Zugegeben, mittlerweile hat vermutlich jede Wirtschafts-Region schon einmal diesen Vergleich angestrebt und sich die Frage gestellt:

Wie können wir hier auch ein Silicon Valley aufbauen?

Mein reflexartiger Rat: Lassen Sie es!

2011 habe ich einige Wochen in San Francisco und dem Silicon Valley gelebt und dort mit Startups, Investoren, Acceleratoren, Tech-Journalisten, Bloggern und einigen Leuchtturm-Unternehmen gesprochen. Angefangen mit Intel, die ja so etwas wie Urgestein der 2. Generation sind und zusammen mit HP dem Valley seinen Namen gegeben haben. Indem aus Sand Silizium und letztlich Computerchips hergestellt wurde.

Übrigens:
Intel ist als Unternehmen 1968 bereits ganz ähnlich gegründet worden, wie heute viele der typischen Startups entstehen: Einige Mitarbeiter des etablierten Unternehmens Fairchild Semiconductor hatten eine Geschäftsidee und waren unzufrieden mit ihrem Arbeitgeber, der sie ihre Vision nicht umsetzen ließ. Und so wurde kurzerhand ausgegründet. Selbst Fairchild entstand 1957 ganz ähnlich als die „verräterischen 8 Ingenieure“ ihren Arbeitgeber Schockley Semiconductor verließen um ein neues Unternehmen zu starten.

Ein Silicon Valley lässt sich deswegen auch nicht einfach nachbauen.

Es ist genauso über einen Zeitraum von fast 80 Jahren entstanden und hat eine Evolution durchlebt wie andere Industriestandorte auch. Außerdem haben wir hier mehr Nieselregen und Teuto statt Ganzjahressonne und Pazifikküste zu bieten.

ABER:

Jede Region kann vom Valley lernen.

Auf meiner Reise war mein Ziel zu ergründen warum Mercedes Benz in Palo Alto ein eigenes Entwicklungszentrum betreibt, welche Vorteile sich daraus ergeben und wie sich Silicon Valley und Schwabenländle voneinander unterscheiden. Auf dieser Basis kann ich auch durchaus Ostwestfalen mit in den Vergleich einbeziehen.

Jetzt höre ich Sie denken: „Einer der weltgrößten Automobilkonzerne ist aber doch auch kein Vergleich zu unserem Mittelstandsunternehmen. DIE können sich ein eigenes Büro in Kalifornien selbstverständlich leisten.“

Lassen Sie mich 7 Vorschläge machen, was sich vom Startup-Geist des Silicon Valley auf ostwestfälische Unternehmen übertragen lässt

  1. Lösungen finden & Experimentierfreude
  2. Unterstützen & fördern
  3. Talente anziehen und wieder gehen lassen
  4. Pioniergeist
  5. offensiver Austausch
  6. Geschwindigkeit & Wachstum
  7. Fehlerkultur und Pivoting

1. Lösungen finden & Experimentierfreude

Wenn die Techbranche in Nordkalifornien eines kann, dann Lösungen für Probleme finden, die sie selbst geschaffen hat, Aufmerksamkeit schaffen und Kunden zu Produktbotschaftern machen, um damit oftmals sehr viel Geld zu verdienen. Die Herangehensweise ist sehr viel stärker auf den Kunden ausgerichtet: Was will der Kunde? Welche Probleme möchte der Kunde gelöst haben?
Hier in OWL gehen wir häufig davon aus was wir können und suchen dann die passenden Kunden dazu. Dabei wäre es lohnenswert beide Herangehensweisen zu kombinieren und damit neue Kundengruppen zu erschließen.

2. Unterstützen & fördern

Man hört immer wieder von den wundervollen Angeboten bei den großen und kleinen Unternehmen im Valley und San Francisco, die den Mitarbeitern das Leben leichter machen sollen. Hier mal einige Beispiele und was sich dahinter (auch) verbirgt:

Eigene Unternehmens-Busse die Mitarbeiter zu Hause abholen mit WLAN. Das Valley hat einfach kein taugendes Netzwerk öffentlicher Verkehrsmittel. Also behelfen sich die Unternehmen mit eigenen Lösungen und heuern Busfahrer an.

Übrigens entstand aus der Individual-Mobilität eines der disruptivsten Unternehmen der letzten Jahre: Uber. Wer nicht selber fahren wollte, aber mehr Annehmlichkeiten möchte als sie ein Taxi bietet, bestellt sich ein Uber-Fahrzeug.

Und das WLAN? Einfacher kann man seine Mitarbeiter nicht motivieren, auf den Wegen zur und von der Arbeit noch ein paar Minuten dran zu hängen.

Wäscheservice und Friseure auf dem Firmengelände: Viele Mitarbeiter_innen kommen direkt vom College. haben also vorm Studium bei Mutti und während des Studiums im Wohnheim gelebt. Um diese Leute so produktiv wie möglich zu machen, nimmt man ihnen so viele lästige Aufgaben wie möglich ab.

Googles 20%-Regel: 20% der Arbeitszeit dürfen auf eigene Projekte verwendet werden. Die Menschen, die ich bei Google kennen gelernt habe, beschrieben mir diese Vorgehensweise eher als 120-140%-Regel. Sprich: Zusätzliche Arbeitszeit für Projekte, die wenn sie erfolgreich werden u.U. sogar zum Teil dem Arbeitgeber gehören, wenn sie auf seiner Infrastruktur entwickelt wurden. Da ist auch nicht immer alles Gold, was glänzt 😉

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich möchte nicht zynisch klingen, sondern aufzeigen, dass es sich bei solchen Vergünstigungen nicht um Selbstzweck oder Spaßmaßnahmen handelt, sondern um pragmatische Lösungen zu Problemen, die sich den Unternehmen stellten und die zu erhöhter Produktivität und Fokus der Mitarbeiter führen.

Förderung in Form von Geld ist noch ein ganz anderes Fass, das man hier aufmachen kann. Die Unternehmen und Unternehmer aus der Tech-Branche brauchen keine Banken. Man unterstützt sich gegenseitig. Mit Geld als Investor, mit Wissen und Erfahrung als Advisor und mit Kontakten und Netzwerken, Dieses Thema ist aber schon einen eigenen Artikel wert.

3. Talente anziehen … und wieder gehen lassen

Eine lange Betriebszugehörigkeit mag im ostwestfälischen Mittelstand lange erstrebenswert gewesen sein. Ein Google-Mitarbeiter sagte mir seinerzeit: „Wenn Du nach 2 1/2 Jahren immer noch hier bist, wirst Du schon komisch angeschaut.“ Einer der Gründe dahinter ist: Mitarbeiter, die in relativ kurzer Zeit durch verschiedene Unternehmen gehen, sammeln wertvolle Erfahrungen und bauen ein Netzwerk auf, dass jedem neuen Arbeitgeber – oft aber auch den vorangegangenen nutzt. Vorausgesetzt natürlich, dass die Mitarbeiter hart arbeiten und einen wertvollen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten.

Das heißt: Wenn ich eine attraktive Region schaffe, ziehe ich Talente an, die in der Region verbleiben und einen Vorteil für nahezu alle Unternehmen dort schaffen, wenn man keine Angst vor Mitarbeiter-Tausch hat und Fluktuation als Chance zur Erweiterung des Unternehmensnetzwerkes sieht, statt als Brain-Drain-Gefahr. Hier kommen bsw. Alumninetzwerke auf Basis von Social-Networks ins Spiel. So bleiben Kontakte und Know-how auch über das Firmenintranet hinaus verfügbar.

4. Pioniergeist

Familienunternehmen verfügen oft über den Luxus, nicht das tun zu müssen, was Aktionäre bzw der Markt ihnen vorgibt. Hier können Pioniergeist und Innovation auf kurzen Dienstwegen ausgelebt werden. Trotzdem verbirgt sich hier auch das Problem, wichtige Veränderungen zu verschlafen, wenn man sich zu lange Zeit lässt zu reagieren und sich möglicherweise auf Hidden Champion Lorbeeren ausruht.
Das besondere im Valley ist die kollektive Fähigkeit, schnell auf neue Technologien zu reagieren, sie zu nutzen und mehrere neue Produkte zu etwas vollständig neuem zu kombinieren. Ist auch klar – alle Beteiligten sind immens nah dran an den neuen Entwicklungen.

Hier sehe ich vor allem Inhabergeführte Unternehmen, die mit einem entsprechend gut informierten und engagierten Inhaber und dessen Mitarbeitern ebenso schnell innovative Lösungen für Kunden – und damit Wertschöpfung – schaffen können.

Steve Jobs ehemaliges Wohnhaus in Los Altos im Silicon Valley. Garagentorgewordener Pioniergeist.

Steve Jobs ehemaliges Wohnhaus in Los Altos: Garagentor gewordener Pioniergeist.

5. offensiver Austausch

Leo Laporte ist ein US-Radiojournalist, der bereits seit den 70ern die Tech-Industrie begleitet. Er war damals bereits in San Jose vor Ort und hat über seit den Anfangszeiten über Apple, Atari, HP und wie sie alle heißen berichtet. Seiner Meinung nach ist einer der größten Vorteile der Tech-Branche die radikale Bereitschaft zum Austausch. Er nannte mir als Beispiel ein Problem, das Twitters Ingenieure bei der Skalierung einer Datenbank hatten und einfach mal drüben bei den Kollegen von Facebook nachgefragt haben.
Hier kommt natürlich die räumliche Nähe des Valleys zum Tragen: In knapp 45 Minuten erreicht man so ziemlich jeden Globalplayer der Webbranche. Punkt 3. trägt zudem dazu bei, dass Netzwerke unter den Mitarbeitern entstehen, die einen schnellen unkomplizierten Austausch ermöglichen

Wir haben in OWL bereits zahlreiche Veranstaltungen und Netzwerke, die aber oft als Insellösung funktionieren. Mit gezielter Förderung des Austausch innerhalb dieser Netzwerke kann viel Potenzial freigegeben werden.

Aaaaber auch beim Thema Netzwerken können wir noch irre viel lernen. Am zweiten Abend wurde ich auf eine  Netzwerkparty in San Francisco eingeladen. Innerhalb von 2 Stunden habe ich dort mehr Kontakte gemacht und Visitenkarten in der Tasche als Käsebrötchen bei einer typischen IHK-Veranstaltung liegen.

Dabei war das Vorgehen der Leute immens zielgerichtet und effizient:
Man geht auf eine Gruppe zu, bringt möglichst unterhaltsam seinen vorbereiten Elevator-Pitch ins Gespräch ein, findet Schnittmengen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit, tauscht Visitenkarten aus und macht Termine (die seltenst länger als 14 Tage in der Zukunft liegen) und geht zur nächsten Personengruppe. Oft empfiehlt jemand aus der gerade zusammenstehenden Gruppe jemanden, den man unbedingt ansprechen sollte und stellt die Person kurz vor.
So diszipliniertes, ergebnisorientiertes und schnelles Netzwerken habe ich in Deutschland noch nicht erlebt.

6. Geschwindigkeit & Wachstum

Wenn Du Milliardär werden willst, hilf einer Milliarde Menschen.

Die 2 wichtigsten Fragen, die sich Startup Entrepreneure stellen sind „Skaliert das? Und wie schnell?“ Daraus ist eine ganz eigene Disziplin des Marketings entstanden: Das Growth-Hacking. Hierbei werden in das Produkt Funktionen integriert, die ganz automatisch dazu führen, das mehr Menschen mit dem Produkt in Berührung kommen und somit zu Kunden werden.
Das kann mal eine künstliche Verknappung sein, die bis zu einer kritischen Masse den Zugang zu einem Produkt sehr exklusiv hält (bsw. Google Mail als es sich noch im Betastatus befand und man nur eine kleine Anzahl ausgewählter Freunde durch Codes einladen konnte) und dann wieder eine offensive Belohnung von Nutzern, die ihre Freunde und Bekannte fürs Produkt begeistern. Als Beispiel wäre hier Dropbox und Evernote zu nennen, wo man als Nutzer zusätzlichen Speicherplatz oder Monate kostenloser Nutzung für geworbene Kunden erhält.

Stellen Sie sich doch für Ihr Unternehmen mal die Fragen:

„Gibt es für unser Produkt 5 Kunden auf der Welt oder 5 Milliarden? Und wie können wir den Nutzen unseres Produktes erweitern oder ein neues Produkt schaffen, das eine hohe Zahl an Menschen erreichen kann?“

7. Fehlerkultur & Pivoting

Neben dem in Punkt 3 bereits angesprochenen Unternehmenswechseln gibt es in Nordkalifornischen Lebensläufen noch ein weiteres Kriterium:

Fehlschläge.

Candace vom Accelerator „Plug and Play“ wo Beispiel dropbox und Paypal starteten, drückte es so aus: „Jemand der 3 fehlgeschlagene Startups in seinem CV aufweisen kann und daraus gelernt hat, bringt mehr wertvolle Erfahrung mit, als jemand für den alles glatt gelaufen ist aber nicht weiß wieso.“

Wir in Ostwestfalen machen eine Sache richtig – bis hierhin ist das auch eine gute Strategie – oder gar nicht. Da wird es dann schwierig. Wenn ich Projekte möglicherweise nicht anpacke, weil die Möglichkeit eines Fehlschlags zu groß ist, nehme ich mir auch die Möglichkeit wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen, die mir einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnten.

Oder noch schlimmer:
Wir ziehen eine Sache bis zum Schluss durch – auch wenn sie schon lange keinen Sinn mehr macht, „weil das doch so entschieden wurde!“

Gegenstrategie: Pivoting – also das Geschäftsmodell drehen
Es gab da mal ein Unternehmen namens Odeo, das hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Podcasting-Plattform zu schaffen. Details spielen in diesem Fall gar keine Rolle, denn: Das Unternehmen machte ein Pivoting. Es drehte sein Geschäftsmodell und stellte fest, dass ein kleines Miniprojekt, das als Nebenprodukt entstanden war, erfolgversprechender sein könnte. Der CEO klapperte die bisherigen Investoren ab, stellte das neue Konzept vor und bot an, aus dem Investment wieder auszusteigen. Alle Investoren stiegen aus, die Überreste von Odeo wurden verkauft und im April 2007 startete der harte Kern der ehemaligen Odeo-Mitarbeiter ihr neues Unternehmen:
Twitter.

Das ist Pivoting.

Fazit: OWL ist genauso eine Region von Machern wie das Silicon Valley und kann es diesbezogen mit dem Valley locker aufnehmen.

Krempeln Sie die Ärmel hoch und finden Sie Probleme Ihrer Kunden oder ganzer Branchen, die Sie lösen können.

Warten Sie sich nicht auf Fördergelder oder Unterstützung aus der Politik, sondern suchen Sie nach Wegen so schnell wie möglich profitabel durch echte Kunden zu sein.

Stellen Sie sich die Frage:
Was ist der einfachste Weg, der durch Software unser Geschäft oder das unserer Kunden zerstören könnte?
Die technologische Antwort und die entsprechende Lösung dazu wird vermutlich die nächste Disruption Ihrer Branche und damit eine lohnende Wertschöpfungsquelle für die Zukunft sein.

Und wenn Sie von einer guten Geschäftsidee, einem Startup hören, das direkt Interesse bei Ihnen hervor ruft: Fragen Sie, wie Sie unterstützen können mit Geld, Infrastruktur, Wissen und Kontakten. Steigen Sie mit kalkuliertem Risiko ein. Schlimmstenfalls investieren Sie nur etwas Zeit. Miele ist ein sehr gutes Beispiel dafür.

Bei Fragen: Einfach fragen 😉

Alex Kahl – Twitter: @probefahrer