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Vergangene Woche haben wir euch ClipHut als erstes Startup der Baubranche in Ostwestfalen-Lippe vorgestellt. Heute lernt ihr TechTinyHouse kennen, ebenfalls aus Detmold. Aber mit einem wesentlichen Unterschied: Brendan und Sina haben nicht in der Hochschule gegründet, sondern vielmehr suchten sie nach einer eigenen  Tiny House Lösung und stellten fest, dass sie es selbst in die Hand nehmen müssen. Da Brendan bereits ein erfolgreiches EduTech-Startup in Stuttgart gegründet hatte war klar: Aus dem Revenue des bestehen Startup wird das nächste Unternehmen aufgebaut:

TechTinyHouse

1. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, ein Startup zu gründen, das Häuser auf eine ganz neue Art und Weise baut?

Zu Beginn wollten wir ein Tiny House (Definition Wikipedia.de) für uns selbst bauen, dass unseren Vorstellungen entspricht: Es sollte größer als die bisher in Deutschland gebauten sein, es sollte hell und luftig sein, und es sollte stabil gebaut sein – normgerecht nach allen relevanten Normen für Gebäude und Fahrzeuge. Daher haben wir sehr intensiv recherchiert, welche verwendbaren Materialien und Komponenten es am Markt gibt, und die einschlägigen Standards und Normen für Gebäude und Fahrzeuge studiert. Mit Unterstützung von Experten haben wir unser Know-how für den Leichtbau von statisch als sicher berechneten Chassis, Ständerwerk und Gebäudehülle aufgebaut.

Als es dann an die Umsetzung ging wurde uns klar, dass wir ein einzigartiges Projekt angeschoben hatten: Europas größtes Tiny House, das mit technisch anspruchsvollen Methoden hohe Sicherheitsstandards und Werthaltigkeit realisiert.

An diesem Punkt sagten wir uns, dieses Know-how, das wir mit so viel Aufwand und so viel Spaß an der Sache aufgebaut haben, das möchten wir weiter ausbauen. Das geht natürlich nur, wenn wir uns damit auch finanzieren können, also, wenn darausein Unternehmen wird.

Tech-Tiny-House-Droneshot

2. Welche Vision steckt hinter eurem Unternehmen TechTinyHouse?

TechTinyHouse will Tiny Houses in hoher Qualität – langlebig, werthaltig, individuell und funktional – herstellen. Dazu verwenden wir ausgesuchte Materialien, Leichtbaumethoden, ingenieurstechnische Konstruktionsverfahren, einen stark interaktiven Design- und Konstruktionsprozess, und kompetente Partnerbetriebe zur Produktion der Tiny Houses.

3. Wie Startup-like sind Eure Arbeitsmethoden? Arbeitet Ihr bsw. mit agilen Methoden wie SCRUM oder Kanban? Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Euch aus?

Wohl jedes Startup hat mit dem Problem zu kämpfen, dass es immer zu viel zu tun gibt und dass das Know-how zu vielerlei Sachfragen neu aufgebaut bzw. stark erweitert werden muss. Unsere Erfahrung ist, dass neben einem Projektmanagement für das Produkt ein viel weitergehendes Management von sehr verschiedenen Aufgaben wie Aufbau der Technologiebasis, des Marketings, der Kommunikation, des Unternehmens selbst etc. erfolgen muss. Daher kombinieren wir das methodische Vorgehen des SCRUM für die Produktentwicklung mit einem Projekt- und Zeitmanagement, das auch all diese weiteren Punkte umfasst.

Ein typischer Arbeitstag sieht so aus, dass wir individuell die für den Tag anstehenden Aufgaben analysieren und bis zum Daily SCRUM um 11 Uhr bearbeiten. Dieses dauert gewöhnlich 5-10 Minuten, und häufig folgt eine Besprechung zu speziellen Punkten. Oft ergeben sich daraus neue Aufgaben oder Umplanungen. Danach arbeitet dann jeder an seinen Aufgaben. Dabei stehen alle für ad-hoc Kommunikation oder auch Besprechungen zur Verfügung. Wichtige täglich genutzte Hilfsmittel bei unserer Arbeit sind unsere gemeinsamen Notizbücher in OneNote und unser Ablagesystem auf OneDrive. Viel Zeit wird für die Interaktion mit unseren Lieferanten und Partnern benötigt. Der Bau selbst wird zum allergrößten Teil mithilfe unserer Partnerbetriebe durchgeführt.

4. Von den ersten Ideen bis heute: Was waren Eure größten Probleme, die Ihr lösen musstet?

Das größte Problem war wohl die Statik des Ständerwerks. Wir suchten eine Leichtbaulösung mit gesicherter Stabilität bei allen praktisch möglichen Lastfällen, die auch ästhetisch ansprechend sein sollte. Letzteres war uns wichtig, da wir für uns ein nach innen offenliegendes Ständerwerk realisieren wollten.

Als Lösung sind wir nach einigen Iterationen auf ein Rautenfachwerk gekommen und haben festgestellt, dass solche Lösungen schon seit der Antike ein häufig benutztes Mittel waren, höchste Stabilität bei geringem Gewicht zu erzielen. Auch heute wird dieses Mittel z.B. im Brückenbau häufig angewendet.

Tiny House Design digital

Tiny House Design digital

5. Welche großen Meilensteine habt Ihr in 2018 vor?

Wir wollen im Juli ein großes Kundenprojekt abschließen: ein Tiny House in Holzbauweise für einen Kunden der öffentlichen Hand.

Außerdem wollen wir unser Musterhaus, das derzeit schon bewohnbar ist, so wie geplant fertig stellen. Dazu fehlen noch die Integration der technischen Systeme, wie z.B. eine leistungsfähige Heizung und eine komfortable Wasserversorgung.

6. Wie sieht euer Business-Model aus – will sagen: Wie verdient Ihr Geld?

Wir bieten verschiedene Leistungen rund um Tiny Houses an.

Unsere Haupteinnahmequelle sind Tiny Houses selbst. Hierbei liegt unser Schwerpunkt auf dem Rohbau, da wir dabei ein Maximum an eigenem Wertschöpfungsanteil erzielen. Aber wir bieten auch voll ausgebaute Tiny Houses an, wozu wir dann unsere Partnerbetriebe stärker einbinden.

Zusätzlich bieten wir Basiskomponenten von Tiny Houses an. Darunter zählen große Teilsysteme wie das Chassis, das Ständerwerk, die Boden- und Dachplatte, und die Gebäudehülle.

Als Dienstleistungen bieten wir Beratung zur Spezifikation, zur Konstruktion und zum Bau der Basiskomponenten oder ganzer Tiny Houses an. Außerdem veranstalten wir Workshops zu Tiny Houses.

Tech Tiny House Workshop mit Tiny House Village 2

Tech Tiny House Workshop mit Tiny House Village

7. Wer sind die Zielkunden von TechTinyHouse?

Die Zielkunden für unsere Tiny Houses sind keine homogene Gruppe. Vielmehr gibt es einige separate Gruppen, die zusammen unsere Zielgruppe bilden.

Einerseits sind es Menschen, die auf kleiner Fläche wohnen möchten. Meist ist die Motivation, mit wenig materiellen Dingen auskommen, selbstbestimmter leben zu wollen. Dies sind oft Menschen mittleren Alters, die für sich gesehen haben, dass ein Leben im materiellen Überfluss leer werden kann, und oft sind es junge Menschen, die anders als ihre Elterngeneration leben und weniger in materielle Dinge investieren möchten.

Dann sind es Menschen, die auch im Wohnen mobil sein möchten. Das sind z.B. sogenannte digitale Nomaden, aber auch Studenten oder Azubis, für die ein langfristiger Wohnsitz noch nicht feststeht, die aber trotzdem in einer nach eigenen Wünschen gestalteten Wohnumgebung leben möchten. Es können auch ältere Personen sein, für die nach dem Auszug der Kinder aus der elterlichen Wohnung diese zu groß geworden ist und die die Option haben möchten, jeweils längere Zeit in der Nähe ihrer Kinder verbringen zu können ohne in deren Haushalt leben zu müssen.

Weiterhin gehören zu unseren Zielkunden auch Personen, die ein mobiles kleines Haus als Wochenend- oder Ferienhaus nutzen möchten. So können sie z.B. in reizvoller, jeweils neu ausgesuchter Umgebung Natur tanken und sind doch immer in ihren eigenen vier Wänden.

Schlussendlich wollen wir auch den öffentlichen und gewerblichen Bereich mit mobilem Raum für vielerlei verschiedene Einsatzzwecke bedienen.

8. Und welchen USP bietet Ihr Euren Kunden, die sie beim Wettbewerb nicht bekommen?

Unser USP besteht im Wesentlichen in drei Punkten:

  1. ist es die räumliche Größe, die wir bieten können. Durch unsere Leichtbaumethoden und -materialien können wir wesentlich größer bauen als der Wettbewerb. Derzeit sind in Deutschland Tiny Houses von maximal ca. 8m Hauslänge erhältlich. Wir können bis zu 10,7m lang bauen, was in Anbetracht der Maximallänge des Anhängers von 12m nach StVO und eines Zugholms von minimal 1,3m die größtmögliche Länge darstellt. Und nicht zuletzt schaffen wir durch Leichtbau die Möglichkeit, verschiedene Designoptionen oder technische Systeme zu integrieren, ohne die Gewichtsgrenze für Fahrzeuge mit BE-Führerschein von 3,5t zu überschreiten. Solche Designoptionen können z.B. wesentlich größere Fenster- und Türflächen sein. Bezüglich technischen Systemen denken wir z.B. an eine vergleichsweise leistungsstarke Photovoltaik, oder Brennstoffzellen, oder Wasseraufbereitung, etc.
  2. ist es die Stabilität und damit Sicherheit und Werthaltigkeit. Mit Unterstützung externer Ingenieure haben wir ein parametriertes Vorgehen für die Berechnung der statischen Eigenschaften von Chassis und Ständerwerk im Verbund aufgebaut. Wir modellieren, analysieren und optimieren diese tragenden Einheiten des Tiny Houses mithilfe von Ingenieursoftware und -methoden. So erzielen wir Sicherheit z.B. auch bei einem 50-Jahressturm oder bei Kurvenfahrten unter Windlast. Überdies erzielen wir sehr hohe Präzision in der Verarbeitung durch eine Vorfertigung auf Basis des Dateioutputs aus unser computergestützten Konstruktion. Weiterhin verwenden wir besonders stabile Materialien wie einen zugfesteren Stahl für das Chassis und Brettschichtholz statt Vollholz für das Ständerwerk.
  3. ist es die Individualität des Tiny Houses, die wir bieten können. Dies wird einerseits durch unsere umfangreiche Material- und Designbibliothek, andererseits durch unseren Design- und Konstruktionsprozess ermöglicht, der besonders viel Interaktionsmöglichkeiten mit unseren Kunden bietet. Wir designen und konstruieren in CAD, so dass wir unseren Kunden zu jedem Zeitpunkt den Stand der Konstruktion begutachten lassen und Rückmeldungen unmittelbar einbeziehen können. Dazu bieten wir eine Visualisierung der Konstruktion in VR an, so dass Kunden frühzeitig einen besseren Eindruck von Ästhetik und Wohngefühl in ihrem zukünftigen Tiny House erhalten können und so teure und zeitaufwändige Fehlentwicklungen besser vermieden werden können.
Brendan von TechTinyHouse erklärt das selbstentwickelte Ständerwerk

Brendan von TechTinyHouse erklärt das selbstentwickelte Ständerwerk

9. Speaking of Wettbewerb: Könnt Ihr Eure spezielle Marktnische einmal beschreiben und wie stark ist der Wettbewerb dort?

Der Markt der Tiny Houses ist in Deutschland stark fragmentiert. Es gibt wenige größere Anbieter, die eher konventionell und handwerklich arbeiten. Daneben gibt es mittlerweile eine Vielzahl kleinerer Anbieter, die Tiny Houses meist als Nebenerwerb anbieten oder als Gelegenheitsarbeit bauen.

Insofern erscheint der Wettbewerb als sehr stark. Da jedoch alle diese Anbieter mit traditionelleren Methoden arbeiten als wir sehen wir unsere Marktnische im Qualitätssegment: Wir punkten mit unseren USPs – Individualität durch die Vielzahl unserer Material- und Designkonzepte sowie unsere starke Kundeneinbindung in Design und Konstruktion; Sicherheit durch ingenieurmethodisches Vorgehen, insbesondere berechnete Stabilität des Gesamtsystems und Präzision durch computergestützte Vorfertigung, und durch Werthaltigkeit der Materialien, Komponenten und Gesamtkonstruktion; Komfort durch Größe, Integration von technischen Systemen oder anderen Designoptionen und durch eine umfangreiche Materialauswahl.

Als Anbieter im oberen Marktsegment, der durch einen hohen Automatisierungsgrad in der Lage ist, höchste Qualität zu akzeptablen Preisen anzubieten und breiten Marktbedürfnisse zu entsprechen sehen wir uns gut für den Wettbewerb gerüstet.

10. Gebäude zu bauen ist unglaublich Kapital-Intensiv. Der Vorteil von digitalen Startups ist, dass sie im Prinzip nur Rechner, Strom, ein Büro und Arbeitskraft bezahlen müssen, aber kein Holz, Stahl, Beton, Schrauben und andere teure Werk-Materialien.
Wie habt Ihr dieses Problem gelöst?

Wir haben keinen magischen Trick angewandt. Wir waren einfach in der komfortablen Situation, dass wir zwei wichtige Geldquellen hatten:  Einnahmen aus einem vorigen Startup von Brendan und Eigenmittel.

Das reicht, solange das Unternehmen langsam wächst. Sobald wir die Chance zu schnellerem Wachstum erhalten, werden wir uns nach externen Geldquellen, wie z.B. Venture Capital oder Bankkrediten umsehen.

Tiny House Design analog

Tiny House Design analog

11. Welche 3 Tipps würdet Ihr Gründern geben – insbesondere, wenn sie nicht in Berlin, dem Valley oder anderen Hotspots starten können?

Nummer 1: Euer Produkt muss eines sein, für das ihr brennt. Ist es nur eine coole Idee, die keine innere Begeisterung in euch auslöst, wird es sehr schwer werden. Dann ist es schwer, die ungeheure Energie zu mobilisieren, die notwendig ist, ein Startup im Angesicht aller Probleme, die auftauchen werden und mit dem dazu notwendigen Zeitaufwand zum Erfolg zu führen.

Nummer 2: Euer Team muss stimmen. Natürlich muss es die verschiedenen für das Projekt notwendigen Kompetenzen beinhalten oder einbinden können. Aber das reicht noch lange nicht. Praktisch ebenso wichtig ist, dass jedes Teammitglied ohne Ausnahme für das Produkt brennen muss.

Nummer 3: Eure Köpfe müssen offen sein. Nicht nur für die vielen neuen Informationen und Kompetenzen, die ihr absorbieren und verarbeiten müsst um eure Aufgaben bewältigen zu können. Sondern auch dafür, dass eure Pläne und Ziele immer wieder geändert, an eure Erfahrungen und an externe und interne Gegebenheiten angepasst werden müssen. Vielleicht entdeckt ihr, dass eure Zielkunden andere Anforderungen oder Prioritäten haben als die, die ihr erfüllen wollt. Oder ihr merkt, dass inzwischen starke Mitbewerber aufgetreten sind. Oder ihr habt technische Probleme, die die anvisierte Lösung in Frage stellen.

Dann muss das Projekt noch lange nicht gescheitert sein. Dann steht die Beantwortung der Frage an, wie können wir auf die neue Situation reagieren, aus ihr das beste machen, vielleicht sogar Nutzen daraus ziehen?

Ja, und ganz wichtig – obwohl die Nummern 1 bis 3 schon aufgebraucht sind: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Die Botschaft über euer Projekt und seine Einzigartigkeit breit streuen, über verschiedenste Kanäle. Man weiß nie, wozu die Kontakte gut sein können. Und aus Kontakten und der Info zu eurem Projekt ergeben sich manchmal ungeahnte Folgeaktionen.