Modern Leadership – dieses Schlagwort enthält fast schon einen Widerspruch in sich, denn in modernen Unternehmen etabliert sich mehr und mehr eine Entscheidungskultur, bei der althergebrachte Hierarchien kaum noch eine Rolle spielen. Was an deren Stelle treten sollte und was moderne Führungskräfte von Obst und Astronauten lernen können – wir fassen es zusammen!

Vom 7. bis 9. September 2016 fand in Hamburg der Fachkongress Solutions unter dem Motto „Digitalisierung ist Mannschaftssport für Unternehmen“ statt. Im Mittelpunkt standen dort die Fragen, wie die Arbeitskultur der Zukunft aussehen wird und wie Entscheidungen getroffen werden sollen. Eins ist klar: Stur hierarchische Organisationsformen, in der es eine Art Befehlskette von oben nach unten gibt, werden aussterben. Die fröhliche Anarchie, in der jeder macht, was er will, ist aber auch keine Lösung. Wir zeigen fünf unterschiedliche Denkansätze für „Modern Leadership“.

Eintauchen in das U

Die Stille suchen, in sich gehen und dort die Zukunft finden. Grob vereinfacht ist das der Inhalt der „Theory U“. Klingt recht esoterisch, kommt aber mit Claus Otto Scharmer von einem Mann, der am MIT lehrt und einige erfolgreiche Bücher geschrieben hat. „Presencing“ nennt er seine Vorgehensweise, die sich grafisch wie ein U darstellen lässt(siehe Bild unten). In der ersten Phase kommt es zur angesprochenen Verinnerlichung, die zur Klärung essentieller Fragen führen soll – übrigens für Teams und ganze Unternehmen, nicht nur für Individuen. Dann geht es wieder zurück in die Außenwelt, wo dann Kopf, Herz und Hand gemeinsam einen Prototyp erstellen.

Theory U

Das Produkt ist der Chef

Wem das mit dem U zu kompliziert und abgehoben vorkommt, den holt Gabriele Fischer, Chefredakteurin, von brand eins, wieder auf den Boden zurück. Sie sagt ganz einfach über die Strukturen bei ihrem Magazin im Vergleich zu anderen Arbeitgebern: „Der größte Unterschied ist, dass es bei brand eins keinen Arbeitgeber gibt. Unser Arbeitgeber ist das Heft. Wir haben uns von Anfang an darauf geeinigt, dass alle für das Heft verantwortlich sind.“

Lieber Erdbeere als Pfirsich

Alois Krtil, macht mit einem einfachen Bild deutlich, wie ein zeitgemäßes Unternehmen nicht aufgebaut sein sollte, nämlich wie ein Pfirsich. Kritl gehört übrigens zum Team der Innovations Kontakt Stelle in Hamburg, das versucht Wissenschaft und Wirtschaft zu verbinden, um Innovationsprozesse zu beschleunigen. Aber zurück zum Pfirsich; der ist bekanntlich ein Steinobst und hat einen großen Kern. Dieser Kern ist Negativbeispiel eines Chefs: Zwar der Mittelpunkt von allem, aber zugleich weit weg und isoliert von der Außenwelt (Pfirsichhaut). Wenn ein Unternehmen schon eine Frucht sein will, dann eine Erdbeere. Die hat viele Samenkörner, und zwar an der Oberfläche.

Winald Kasch hält Ausschau nach neuen Organisationsformen. Die alte Hierarchiepyramide sollte es nicht sein.

Winald Kasch hält Ausschau nach neuen Organisationsmodellen. Die alte Hierarchiepyramide sollte es nicht sein.

Können ist wichtiger als Wissen

Oft ist die Rede von einer Wissensgesellschaft, in der wir leben. „Wissen ist Macht“, hieß es schon im 16. Jahrhundert beim englischen Philosophen Francis Bacon. „Können ist wichtiger als Wissen“, hält der Organisationscoach Winald Kasch dagegen. Seine These: Wissen ist lediglich das, was bereits da und bekannt ist. Im Internetzeitalter lässt sich zudem Wissen aus fast allen Bereichen schnell und problemlos beschaffen. Gefragt sind daher Könner, die in der Lage sind, über das bereits Bekannte hinauszugehen. Für Unternehmer heißt das: die bekannten Pfade verlassen und sich neue Wege bahnen. Ohne fundiertes Wissen führt das allerdings schnell in die Irre.

Sei Pionier Deines eigenen Lebens

Gar nicht so weit weg von dem Könner-Prinzip ist Alexander Maria Fassbender mit seiner Space Coach Academy. Bei ihm geht es nämlich auch um Menschen, die in Bereiche vordringen, wo noch niemand vor ihnen war. Richtige Pioniere. Und zwar ganz konkret: Er bildet Raumfahrer aus, Touristen ebenso wie echte Astronauten. Vieles aus dem Programm lasse sich auch auf das Berufsleben übertragen, erklärt Fassbender und bietet entsprechende Kurse an. Demut sei ein wichtiger Faktor, und die Schwierigkeit die Orientierung zu behalten, wenn die Kräfte des Alls zu wirken beginnen. Ein ganz konkreter Tipp: Wenn der Mageninhalt raus will, nach unten kotzen. Wer’s nach vorne macht, besudelt den Helm und sieht nichts mehr. Was das für Führungskräfte konkret bedeutet, soll jeder für sich selbst entscheiden, jedenfalls lernen die bei ihm, sich mental zu übergeben, ohne den Überblick zu verlieren. Und, wesentlicher romantischer, wie man zum Pionier seines eigenen Lebens wird.

Die Impressionen aus diesem Artikel stammen übrigens von einer Veranstaltung von 12min.me. Angefangen als kleines Meetup in Hamburg, ist 12min.me inzwischen ein gemeinnütziger Verein und aktiv in sieben deutschen Städten und in Budapest. Auf dem Programm stehen jeweils zwölfminütige Vorträge und zwölf Minuten Fragen aus dem Publikum zu allen möglichen Themen aus der Digitalwirtschaft.

Bild ganz oben: Ausschnitt aus dem Filmplakat von „Gravity“