Bist du ein Mensch? 2   +   2   =  

Seit gut 40 Jahren ist Titus Dittmann im Business. Den meisten bekannt für Skateboards und Skate-Klamotten. Aber dahinter steckt so viel mehr:

Titus hat eine Steve Jobs ähnliche Geschichte hinter sich. Auch wenn er nicht aus seinem eigenen Unternehmen gekickt wurde, wie Jobs, war sein Business zwischen 2002 und 2003 fremdgesteuert durch Banken und Berater. Er hat über 100 Unternehmen gegründet und hat seine Gesellschaft die zeitweise mit 600 Mitarbeitern bis zu 100 Millionen Jahresumsatz machte, fast verloren.

Von einem solchen Entrepreneur live zu lernen ist unglaublich wertvoll. Darum haben wir euch hier unsere Insights vom Founders Talk mit Titus Dittmann zusammen gestellt:

Titus Hauptthema, das sich durch den Abend zog war: Mut ist, wenn man’s trotzdem macht. Und damit meint er nicht „Augen zu und durch“, das wäre Leichtstinn. Vielmehr erklärte Titus, wie Mut ihn in verschiedenen Situationen im Leben als Unternehmer und Social Entrepreneur weiter gebracht haben.

Mut ist, sich mit dem zu beschäftigen, wovor man Angst hat

Als ehemaliger Sportlehrer und vor allem als Extremsportler kennt Titus sich mit Mut und Dingen, die Angst machen aus. Er war einer der ersten Drachenflieger in Deutschland, ist in den Siebzigern mit einer Ente durch die Sahara gefahren und war ganz früh in der deutschen Windsurfing-Szene dabei. Heute reist er regelmäßig mit seiner Stiftung skate aid in Länder wie Afghanistan und ermöglicht Kindern und Jugendlichen über das Skateboard Selbstbestimmung und Persönlichkeitsbildung zu erfahren.

Um 1968 Unternehmer zu werden, brauchte es eine ganz andere Art von Mut. Zumindest in einem Umfeld, in dem Titus lebte: Kindergärtner, Krankenschwester, soziale Berufe, das waren damals hoch angesehene Ziele, die man sich in seinem Umfeld setzte.

„Hätte ich meinen Freunden gesagt: ‚Ich werd Unternehmer, hätte ich keine Freunde mehr gehabt! Also bin ich Lehrer für Sport und Erdkunde geworden. Das klang für mich nach mehr Spass als Mathe und Physik.“

Auch als Lehrer kann man denken wie ein Entrepreneur

1977 wurde in der Tagesschau berichtet, die Bundesregierung wolle Skateboards verbieten und am Aasee-Hügel bei Münster sah Titus zum erstem Mal Kids auf Skateboards tricksen. In dem Moment wurde ihm das Potenzial klar:
„Da ist kein Lehrer oder Erwachsener dabei. Die haben das selber gelernt! Mit schmerzhaft auf die Schnauze fallen, wieder drauf stellen, weitermachen. Voll motiviert.“

Im ersten Moment dachte er noch als unternehmerischer Lehrer:

„Wenn Du das in die Schule transportiert kriegst, musst Du nie mehr arbeiten. Die motivieren sich dann selbst und Du hast Spass dabei.“

Mut ist, wenn Du etwas an den Nagel hängst
1978 folgte die Gründung der ersten AG. Allerdings nicht an der Börse, sondern an der Schule. Die wissenschaftliche Arbeit übers Skaten war pure Effizienz für Titus: 50% Arbeit und 50% Spaß.

Noch als Lehrer flog er in die USA und besuchte Skateboardfabriken. Der Markt war damals schon fast kaputt in Amerika und so freute man sich über den Spinner aus Deutschland. Zurück in Deutschland verkaufte Titus die Boards zum Selbstkostenpreis an Kids.

Die strategische Markterschließung ging dann recht schnell:

  • Die eigenen Schüler in der Klasse versorgt
  • Dann die gesamte Schule
  • Die Stadt
  • Deutschland
  • Europa

Die schwerste Entscheidung war für Titus, 1984 den sicheren Beamtenjob an den Nagel zu hängen. Er war gerade Vater geworden und wirklich jeder in seinem Umfeld versuchte ihn abzubringen.

„Entweder geht die Schule an mir kaputt oder ich an der Schule.“

Ohne intrinsische Motivation ist das Leben knüppelhart!

Nur, wenn man etwas selbst in die Hand nimmt, ist man selbstbestimmt und damit auch leidensfähig genug, um all die Steine, die einem auf dem Weg als Entrepreneur im Weg liegen, zu bewältigen.

„Wenn man dadd nur für de Kohle macht, hält man dadd ned lange durch.“

Selbstbestimmung und eigene Erfahrungen bringen Gründer viel weiter als Studium und Zertifikate

Unternehmen zu gründen und zu leiten hat Titus weder studiert noch gelernt. Man neigt zu sehr dazu, ein Problem so zu lösen, wie man es im Studium gelernt hat und sucht gar nicht erst mach kreativen Problemlösungen. Er hat schon in der Kindheit gelernt, seine Ideen selbstbestimmt und selbstbewusst umzusetzen.

Hindernissen hat er in Chancen verwandelt:
Sein Skateboard Show Team wurde wegen Lärmbelästigung immer wieder von den Skate-Spots vertrieben. Also sprach er Autohändler an: Die haben Platz und brauchen Show, die Kunden anzieht. Also skatete sein Team vor Publikum und wurde sogar noch bekannter.

„Mach dein Ding und lass dir nicht rein reden! Aber trage die Verantwortung, wenn es schief geht!“

Es kommt nicht auf die Idee an, sondern einzig und allein auf die Umsetzung.

Unternehmer sein heißt: Etwas unternehmen. Etwas umsetzen. Alles was zählt, ist die Umsetzung. Eine gut umgesetzte Scheißidee ist immer noch besser, als 100 geile Ideen, die gar nicht umgesetzt werden. Im schlimmsten Fall lernt man etwas und hat nur Spass gehabt.

„Unternehmertum ist das einzige, wo man heute noch Pionier sein kann. (Und auch das einzige, wo du unter Mindestlohn arbeiten darfst)“

Show me, don’t tell: Was das für Titus bedeutet, zeigt er hier wunderbar bei der Demonstration seines TitusFlip:

Habt den Mut, den Business Plan zu zerreißen

Titus verglich einen Business Plan mit mentalem Training. Man geht im Kopf – oder eben im Plan – alle Eventualitäten durch. Trainiert und bereitet sich vor. Wenn sich dann aber die Rahmenbedingungen plötzlich ändern, muss man den Mut haben, seinen Plan radikal zu verändern.

Hier sieht er auch seine Stärken aus dem früheren Lehrerleben: Wenn BWLer über „den Markt“ sprechen, denken sie an Zahlen und Statistiken. Mit Know-how aus Psychologie und Soziologie kann man das einschätzen, woraus der Markt eigentlich besteht: Menschen.

„Wir verkaufen keine Hosen, wir verkaufen ein gutes Gefühl.“

Habt den Mut, den Menschen das zu geben, was sie möchten
Die Streetwear Marke HOMEBOY mag einigen noch ein Begriff sein. Mittlerweile sogar wieder erhältlich, gründete Titus den Brand 1989 mit Jürgen Wolf zusammen.

Eine Streetwear-Marke aus der westfälischen Provinz hätte vermutlich keiner Ernst genommen. Wie konnten sie den Markt erobern und Homeboy zu einer der erfolgreichsten Skate-Markenb weltweit machen? Sie taten im Marketing so, als wäre die Marke ein US-Eastcoast-Label.

„Wir kommen einfach aus der Bronx. Da traut sich keiner hin und dann merkt das auch keiner!“

Erfolg und Fail liegen manchmal nah beieinander

Hätte Titus sich 1977 überlegt „ich werde der größte Skateboardhändler der Welt!“ hätte selber er so große Angst bekommen, dass er gar nicht erst angefangen hätte. Aber aus die Strategie des größten Marktanteils brachte auch Nachteile mit sich:

Titus hatte mit seinem Business nahezu 100% Marktanteil in Europa. Immer wenn neue Händler aufkamen, bot er an zusammen zu arbeiten und sich zu beteiligen. Das geht natürlich genau so lange gut, wie der Markt boomt. Bricht der Markt zusammen, bricht man mit nahezu 100% mit ein. Mit viel Verhandlungsgeschick bei Banken und Gläubigern hat Titus hier die Kurve gekriegt und war innerhalb weniger Monate wieder liquide.

Das Learning war:
Als Unternehmer sollte man nicht zu weit nach vorne gucken und sich stattdessen kleine Ziele setzen und diese schnell erreichen.

Skaten ist eine sehr gute Metapher für Entrepreneurship. Bei beiden sollte man nicht stehen bleiben, sondern die Latte immer ein wenig höher legen. Neue Fähigkeiten und schwierigere Tricks lernen. Ziele höher stecken und mehr erreichen wollen.

„Wenn man alles gibt, um eine Entscheidung zu treffen, gibt es keine Fehler. Allerdings muss man bereit sein, die Entscheidung zu ändern, wenn sich drum herum alles ändert.“

Sinn stiften und Brennen im Herzen

Wenn ich aus dem Abend mit Titus eines mitgenommen habe, dann:

„Das Herz muss brennen, wie der Backes* in Afghanistan“

Fotocredit: Maurice Ressel / skate-aid

Fotocredit: Maurice Ressel / skate-aid

* Backes = afghanischer Lehmbackofen

Materielles kann auf Dauer keine Sinnstiftung geben. Als Titus das erste Mal Kinder in Kabul auf den Skateboards stehen sah, die er mitgebracht hatte, war die gleiche Erkenntnis wieder da, die er fast 40 Jahre zuvor am Aasee Hügel hatte: Die Kids hatten Fun, lernten voneinander und waren mega motiviert. Und das ganze vollkommen selbstbestimmt. Und: Sie hatten den Erwachsenen etwas voraus. Die trauen sich nicht auf die Boards.

In dem Moment wurde Titus klar: Gesinnung lässt sich nicht kaufen. Aber Kindern lässt sich vermitteln, dass es noch etwas anderes als Krieg und Elend gibt. So wächst das Brett vorm Kopf nicht mit, sondern kommt mit Rollen unter die Füße.

Eine Motivation von Startups ist oft: Die Welt zu verändern. Titus ist klar: Innovation und Veränderung wirken sich auch auf eine Gesellschaft und damit auf die Welt aus. Skateboarding als größte bewegungsorientierte Jugendkultur ist genau die Synthese aus Leistungsbereitschaft, Kreativität und fester Willensbildung, die Unternehmer brauchen. Und: Die Krisengebiete brauchen, um eine Generation mit Hoffnung und positiver Selbstsozialisation heran zu ziehen.

Damit ist die Titus Dittmann Stiftung seit 2009 mit der Social Brand skate-aid mega erfolgreich am Start. Und wer weiß: Vielleicht ist das der nächste Schritt für Titus bald Social Entrepreneure in Deutschland und der Welt auszubilden. Denn nach den jugendlichen Skateboardjahren wollen sicher auch die Menschen in Krisengebieten etwas aufbauen.

Vielen Dank für die vielen Inspirationen, Titus!

Artikelbild: Titus beim Founders Talk – Quelle: Stefan Lehmann