– Bitte nicht noch eine Castingshow –

Dramatische Musik, Luftbilder einer Großstadt, spannungsgeladene Wortschnipsel und Stimmungsbilder von gestressten Menschen – das Intro von „Start Up!“ ist wie aus dem Castingshow-Lehrbuch. Und mit nichts anderem haben wir es hier zu tun. Bloß werden dieses Mal statt mageren Teenagern oder wannabe Popstars Startup-Unternehmen vor die Kameras gezerrt. Die neue Sat.1-Sendung sucht unter Carsten Maschmeyers Führung nämlich „Deutschlands besten Gründer“ und ist damit komplett gefloppt. Die letzte Ausgabe des Formats blieb (das ist kein Scherz) in der Zielgruppe der bis 49-jährigen hinter dem Sandmännchen zurück. Tatsächlich bin auch ich erst durch die viele schlechte Presse und das negative Feedback auf die Sendung aufmerksam geworden und meine erste Reaktion war: Bitte nicht! Wirklich jeder Bereich des privaten oder öffentlichen Lebens ist in irgendeiner Form bereits vom Privatfernsehen verwurstet worden. Und jetzt trifft es die Startups. Aber vorschnell meckern gehört sich nicht, deshalb habe ich mich hingesetzt und mir die letzte Ausgabe von „Start Up!“ gegeben. Die Frage des Abends: Brauchen wir das? Die wenig überraschende Erkenntnis: Nö.

Aber von vorne:

In der Sendung müssen sich Kandidaten mit mehr oder weniger kreativen Geschäftsideen (vom Bett, das dich in den Schlaf schaukelt bis zum „Superdrink“ auf Kakaobohnenbasis) einer Reihe von „Challenges“ stellen, anhand derer die Juroren um Schirmherr Carsten Maschmeyer dann entscheiden, wer eine Runde weiterkommt, oder mit dem Satz „Mit Ihnen möchte ich kein Unternehmen gründen“ (vergleiche: „Heute habe ich kein Foto für dich.“) verabschiedet wird. In der Sendung, die ich mit angeschaut habe, gab es zum Beispiel die Challenge mit einem Rennauto im Kreis zu fahren und dabei Allgemeinwissensfragen zu beantworten. Als Metapher für den rasanten Berufsalltag. Irgendwie niedlich. Eine andere Challenge war aus Papier einen möglichst hohen Turm zu bauen, um die Gruppenarbeit zu stärken. Teambuilding durch Turmbuilding quasi. Geschlagene 14 Minuten ging das Epos vom Turmbau zu Berlin, die Erkenntnisse die Personality- und Lifecoach Matthew Mockridge (der mit der Personenbeschreibung „Hat selbst schon Zielgruppen bestimmt“ von mir den Preis für die beste Bauchbinde der Sendung verliehen bekommt) daraus zog: „Wenn´s nur um die Höhe geht vergisst man schnell die Stabilität.“ und etwas in Richtung „Erst planen, dann machen, umgekehrt ist nicht so toll.“ Er war sehr zufrieden damit. Anschließend wurde eine der Kandidatinnen vom Mockridge zu einem Spaziergang eingeladen. Ihre letzte Motivationsrede war ihm zu esoterisch (!) gewesen, daher sollte sie jetzt im Park so laut schreien, wie sie konnte, um sich selbst zu fühlen und die „Tür zu ihrer Blockade“, die bereits „einen Spalt weit offen“ stehe aufzustoßen. So viel zu Esoterikvermeidungsmaßnahmen. Nach hinten raus ging es in der Sendung dann tatsächlich noch um das Definieren von Zielgruppen (verpackt als eine Art Kostümwettbewerb) und das designen von Logos. Doch noch etwas Bezug zu reellen Herausforderungen für Gründer. Ich war fast überrascht.

Mein Fazit: Schlimm ist die Sendung nicht, sie tut niemandem weh, ist nicht laut oder provokant. Sie ist einfach nur ziemlich belanglos. Und vor allem: Sie hat mit dem Arbeitsalltag von Startups und Gründern kaum etwas zu tun. Die Sendung schaut sich wie eine Kindergeburtstagsfeier mit dem Motto „Business“. Einzelne Aspekte einer Unternehmensgründung werden herausgegriffen und zu Gruppenspielen aufgeblasen, die kaum valide Rückschlüsse darauf zulassen, ob ein Gründer, ein Produkt oder ein Unternehmen später Erfolg haben kann und die Erkenntnisse und Lebensweisheiten, die die Beteiligten am Ende gewinnen liegen irgendwo zwischen Hotelnachttisch-Sprüchekalender und Baumarkt-Wandtattoo. Dass sich der Gründungsprozess so schlecht unterhaltsam verpacken lässt, hat aber einen einfach erklärbaren Grund: Außer für die Gründer selbst, ist er weitestgehend uninteressant. Einen zehn Stunden Livestream, wie jemand ein App programmiert, möchte niemand sehen, eine Sendung über Amtsgänge oder Vertragsverhandlungen ebenso wenig. So bleibt am Ende eigentlich nur eine Erkenntnis: Nicht jeder Lebensbereich muss in ein Fernsehformat gepresst werden. Dieser Trend darf gerne jetzt enden, bevor ich mich demnächst zur Primetime zwischen „Germanys next kaufmännischer Angestellter“ und „Vera Int-Veen dekoriert euren Coworking-Space“ entscheiden muss.

Stay witty!

 

Photo by Tina Rataj-Berard on Unsplash