Stellt Euch vor, Ihr könntet das Tagebuch des mächtigsten Menschen der Welt lesen und daraus lernen. Interesse? Dann bleibt kurz dran. Philosophie hat sich in den vergangenen hundert Jahren stark zu einer abgehobenen und akademischen Elfenbeinturm-Disziplin entwickelt, mit der die meisten Menschen nichts mehr anfangen können. Dabei gibt es philosophische Schulen, die insbesondere für den Geschäftsalltag im allgemeinen und den von Startups im besonderen sehr hilfreich sein können. So auch die stoische Philosophie.

Wir können nicht alles kontrollieren, was um uns herum passiert. Aber wir können kontrollieren, wie wir darüber denken und wie wir mit dem umgehen, was passiert. Wir entscheiden darüber, ob wir mit Rückschlägen produktiv oder destruktiv umgehen. Dazu müssen wir uns gut selbst einschätzen können, die Ruhe bewahren und vorbereitet sein. Das Gründer-Leben kann voller Hürden und Rückschläge stecken. Gut, wenn ich dann auf erprobte Strategien zurück greifen kann.

Diese praktische Anwendbarkeit einer antiken Philosophie und Autoren wie Tim Ferriss und besonders Ryan Holiday haben mit ihren Büchern, Podcasts und Blogartikeln für immer größere Popularität in der Startup-Szene gesorgt.    

Die stoische Philosophie von Marc Aurel, Seneca, Cicero und Epiktet

Vielen geht es vermutlich wie mir: Marcus Aurelius ist einem nur noch als der römische Kaiser am Anfang von Russel Crowes Gladiator ein Begriff. Tatsächlich war Marcus Aurelius zu seinen Lebzeiten der mächtigste Mensch der Welt und hielt in seinen Aufzeichnungen fest, wie er mit der Welt umging. Aus diesem Grund wird er von vielen „echten“ Philosophie-Lehrenden übrigens auch für zu wenig akademisch gehalten. Aber: Der Mann hat einfach schriftlich nachgedacht. Für sich allein um besser zu werden und über sich selbst zu reflektieren. Nicht, um 2000 Jahre später noch als gutes Beispiel zu deinen, wie man erfolgreich das Startup-Leben meistert.

Seneca war ebenfalls einer der mächtigsten und reichsten Männer seiner Zeit (ungefähr 100 Jahr vor Marc Aurel). Er arbeitete als Naturforscher, Politiker, Schriftsteller und Berater des Kaisers Nero. Die Zeit von Epiktet lag zwischen Seneca und Mark Aurel. Er schaffte es aus dem Sklavendasein in Rom zum philosophischen Lehrer mit eigener Schule.

Ein paar Beispiele für stoische Philosophie im Startup-Alltag gefällig?

Mark Aurels antike Version von Fail fast, fail often:
„Empfinde keinen Ekel, laß deinen Eifer und Mut nicht sinken, wenn es dir nicht vollständig gelingt, alles nach richtigen Grundsätzen auszuführen; fange vielmehr, wenn dir etwas mißlungen ist, von neuem an und sei zufrieden, wenn die Mehrzahl deiner Handlungen der Menschennatur gemäß ist, und behalte das lieb, worauf du zurückkommst.“ Marcus Aurelius Wikipedia
Eine typischere Haltung für Startup-Gründer als diese gibt es wohl nicht: Wenn etwas schief geht: Lerne aus deinen Fehlern, werde besser und fange von vorne an.  

Senecas Version von Steve Jobs Zitat aus der Stanford-Rede „Wenn heute mein letzter Tag wäre, würde ich dann tun wollen, was ich heute tun werde?“ lautet:
„Sieh jeden einzelnen Tag so an, als wäre er ein einzelnes Leben.“
Die Stoiker sahen jeden Tag voller neuer Möglichkeiten zu lernen, zu lehren und neues zu erschaffen. Dabei waren sie sich ständig darüber bewusst, dass sich jeden Augenblick alles ändern konnte. Ein schlechter Tag endet. Ein neuer beginnt. Und die stoische Haltung erlaubt es dem schlechten Tag nicht, zu einer schlechten Woche zu werden. Kleine Ursachen können zu einer Kettenreaktion führen: Im negativen aber auch im positiven.
Eine ganz wesentliche Eigenart der Stoiker ist es, sich bewusst unangenehmen Situationen auszusetzen und die Komfortzone zu verlassen. Wenn ihr noch nicht so weit gehen wollt, eine Woche lang die gleichen Klamotten zu tragen und euch von 1-Euro-Nudeln zu ernähren, um euch daran zu erinnern, dass ihr eigentlich nichts zu befürchten habt, gibt es eine andere praktische Übung:
Geht im Geiste die Worst Case Scenarios Schritt für Schritt durch. Was kann passieren? Was kommt danach? Wie geht es euch damit? Wird die Situation wirklich so schlimm sein wie befürchtet? Oft verlieren schwierige und sogar beängstigende Situationen ihre Bedrohlichkeit, wenn wir sie bewusst durchspielen. Zum einen fühlen wir uns dann vorbereitet und können uns Ausweichstrategien zurecht legen. Was kann ich tun, um aus der schwierigen Situation heraus zu kommen? Wer kann mir helfen? Was kann ich heute in meiner sicheren Position für den falle eines Falles vorbereiten? Dadurch stellen wir fest, dass wir eigentlich gar nicht so viel zu befürchten haben. Aber Vorsicht: Das bedeutet mitnichten, leichtsinnig oder leichtfertig mit wichtigen Entscheidungen und Situationen umzugehen.

Senecas Idee davon, wie wir mit Problemen im Alltag umgehen können: „Wir können den Wind nicht bestimmen, aber wir können die Segel richtig setzen.“
Epiktet drückte diese zentrale Erkenntnis so aus: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“
Marc Aurel bringt es ganz kurz auf den Punkt: „Unser Leben ist das, wozu unser Denken es macht.“
Ihr habt es in der Hand, wie ihr mit kleinen und großen Widrigkeiten umgeht: Was im ersten Moment nach einem herben Rückschlag aussieht, kann auch zu einer Chance für eine Optimierung eures Geschäftsmodells werden. Wichtig ist, ruhig und besonnen über jede Situation nachzudenken und bewusst zu entscheiden, was sie für euch bedeutet. Übrigens gilt das nicht nur für negative Umstände! Auch die positiven Seiten des Gründerlebens sind davon geprägt, was ihr über sie denkt. Schlussendlich habt ihr über viele Umstände keine Kontrolle. Nur darüber, wie ihr mit dem Umstand umgeht. 

Seneca hat sich auch zum Thema Ziele mit einer Segler-Metapher geäußert: „Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“
Als Gründer solltet ihr ebenfalls sehr genau wissen, wo euch welche Entscheidung für euer Startup hinführen soll. Um das Zitat mal weiter zu denken: Ein Investor könnte euch eine dreistellige Millionensumme überweisen – wenn ihr nicht wisst wohin ihr euer Unternehmen entwickeln wollt, wisst ihr auch nicht wofür ihr das Kapital einsetzen sollt. Bei jeder Entscheidung und Handlung solltet ihr euch im klaren sein, in welche Richtung sie euch führen soll. Sonst arbeitet ihr den ganzen Tag eure Mailbox ab, bis ihr Inbox Zero erreicht habt, ohne aber nur einen Schritt eurem Ziel näher gekommen zu sein.

Ein moderner Stoiker ist nach Nassim Taleb im Buch „Der schwarze Schwan“ jemand, „der Angst in Klugheit transformiert, Schmerz in Information, Fehler in neue Chancen und Wünsche in Unternehmungen.“

Genauso sind Gründer Menschen, die Probleme in neue Möglichkeiten und Business umwandeln. Jeder Rückschlag aus dem ihr lernt und jede Herausforderung, die ihr meistert, macht euch täglich besser als euer Wettbewerb.

Dazu ist es nötig, euch selbst einschätzen zu können, eure Befürchtungen und eure Motivation zu kennen. Dann könnt ihr eure Entscheidungen genau prüfen: Trefft ihr eine Entscheidung, weil sie euch und euer Unternehmen wirklich eurem Ziel einen Schritt weiter bringt? Oder nur, weil die Entscheidung bequemer ist. Oder sogar weil ihr Angst vor der schwer wiegenderen Entscheidung habt? Findet heraus, warum ihr Schwierigkeiten mit einer Entscheidung habt und es wird euch viel leichter fallen, die richtige zu treffen.

Auch die beste Philosophie ist nur so gut wie die eigene Anwendung

„Soll ich etwa nicht den Spuren der Vorgänger folgen? Wahrlich, ich werde den alten Weg einschlagen; finde ich aber einen geeigneteren und ebeneren, so werde ich mich an diesen halten. Die Menschen, die vor uns diese Lehren aufbrachten, sind nicht unsere Gebieter, sondern unsere Wegweiser. Die Wahrheit steht allen offen, sie ist nicht vergeben. Künftigen Generationen wird noch ein großer Teil ihrer Erforschung überlassen sein.“

Wenn ihr euch zwischenzeitlich gefragt habt: „Wie soll ich DAS denn in meinen Alltag einbauen?“ Habt ihr damit eine mögliche Antwort: Findet euren eigenen Weg und haltet euch nicht sklavisch an Vorgaben und Weisheiten. Weder an die von antiken Philosophen noch an die von erfolgreichen Entrepreneuren und Gründern. Nehmt Euch das mit, was für euch passt. Experimentiert setzt daraus eure eigene praktische Philosophie und euer persönliches Betriebssystem zusammen.

Hier könnt Ihr mehr über die moderne Anwendung stoischer Philosophie erfahren:

Und natürlich die Klassiker lesen:

Und natürlich gibt es auch andere Meinungen dazu. Pete Ross hat seine Meinung zur Arbeitsmoral im Silicon Valley in diesem Medium Artikel aufgeschrieben, in dem er anregt nicht immer nur an Arbeit, optimieren und besser werden zu denken.

Jedem das seine. Macht was draus 😉

Artikelbild: Marcus Aurelius Statue – Piazza del Campidoglio  von Jean-Pol GRANDMONT unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz