Warum etwas besitzen, das sich auch problemlos bei Bedarf ausleihen oder mit anderen teilen lässt? Erst recht, wenn es um Autos und andere Fahrzeuge geht, die bei ständig wachsendem Verkehrsaufkommen immer mehr als verzichtbar gelten. Welche Rolle die Sharing Economy für die moderne Mobilität spielt, beleuchten wir im zweiten Teil unseres großen Reports (Die erste Folge gibt es hier).


„Berlin baut bis 2018 an 53 Brücken“ (Berliner Zeitung, 23.08.2016). „Auf der A 7 wird es nördlich des Elbtunnels ganz lange eng“ (Hamburger Abendblatt, 25.08.2016). „In München sind Fußgänger derzeit schneller als Autofahrer“ (Süddeutsche Zeitung, 12.08.2016). „Tunnelsperrung in Frankfurt: Stau lässt Flug-Passagiere verzweifeln“ (Frankfurter Rundschau, 09.08.2016). – Das ist nur eine kleine, zufällige Auswahl von Schlagzeilen der letzten Wochen, die aber eines verdeutlichen: Mit dem Auto fahren ist in deutschen Großstädten zurzeit kein Vergnügen. Überall wird gebaut und gestaut. Und angesichts des maroden Zustandes vieler Straßen und Brücken wird sich daran so schnell nichts ändern.

Die Zahl der Kfz-Neuzulassungen steigt

Wer mag sich heutzutage angesichts solcher Zustände überhaupt noch einen PKW kaufen, fragt man sich unwillkürlich. Nun, ziemlich viele Leute. Im ersten Halbjahr 2016 gab es insgesamt 1.733.839 Neuzulassungen, 7,1 % mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt). 20.635 Neuzulassungen hatten einen Hybridantrieb, nur 4.357 waren reine Elektrofahrzeuge. Diese hochgepriesenen und wegen ihrer vermeintlichen Umweltfreundlichkeit geförderten Technologien sind also von einem echten Durchbruch noch weit entfernt.

Ein Trend ist allerdings unaufhaltsam: Die Käufer von Neuwagen werden immer älter. Lag das Durchschnittsalter vor 20 Jahren noch bei 46,1, hat es 2015 den Wert von 53 erreicht. Das hängt natürlich mit der allgemeinen Altersentwicklung in Deutschland zusammen, aber nicht nur. Bei vielen jungen Leuten, gerade in den Schichten mit höherer Bildung, hat der eigene PKW als Statussymbol ausgedient. Die urbanen Eliten legen weniger Wert auf Besitz und wenden sich verstärkt der Sharing Economy zu. So zumindest das Klischee, das allerdings längst noch nicht überall der Realität entspricht. Wie sieht es in dieser Hinsicht also bezüglich der Mobilität aus?

Uber – Vorzeigeunternehmen und Bösewicht der Sharing Economy

Wo die Begriffe „Sharing Economy“ und „Mobilität“ in einem Atemzug genannt werden, ist mit ziemlicher Sicherheit auch das Wörtchen „Uber“ dabei. Uber wird mit einer Bewertung von bis zu 69 Milliarden US-Dollar (Quelle: Bloomberg) als wertvollstes Startup der Welt gelistet – falls der Begriff Startup bei solch einem Weltunternehmen überhaupt noch Sinn ergibt. Dabei hangelt sich das Unternehmen von einer Negativschlagzeile zur nächsten. Gerade ist von einem Verlust von 1,27 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr 2016 die Rede.

Gegründet wurde Uber 2009 in San Francisco. Der Name leitet sich tatsächlich von dem deutschen Wort „über“ ab und bedeutet umgangssprachlich soviel wie „mega“. Mega ist auch der Aufstieg des Fahrdienstvermittlers, inzwischen ist er in über 500 Städten in über 60 Ländern aktiv. Die Zahlen schwanken etwas, denn Uber ist auch mega umstritten. Vor allem der Service, mit dem die Kalifornier bekannt geworden sind, hat weltweit zu Protesten und Verboten geführt. Mit UberPop kann jeder Autobesitzer zum Taxifahrer werden und gegen eine Gebühr beliebig Fahrgäste mitnehmen. Beziehungsweise könnte, denn in vielen Ländern und Städten ist dieses Modell aus unterschiedlichen rechtlichen Gründen untersagt, so auch in Deutschland.

So macht Mobilität Spaß: Hintergrundbild der Webseite von Didi Chuxing

So macht Mobilität Spaß: Hintergrundbild der Webseite von Didi Chuxing

Daneben bietet Uber auch die Vermittlung von professionellen Taxi- und Limousinenfahrten an, dazu Transportdienstleistungen und testweise sogar einen Helikopterservice. Der war diesen Sommer in São Paulo erhältlich, einer dieser Monstermetropolen, in denen die Verkehrsprobleme noch ganz andere Dimensionen annehmen als in den vergleichsweise beschaulichen deutschen Städten. In dieser Hinsicht der größte Markt der Welt ist China, wo Uber weniger mit rechtlichen Problemen zu kämpfen hat als mit einem übermächtigen einheimischen Konkurrenten: Didi Chuxing.

Uber stößt in Peking an seine Grenzen, Wunder geschehen in Manila

Didi Chuxing ist der Zusammenschluss zweier chinesischer Fahrdienstleister und seit der Fusion der Platzhirsch im Reich der Mitte. Der Machtkampf zwischen Uber und Didi mutete zuweilen wie eine Seifenoper an: Didi Chuxings Chefin Jean Liu und Zhen Liu, zuständig für Ubers Aktivitäten in China, sind Cousinen. Vielleicht hat diese familiäre Verbundenheit dazu beigetragen, dass Uber Anfang August 2016 bekanntgegeben hat, sein Chinageschäft an Didi zu verkaufen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich selbst die mächtigsten US-Konzerne am chinesischen Markt die Zähne ausbeißen (Okay, ganz sind die Amerikaner nicht raus; Apple hat im Frühjahr kräftig in Didi investiert).

Manchmal zahlt es sich eher aus, sein Glück in kleineren Märkten zu finden. So geschehen bei dem Hamburger Startup Wundercar. Das hatte ein ähnliches Geschäftsmodell wie Uber und die entsprechenden rechtlichen Probleme. Also zog es sich aus Deutschland zurück, verkürzte seinen Namen auf Wunder und konzentrierte sich auf Osteuropa und diverse Entwicklungsländer. Besonders beliebt ist das Carpooling genannte Konzept auf den Philippinen. Wunder vermittelt Mitfahrgelegenheiten für Menschen aus der Nachbarschaft, die einen ähnlichen Weg zur Arbeit haben.

Mobilität à la française

Mitfahrgelegenheiten sind auch das Erfolgsrezept von BlaBlaCar. Bei den europaweit erfolgreichen Franzosen sind allerdings vornehmlich längere Strecken im Angebot. Auf diesen kommt es selbstverständlich zu Gesprächen zwischen Fahrer und Gast. Mehr oder weniger intensiv, denn nicht alle Menschen sind gleichermaßen redselig. Damit nicht unvorbereitet Plaudertaschen und eiserne Schweiger aufeinandertreffen, können sich Nutzer selbst nach ihrem Laberfaktor einstufen – je höher, desto bla. Daher auch der Name. Der ist also lustig gemeint; weniger lustig finden deutsche Kunden, dass BlaBlaCar seit dem 1. August ein neues Gebührensystem hat. Zu kompliziert sei das und überhaupt unverschämt, für die bisher kostenlose Vermittlung vom Mitfahrer vorab Geld zu verlangen. Den Deutschen ist die Umsonstkultur offenbar heilig.

Genau wie das Auto, oder zumindest war es früher so. Den eigenen Wagen wildfremden Menschen zur Verfügung stellen? Undenkbar, oder? Drivy, ein weiteres französisches Unternehmen, hat genau das zum Geschäftsmodell erkoren und nach eigenen Angaben in Europa 38.000 private Mietwagen zu bieten. Nach Frankreich ist Deutschland der wichtigste Markt. Dort hat Drivy neben den klassischen Autoverleihern auch die mit Appanbindung agierenden car2go (Kooperation von Daimler und Europcar), DriveNow (BMW und Sixt) sowie in Berlin Multicity mit Elektroautos von Citroën als Mitbewerber. Alle drei Anbieter zeichnen sich dadurch aus, dass die Fahrzeuge nicht an irgendwelchen Geschäftsstellen abgeholt und dorthin zurückgebracht werden müssen, sondern theoretisch überall übernommen und geparkt werden können.

Nicht nur Autos lassen sich teilen

Wenn denn ein Parkplatz zu finden ist. Und überhaupt, war nicht die Eingangsthese, dass Autofahrten in Großstädten immer mehr zur Zumutung werden? Das muss es doch alternative Verkehrsmittel geben – das Fahrrad zum Beispiel. Fahrradverleihsysteme gibt es in vielen Städten, teils gewerblich, etwa von Nextbike, teils von der öffentlichen Hand unterstützt, wie StadtRADHamburg, das größte in Deutschland. Cooler, schneller und bequemer wäre es allerdings mit dem Motorroller durch die Straßen zu flitzen. Am besten mit einer Vespa, dem italienischen Kultfahrzeug.

Sharingangebote für Vespas gibt es in München und Köln von scoo.me und in Hamburg von Jaano. Das Berliner Startup eMio setzt dagegen auf Elektroroller und bekommt in der Hauptstadt gerade Konkurrenz von Coup. Dahinter stecken unter anderem die Robert Bosch GmbH und der taiwanesische Hersteller Gogoro. Sie scheinen in diesem Marktsegment noch Luft nach oben zu sehen, und in der Tat; man kann bisher nicht behaupten, die leihbaren Motorroller würden an ihren Standorten jeweils das Stadtbild prägen.

Floatility-Gründer Oliver Risse mit seinem efloater vor der Kulisse der Hamburger Hafencity (Foto: Mathias Jäger)

Floatility-Gründer Oliver Risse mit seinem efloater vor der Kulisse der Hamburger Hafencity (Foto: Mathias Jäger)

Das wird kurzfristig auch Floatility nicht gelingen, einem Startup, das seinen Sitz in Singapur und in Hamburg hat. Efloater nennt sich dessen Gefährt und hat einen Kinderroller als Vorbild. Es ist so klein, dass man es zusammengeklappt sogar mit in die S-Bahn nehmen kann. Eigentlich sollte schon diesem Sommer ein Testbetrieb in der Hansestadt stattfinden, doch die liegt bekanntlich in Deutschland, und da ist das so eine Sache mit Vorschriften und Bürokratie. Vielleicht klappt es im Frühjahr, ansonsten stehen Österreich und die Schweiz bereit, dort sind die rechtlichen Voraussetzungen für ein Sharingkonzept mit den Minirollern längst geschaffen.

Foto ganz oben: Uber