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Wie arbeitet es sich als Entwickler von Paderborn per Remote Work für ein Startup im Silicon Valley? Mit welchen Tools und Methoden organisiert sich ein Distributed Team und gibt es auch eine Corporate Culture?

Philipp Müns, der von Paderborn aus für das Startup serverless.com in San Francisco arbeitet, plauderte beim Founders Talk vergangene Woche aus dem digitalen Nähkästchen des Remote Workers. Serverless begann als Open Source Projekt. Mit den Investoren kam die Gründung des Startups. Philipp war einer der ersten Entwickler, die aus der Open Source Community in das Startup übernommen wurden. Heute arbeiten bereits 20 Leute fest für serverless.com.

Warum überhaupt Remote Teamwork?

High Potential Talents sitzen auf der ganzen Welt verteilt. In den Hot Spots wie SF, dem Valley, Berlin oder Tel Aviv konzentrieren sich die Top-Leute. Aber global verteilte Remote-Teams setzen sich immer weiter durch. So können Startups auch ohne Anlaufstelle in Kalifornien mit Spitzenleuten zusammen arbeiten. Im Fall Serverless arbeiten 6-7 Leute im HQ in San Francisco. Der Großteil der Mitarbeiter ist jedoch in Deutschland, Österreich, Polen, Thailand und Indien verteilt.

Vorteile für Remote Work:

  • Kostenersparnis für für beiden Seiten – Mitarbeiter sowie Unternehmen
  • hohe Flexibilität
  • Talente dort zu nutzen, wo sie sich befinden
  • gesündere Mitarbeiter
  • weniger Stress

Wie könnt ihr global verteilte Teams digital organisieren?

Serverless arbeitet für die langfristigen Ziele mit einem Vision-Document in Google Docs. In diesem Dokument arbeitet das Team regelmäßig an der 10-Jahres Vision. Von dieser Vision werden Arbeitsweisen, Problemlösungen, Kundenbedarf, Roadmaps, erwartete Schwierigkeiten und Ziele abgeleitet. Jedes Produkt hat noch einmal sein eigenes Dokument, in denen OKRs und Sprint Reviews festgehalten werden.  an denen ständig gearbeitet wird. Jedes Quartal werden die Visionen auf den Prüfstand gestellt.

Die Vision-Docs funktionieren wie ein Trichter, aus denen die einzelnen To Dos abgeleitet werden.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Remote Worker aus?

Follow Up – so geht der Arbeitstag für Philipp als Frühaufsteher morgens um 8 los: Was haben die Kollegen in den USA und Asien über Nacht gemacht?

Community Check – welche neuen Anfragen, Code-Vorschläge und Diskussionen gab es in der Open Source Community auf GitHub?

Slack – in den diversen Channels lies Philipp ca. 1 Stunde, bis er auf dem aktuellen Stand ist. Dabei hat er nur die wichtigsten Channels im Blick. Auf dem Telefon sind alle Slack-Benachrichtigungen ausgeschaltet. Auf dem Desktop poppen nur Notifications zu wenigen Keywords und wenn er direkt angesprochen wird auf.

To Dos des Tages Part 1 – aus den Schritten und vorherigen Meetings ergeben sich die Aufgaben des Tages. Konkret heißt das meistens: Welche externen Code-Vorschläge werden für Version 1 von Serverless angenommen? Die testet Philipp dann und gibt sie im Code frei.

To Dos des Tages Part 2 – Dann arbeitet er an Version 2 des Produktes weiter, die bisher nur dem internen Team zugänglich ist, kümmert sich um interne Ziele des Unternehmens und bewertet Code-Vorschläge der anderen Coreteam Entwickler.

To Dos des Tages Part 3 – Meetings mit dem US Team. Jeden Tag findet gegen 16 Uhr ein Standup statt. Hier gibt es das Handover: Das europäische Team macht Feierabend, bringt die Amerikaner auf den neuesten Stand und übergibt Tagesaufgaben mit den typischen Scrum Punkten:

  • Was habe ich heute gemacht?
  • Was mache ich morgen?
  • Was blockiert mich aktuell?

Welche organisatorischen Rahmenbedingungen liegen bei Remote Work zu Grunde?

Bei vielen Remote Startups werden die Salaries grob über einen Kalkulator festgelegt, in dem die Lebenshaltungskosten des Ortes hinterlegt sind, an dem sich die Remote Worker befinden. WordPress und Buffer machen das ganz bsw. so. Hier könnt ihr mit dem Buffer-Calculator ein Gehalt für euren Standort ausrechnen.

Urlaubsregelung: Ja, die gibt es auch. Sie lautet: Jeder muss im Jahr mindestens 20 Tage Urlaub nehmen, offline sein und rechargen. Prinzipiell kann soviel Urlaub genommen werden, wie man möchte, so lange die Ziele erreicht werden.

Stundenerfassung gibt es demnach auch nicht. Vertrauen, Transparenz und Zielerreichung sind für Serverless wichtiger als eine weltweite, digitale Stechuhr.

Philipp sagt aber auch: Er hat als Remote Worker oft das latente Gefühl, zu wenig zu machen. Und das obwohl er in seiner Freizeit noch an Video-Meetings teilnimmt und immer wieder in die Open Source Community von Serverless schaut.

„Wenn andere abends noch bei Facebook reinschauen, gucke ich stattdessen, was unsere Developer-Community  gerade macht.“

Hat ein Remote Team auch so etwas wie eine Unternehmenskultur?

Für Philipp ist die Arbeit fast genauso, wie wenn er in einer Firma vor Ort arbeiten würde. Mit der Einschränkung, dass eine fehlende persönliche Bekanntschaft und der regelmäßige Austausch mit Führungskräften für reine Remote Worker von Nachteil sein kann. Außerdem fehlt ihm manchmal der Austausch mit anderen Menschen. Hier haben CoWorking Spaces einen großen Vorteil. Philipp nutzt während konzentrierter Arbeitsphasen Apps wie Noizio, um sich eine lebendige Umgebung zu suggerieren.

Ein Vorteil ist: Im Serverless Team ist immer jemand ansprechbar. Auch wenn man mal über etwas anderes als die Arbeit sprechen möchte.

Außer am Wochenende. Da achten alle darauf, dass nur im absoluten Notfall gearbeitet werden muss.

Team Retreats
Bisher hat das Unternehmen drei Team Retreats durch geführt. Das erste in Österreich, das zweite in Kalifornien und das dritte in Marokko. Über eine Woche haben die teilnehmenden Mitarbeiter (alle waren nicht dabei) tagsüber gearbeitet und sich abends bei Sport oder Drinks besser kennen gelernt.

Company & Culture by Code
Es mag sich seltsam anhören, aber das GitHub ist auch zentraler Anlaufpunkt für alle relevanten Unternehmensdokumente:
Prozesse, wer an was arbeitet, Dokumentationen usw. liegen im Code-Repository GitHub. Allerdings nur für Mitarbeiter einsehbar.

Die Kultur von Serverless ist im Bereich Culture as Code festgehalten und öffentlich einsehbar: Welche Benefits bietet Serverless, welche Werte sind dem Unternehmen wichtig, wie wird gearbeitet. Kann alles hier eingesehen werden. https://github.com/serverless/culture

Donut Meeting
Serverless nutzt den Donut-Bot im Slack, der regelmäßig 2 Mitarbeiter auswählt, die sich für eine halbe Stunde zu einem Donut und Kaffee per Videokonferenz zusammen setzen. Dabei wird nicht über die Arbeit gesprochen, sondern über privates, Gott und die Welt, um sich besser kennen zu lernen.

Onboarding und Welcoming
Neue Teammitglieder können sich natürlich durch die öffentlichen Dokumente schon ein gutes Bild davon machen, ob sie für Serverless arbeiten möchten. Insbesondere Entwickler werden aus den über 300 Mitgliedern der Open Source Community rekrutiert. Einzig für die Management-Ebene wird auf die klassische Art und Weise vor Ort eingestellt, da es hier auch auf Faktoren wie das Netzwerk potenzieller C-Level und die Zustimmung der Investoren ankommt.

Neue Mitarbeiter
werden vom Team im Bewerbungsgespräch befragt und jeder Mitarbeiter kann eine Einschätzung zum Cultural Fit abgeben. Die  finale Entscheidung ob jemand eingestellt wird oder nicht trifft der CEO. Die Neuen fangen dann einfach mit einer Vorstellung in einer der Video-Standups an und finden sich danach relativ schnell in ihrer Arbeit zurecht.

Was braucht man für Remote Work?

  • Die Fähigkeit, sich selbst begeistern und motivieren zu können – Commitment fürs Projekt
  • Klare Rollenverteilung im Team
  • Einen Platz, den man mit Arbeit verbindet: Home Office, CoWorking Space, Café
  • Klare persönliche und Unternehmens-Ziele und Aufgaben durchs Management
  • Selber entscheiden können: Welche Aufgabe ist gerade jetzt relevanter
  • Ziele sollten nur bis max. 80% schaffbar sein, sonst sind sie zu niedrig angesetzt

Wichtig ist vor allem die Einstellung: Resultate zählen. Nicht die abgesessene Zeit. Hierbei hilft Serverless die Management-Methode OKR – Objectives and Key-Results, die bsw. auch bei Google zum Einsatz kommt.

Was macht Serverless eigentlich genau?

Auf die eigentliche Technologie ist Philipp nur kurz eingegangen. Stellt euch vor, ihr seid mit Eurer App bei der Höhle der Löwen am Start. Nach der Sendung muss euer Server statt 100 Anfragen pro Minute 100.000 abarbeiten. Die meisten Serverpakete vom Brot-und-Butter Hosting kommen dann schnell an ihre Grenzen. Serverless sorgt dafür, dass bestimmte Funktionen eurer App in verschiedenen Clouds (Amazon, Google, MS Azure usw.) ausgeführt werden und ihr bezahlt nur die reine Laufzeit. So kann eure App preisgünstig skalieren und ihr seid immer auf der sicheren Seite.

Was denkt ihr: Ist Remote Working mit verteilten Teams etwas, das ihr euch vorstellen könnt? Lasst es und wissen