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Die Baubranche ist nicht nur eine der ältesten und größten Industrien der Welt, sie zieht auch immer mehr Gründer und Startups an. Wir möchten euch hier Gründer aus der Region vorstellen, die mit ihren Produkten, Spirit und Know-how in der Bau-Industrie starten und erzählen, wie sie einerseits digital und agil arbeite und dabei gleichzeitig mit Bauvorschriften und hohen Investitionskosten umgehen.

Den Anfang machen ClipHut aus Detmold, die wir bereits auf der Hannover Messe kennen lernen durften.

Enter: ClipHut

1. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, ein Startup zu gründen, das Häuser auf eine ganz neue Art und Weise baut?

Als Studenten des Computational Designs sind wir generell daran interessiert neue Formen und Möglichkeiten in der digitalen Fabrikation zu erforschen, weiterzuentwickeln und mithilfe von Prototypenbau in Verbindung digitaler Optimierung bis zur Fabrikation und Anwendung zu entwickeln.
Unser ClipHut Holzstecksystem haben wir im Zusammenhang eines Projektes an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe unter der Leitung von Professor Hans Sachs und Jan-Christoph Kahre-Heidemann entwickelt und das Arbeiten mit Holz ist eines der Schwerpunkte an der Hochschule.

Zu Beginn des Projektes hat in einem Wettbewerb die Holz-Clip-Verbindung von Thomaz Vieira gewonnen. Mit seinen Kommilitonen entwickelt er daraus ein ganzes Fachwerk-System zum Zusammenstecken und baut den ersten 1:1 Prototypen. Im Laufe des Projektes wurde schnell klar, dass es mehr als nur ein Projekt ist. Medien wie der WDR und diverse Magazine interessieren sich für die Idee ein neuartiges Stecksystem zu entwickeln, das letztendlich dazu gedacht ist obdachlosen Menschen ein Zuhause zu geben. Maria Wilkens und Tomas Mena haben den Prototypenbau zusammen mit Thomaz von Anfang an mitentwickelt und in weiteren Modulen bei Professor Jens-Uwe Schulz optimiert. Wir drei wollen nun das Potential des Systems nutzen und haben eine Leidenschaft für unsere Startup Idee entwickelt. Ein Zurück gibt es für uns nicht mehr.

Die Startup Szene in Ostwestfalen-Lippe wächst Tag für Tag in rasantem Tempo und wir sehen dies als Chance davon als Startup-Neulinge zu profitieren.

2. Welche Vision steckt hinter ClipHut?

Unsere Vision ist einfach erklärt: Wir wollen den Wohnungsbau revolutionieren und die Obdachlosigkeit bekämpfen.

Dafür entwickeln wir eine App, mit der nichtfachkundige Personen die Möglichkeit haben, individuelle Häuser zu entwerfen oder eine der OpenSource ClipHut-Dateien auszuwählen, in Visualisierung einen Komplettüberblick über ihr Design zu erhalten und im Anschluss Produktionsdateien, lokale Herstellerinformationen, Kosten sowie Aufbauanleitungen zugesendet zu bekommen.

Mithilfe des parametrischen Verfahrens wird der Entwurfsprozess deutlich vereinfacht. Sobald man die Form und Größe der Hütte verändern möchte, muss nicht direkt alles neu gezeichnet werden. Ein intelligent programmierter Algorithmus zerlegt die Struktur der ClipHut in einzelne Elemente, nummeriert alle Teile und legt gleichzeitig eine Fräsdatei an, bei der durch automatisierte Anordnung darauf geachtet wird, so wenig Holz wie möglich zu verschwenden.

Der Produktionsprozess sieht im Detail vor, dass der Kunde die ClipHut Produktionsdatei entweder direkt an die Hersteller schicken kann oder man wird selbst tätig und geht mit seiner Datei zu Herstellern, FabLabs oder in seine eigene Werkstatt und fräst sich seine eigene Hütte. Der Kunde profitiert dabei von einem Netzwerk von Standorten, an denen das Fräsen möglich ist und kann diesem Netzwerk beitreten. Durch die Auswahl lokal vorhandener Baustoffe und lokaler Produktion sowie einer optimierten Anordnung der Bauteile auf einer Bauplatte können Kosten und Transportwege stark reduziert werden.

Dadurch, dass weder Schrauben noch andere Befestigungsmittel benötigt werden, kann der Kunde seine ClipHut nun schnell selbst aufbauen, bekommt notfalls Support und ist in der Lage, die flexibel auf- und abbaubare Hütte auch an einem anderen Standort wiederaufzubauen.

3. Wie Startup-like sind Eure Arbeitsmethoden? Arbeitet Ihr bzw. mit agilen Methoden wie SCRUM oder Kanban? Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Euch aus?

Kaffee ist zurzeit auf jeden Fall unser Überlebenselexier und neben der Startup-Entwicklung wollen wir unseren Masterabschluss in Computational Design schaffen. Das ist gerade ein großer Spagat. Jeder Tag ist anders und jede Nacht ist viel zu kurz. Das liegt aber auch daran, dass wir nicht nur ein digitales Unternehmen entwickeln wollen, sondern letztendlich entsteht ein Produkt, dass vielen Vorschriften und Gesetzen unterliegt, so wie jeder andere Wohnungsbau auch. Es reicht also nicht, dass wir etwas digital entwickeln, sondern wir müssen tatsächlich physikalische also reale Prototypen bauen und in Laboren testen, damit wir Zertifikate bekommen um die Standfestigkeit und Stabilität der Struktur garantieren zu können.

Wir arbeiten nach inkrementellen Vorgehensmethoden. Aber auch hier reicht es nicht, dass wir strikt nach einer Methode arbeiten, da wir unsere Arbeit immer an den vorhandenen Entwicklungsstand anpassen müssen. Anpassungsfähigkeit spielt damit sowohl im ClipHut System als auch in unseren Arbeitsabläufen im Team eine große Rolle. Ein typischer Arbeitstag lässt sich daher einfach nicht beschreiben.

4. Von den ersten Ideen bis heute: Was waren Eure größten Probleme, die Ihr lösen musstet?

Die Idee entstand aus einem Studenten-Projekt heraus und das größte Problem war, für den ersten 1:1 Prototypen ein Sponsor für Fassadenmaterial zu finden. Nachdem der Sponsor nach langer Wartezeit das Material nicht geliefert hat, ging die Suche erneut los und wir mussten das Material wechseln. Zu dem Zeitpunkt hatten wir den Materialwechsel aber noch nicht in unser ClipHut System eingearbeitet und mussten somit gleichzeitig auch noch am Fassadensystem arbeiten.

Wir sind gerade in der Schwebe zwischen dem Studenten- und Gründerleben. Das sehen wir eher als Herausforderung und nicht als Problem. Und zugleich sehen wir uns auch der Herausforderung gewachsen, denn wir haben schon vor unserem Studium teilweise unsere eigenen Büros geleitet und in unterschiedlichen Büros gearbeitet. Was es heißt, ein Unternehmen zu leiten, wissen wir also bereits und nun stürzen wir uns in die neue, aber nicht ganz fremde Welt der Startup Szene.

5. Welche großen Meilensteine habt Ihr in 2018 vor?

Zwei unserer größten Meilensteine für 2018 sind Förderanträge und Investorensuche.

Wir haben uns bei der 6. Runde startup Hochschulausgründungen NRW beworben. Nun hoffen dort durch eine finanzielle Unterstützung unsere Materialforschung und App noch im geschützten Hochschulrahmen weiterentwickeln zu können. Wir hoffen den großen Pool an Maschinen und Netzwerken der Hochschule nutzen zu können um aus der Idee ein echtes Unternehmen zu entwickeln. Auf der diesjährigen Hannovermesse durften wir mit der Unterstützung der FoundersFoundation, garage33, startupregion OWL, innovationslaborOWL, knOWLedgecube und Technologiefonds OWL auf dem Startup-Stand desit’s OWL Gemeinschaftstand unsere ClipHut präsentieren. Wir waren dort auf Investorensuche und sind nun mit einigen wichtigen Akteuren in Gesprächen. Das ist wichtig für uns, denn wir können uns nicht auf nur einem Förderantrag ausruhen, sondern müssen das ganze Potential der startup Region OWL ausnutzen.

Ein weiterer Meilenstein für 2018 wird die Teilnahme an der Web Summit Conference in Lissabon sein und wir sind ganz aufgeregt, dass wir unser Projekt dort vorstellen dürfen.

6. Wie sieht euer Business-Model aus – will sagen: Wie verdient Ihr Geld?

Wir sehen ein B2B-Modell vor, das Partnerschaften mit Unternehmen eingeht, um wachsende Märkte zu identifizieren und auch humanitäre Organisationen zu überzeugen, die bei Katastrophen handeln.

Für den B2C-Markt sieht unser Geschäftsmodell gestaffelte Service Levels vor, die das Basisprodukt in verschiedene Dimensionen ergänzt und erweitert. Das betrifft beispielsweise Gebühren für die Produktion oder die Montage des Systems.

Wir schlagen eine erste Strategie vor, die Online-Marketing verwendet und den Zugang zum System als Open-Source-System bietet, das bereits unter der Creative Commons License lizenziert ist.

7. Wer sind die Zielkunden? Und warum?

Wir streben an folgende Kunden von unserer Idee zu begeistern:

Zum einen mittlere bis große Baufirmen, die auf der Suche nach neuen Gebäudesystemen sind und die den Gewinn maximieren können. Zum anderen Holzfirmen, die nach neuen Anwendungen ihrer Produkte suchen, um ihre Märkte zu erweitern.

Außerdem möchten wir Endkunden ermöglichen, preiswerte, mobile Häuser zu bauen oder ein bestehendes Haus kostengünstig zu erweitern.

Eine Herzensangelegenheit sind internationale Hilfsorganisationen. Das Wachstum der Vertriebenen auf der ganzen Welt hat eine dringende Nachfrage nach kosten- und ressourceneffizienteren Unterkünften geschaffen.

Wir sind davon überzeugt, dass wir die Zelt- und Containerlandschaften weltweit auflösen und eine menschenwürdige Lösung schaffen können. Dafür versuchen wir außerdem einen B2G-Markt aufzubauen und sozusagen staatliche Institutionen als Kunden zu gewinnen. Die ClipHut-Technologie hat die Kapazität, bessere, schnellere und günstigere Unterkünfte zu bieten, die den unterschiedlichen Bedürfnissen von Familien und internationalen Hilfsorganisationen entsprechen.

8. Und welchen USP bietet Ihr Euren Kunden, die sie beim Wettbewerb nicht bekommen?

Natürlich ist der „Clip“ eines unserer Alleinstellungsmerkmale. HinterClipHut steckt aber auch ein ganz neuartiges System. Die gesamte Gebäudestruktur als parametrisches System, die Herstellung und die Verwendung wird in einer Applikation vereint und durch Anforderungen und Designvorstellungen der Kunden individuell angepasst.

9. Speaking of Wettbewerb: Könnt Ihr Eure spezielle Marktnische einmal beschreiben und wie stark ist der Wettbewerb dort?

Mit Blick auf die Industrie in den letzten Jahren können wir das Wachstum der Initiativen und Forschungen über digitale Gebäude-Systeme identifizieren, die in den digitalen Fertigungsprozessen ausgerichtet sind. Die Open-Source-Bewegung hat sich in der Industrie exponentiell entwickelt.

Bei keinem der aktuellen Projekte ist jedoch das parametrische Designkonzept vollständig implementiert.

ClipHut wurde von Anfang an als ein parametrisches System entwickelt, bei dem der gleiche Typ von Holzverbindung, der auf unterschiedliche Weise kombiniert werden kann, die Schaffung unzähliger Lösungen ermöglicht. Die Variation an Größe, Form und Materialität und der Verortung der

Fabrikation erlaubt verschiedene Preiskategorien, die wir in das Programm implementieren, um zukünftig eine Kostenschätzung zu erstellen.

Nach einigen Studien zur Optimierung des Clips, die dem Projekt den Namen geben, wurde die endgültige Form erreicht, die Flexibilität und Stabilität kombiniert und es ermöglicht, die Struktur mit der gleichen Einfachheit zu montieren und zu zerlegen.

10. Gebäude zu bauen ist sehr Kapital-Intensiv. Der Vorteil von digitalen Startups ist, dass sie im Prinzip nur Rechner, Strom, ein Büro und Arbeitskraft bezahlen müssen, aber kein Holz, Stahl, Beton, Schrauben und andere teure Werk-Materialien.
Wie habt Ihr dieses Problem gelöst?

Diese Frage ist interessant, denn es ist eines unserer Hauptanliegen die Baustoffe und zusätzliche Befestigungsmaterialien wie z.B. Schrauben so weit zu reduzieren, dass es ein einfaches und günstiges Stecksystem für jeden wird.

Da wir die Produktion der Hütten nicht selbst machen, sondern Hersteller haben, die in der Nähe der Kunden fabrizieren, haben wir weder Lagerungs- noch Transportprobleme.

Für Prototypenbau und Materialforschung wird jedoch eine Menge Platz benötigt und sind sehr dankbar von der Hochschule die benötigten Ressourcen und den Platz dafür zur Verfügung gestellt zu bekommen. Wir arbeiten gerade an unserem Finanzplan. Platzbedarf und Finanzierung von Baumaterialien für die Weiterentwicklung sind dabei zwei unserer Hauptthemen.

11. Welche 3 Tipps würdet Ihr Gründern geben – insbesondere, wenn sie nicht in Berlin, dem Valley oder anderen Hotspots starten können?

In Regionen, die nicht zu den Hotspots oder Valleys zählen, aber eine finanzstarke Wirtschaftsregion sind, ist es leicht gerade am Anfang einer neu aufkommenden Gründerszene als Startup zu starten. Meist sind die finanziellen Mittel für die startup Unterstützung dort vorhanden, aber es fehlt an kreativen Ideen und dem Mut dort zu gründen, wo sonst keiner oder wenige gründen. Aber genau in solchen Regionen, wie in Ostwestfalen-Lippe haben Institutionen, Firmen, Kammern, Inverstoren noch Zeit und eine Menge Motivation startups zu helfen, zu unterstützen und zu finanzieren.

Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr hier einen Shoutout hinterlassen: Was benötigt Ihr gerade dringend? Offene Stellen? Spezielle Investoren? Möglicherweise findet sich der passende Link unter unseren Lesern.

Was wir zurzeit wirklich brauchen und suchen sind gute Software Entwickler und Programmierer, die uns bei der Implementierung unseres parametrischen Systems in eine App helfen.

Damit genau diese Entwickler, außerdem Material und unser Kaffee bezahlt werden können, suchen wir Investoren, die mit uns zusammen das System verwirklichen und uns die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen.

Firmen, Hersteller, Fablabs, Tischlereien, Kleinunternehmer und alle, die sich für das System auch jetzt schon interessieren sind herzlich eingeladen uns eine Email zu schreiben und einen Termin zu vereinbaren. Gerne zeigen wir an unseren Prototypen, wie einfach unser Stecksystem funktioniert.

ClipHut-Team: Thomaz Vieira, Tomas Mena, Maria Helena Wilkens