Musk fühlt sich dadurch offenbar nicht ausgelastet und treibt noch zwei weitere Projekte voran, die auf unterschiedliche Weise Mobilität zum Thema haben. Das Raumfahrtunternehmen SpaceX ist trotz einiger Rückschläge schon ziemlich erfolgreich und versorgt unter anderem die Raumstation ISS mit Nachschub. Die bemannte Raumfahrt hat SpaceX hat fest im Visier, und irgendwann sogar den Mars. Und auch bei Hyperloop backt Elon Musk keine kleinen Brötchen: Mit mehr als 1.200 Kilometern pro Stunde sollen einst solargetriebene Fahrzeuge durch Röhren sausen. Schneller als Flugzeuge, billiger als die Bahn.

Deutsche Mobilitäts-Starups suchen Erfolg in Marktnischen

Ob Musks Pläne eher genial oder eher wahnsinnig sind, wird sich noch herausstellen. Tatsache ist, dass deutsche Startups hier nicht mithalten können – und auch gar nicht wollen. Sie suchen sich ihre Nischen und leisten dort kleinere, aber trotzdem wichtige Beiträge zur Mobilität der Zukunft. So wie das Stuttgarter Unternehmen eMovements, das noch ganz am Anfang steht. Es hat mit ello den ersten elektrischen Rollator entwickelt. Das klingt zunächst nicht sehr aufregend, hat aber in den immer älter werdenden westlichen Gesellschaften wie Deutschland ein großes Marktpotenzial.

Spektakulärer kommt das Hamburger Startup Lampuga daher. Es baut elektrisch angetriebene Surfboards, und zwar komplett in Deutschland. Zwei Varianten gibt es, eine aus Carbon und eine aufblasbare (was natürlich nicht für den Motor gilt).Ganz schön unsportlich, mag der eine oder andere denken, doch die Spitzengeschwindigkeit von 54 km/h, die ohne Motorbootführerschein gerade noch erlaubt ist, sorgt zumindest für Nervenkitzel. Lampuga will mit seinen Produkten die Welt nicht verbessern und Verkehrsprobleme lösen, sondern für Spaß sorgen. Der ist schließlich ein wesentlicher Faktor bei jeder Form von Mobilität.

Ein Surfboard von Lampuga in Aktion im Hamburger Hafen (Foto: Lampuga)

Ein Surfboard von Lampuga in Aktion im Hamburger Hafen (Foto: Lampuga)

Einen anderen Anspruch hat die Urban-e GmbH aus Glashütte. Sie will mit ihren elektronisch getriebenen Lastenrädern den Straßenverkehr entlasten. Bei dem Projekt „Ich ersetze ein Auto“ konnte das iBullitt genannte Vehikel des Unternehmens 80 % der städtischen Autokurierfahrten übernehmen und dabei noch Kosten sparen. Eine bis zu 100 kg schwere Last kann so ein Cargo-eBike transportieren. In Berlin beliefert Amazon damit Kunden aus dem Prime Now-Programm und verspricht eine Lieferzeit von nur einer Stunde.

Beschleunige Fahrräder und Skateboards – und ein neuer Traum vom Fliegen

E-Bikes sind überhaupt ein Trendthema und im Gegensatz zu den von der Regierung mit Prämien geförderten Elektroautos schon ein Erfolg in Deutschland. Der Zweirad-Industrie-Verband spricht in seinem Jahresbericht für 2015 von insgesamt 2,5 Millionen solcher Fahrzeuge auf deutschen Straßen. Das Zwickauer Startup Pendix nutzt diesen Boom und hat einen Antrieb im Angebot, mit dem sich jedes handelsübliche Fahrrad zu einem E-Bike aufrüsten lässt.

Wer lieber sein Skateboard pimpen will; kein Problem, auch dafür gibt es einen Elektroantrieb made in Germany. Gebaut wird er von der Mellow Boards GmbH, die ihren Sitz ebenfalls in Hamburg hat. Die Auslieferung für das Gerät, das ein Skateboard auf bis zu 40 km/h beschleunigen kann, ist für Anfang 2017 avisiert. Vorbestellungen gibt es bereits aus vielen Ländern. Dort darf Mellow in der Regel auch uneingeschränkt eingesetzt werden. In Deutschland ist das dank der strengen Straßenverkehrsordnung schwieriger, hier sind nur 6 km/h erlaubt.

Fragt man Frank Thelen, erfolgreicher Gründer und Investor und dem breiten Publikum aus der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ bekannt, nach seinem aktuellen Lieblingsstartup, wird er wahrscheinlich Lilium Aviation nennen. Seine Investmentfirma e42 ist an dem Unternehmen beteiligt, das Kleinstflugzeuge entwickelt, die senkrecht starten und landen können und daher keine Landebahn benötigen. Anfang 2018 sollen die elektrisch angetriebenen Minijets abheben und den Individualverkehr in neue Sphären bringen. Hier ein potenzielles Milliardengeschäft zu wittern erinnert dann wieder an die Visionen eines Elon Musk, der angeblich an einem ähnlichen Projekt arbeitet.

Für die Flieger von Lilium wird man eine Sportpilotenlizenz benötigen und ziemlich tief in die Tasche greifen müssen. Aber warum gleich kaufen? Thelen schwebt ein Mietmodell vor, das zu dem Trend passt, Fahrzeuge nicht mehr zu besitzen, sondern nur bei Bedarf zu nutzen. Sharing Economy heißt das Geschäftsprinzip, das gerade im Bereich der Mobilität eine enorme Bedeutung hat. Mehr dazu bald im zweiten Teil unseres großen Reports.

Foto ganz oben: das selbstfahrende Auto von Google (Quelle: Google)