Bist du ein Mensch? 4   +   6   =  

 

Da hast du als IT-Startup über Monate oder auch Jahre alle kleinen Steinchen zusammengefügt, bis das Mosaik Sinn ergibt: die Unternehmensidee ist programmiert, das Team zusammengewachsen, Investoren und Kooperationspartner sind an Bord. Jetzt nur noch ein erster Testlauf und dann raus und den Markt begeistern. Läuft! Denkst du zumindest. Doch dann kommt alles völlig anders: Noch bevor es überhaupt richtig losgeht, hagelt es Kritik aus allen Ecken der Öffentlichkeit. Ein Entwickler-Albtraum!

Genau so einen Horror durchleben gerade die Macher des Projekts „Schutzranzen“. Das Konzept: Mehr Sicherheit für Schulkinder im Straßenverkehr. Hört sich doch erst einmal richtig toll an. Erreicht werden soll es durch eine übergreifende Big Data-Lösung: GPS-Tracker in Tornistern senden ihre Standorte in die Cloud, die wiederum überträgt die Daten an Autos. Sind Kinder mit GPS-Tracker in der Nähe, erhält der Fahrer einen Warnhinweis und kann sich entsprechend auf Kinder einstellen. So weit, so gut.

Wirklich gut? Finden die Kritiker gerade gar nicht. Grund: massive Datenschutzbedenken. Zwar hat der Entwickler mittlerweile immer wieder betont, dass die Daten der Kinder in der Cloud anonymisiert werden – aber tatsächlich stößt sich mancher an einer Zusatzfunktion: Eltern können ihre Kinder nämlich über die Schutzranzen-App orten.

Dafür muss die Funktion im Sender aktiviert sein – und auch hier betont der Entwickler, dass jedes Kind freiwillig entscheiden könne, ob es möchte, dass die Eltern seinen Standort jederzeit sehen können oder nicht. Aber seien wir mal ehrlich: Wenn Helikoptereltern einem Erstklässler einschärfen, dass das Ding an bleibt – was wird das Kind wohl tun?

Es wird interessant zu sehen, ob und wie der Schutzranzen weiterentwickelt wird. Grundsätzlich – und gerade im Hinblick auf viele Frage- und Problemstellungen, die das automatisierte Fahren mit sich bringen wird – weist dieses Beispiel sicherlich einen möglichen Weg, wie die Vernetzung von Mensch und Verkehr in Zukunft aussehen könnte. Gleichzeitig werden Fallstricke offensichtlich, über die Startups und Entwickler stolpern können.

„Bei der personalen Totalüberwachung ist für die meisten Nutzer Schluss“, sagt Peter Schaar, der von 2003 bis 2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit war. Heute ist Schaar Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID). Über Anonymisierung, Fallstricke und Chancen für Entwickler sprachen wir mit ihm im Interview.

Quelle: peter-schaar.de

Quelle: peter-schaar.de

Startup Region OWL: Wie kann es sein, dass unsere Gesellschaft auf der einen Seite Apps gut findet, die massenhaft Daten sammeln, andere Anwendungen aber einen regelrechten Shitstorm erleben – wie man jetzt gut am Beispiel des Projektes Schutzranzen sehen kann?

Peter Schaar: Wer sagt denn, dass Programme, die blind Daten sammeln, auf breiter Front mit Freude akzeptiert werden? Dem würde ich erst einmal widersprechen. Vieles wird doch da eher zähneknirschend hingenommen. Da herrscht eine Art Fatalismus in der Gesellschaft. Tatsächlich fühlt sich ein Großteil der Nutzerinnen und Nutzer doch viel zu viel beobachtet. Aber mittlerweile herrscht eben die Meinung, dass man kaum etwas dagegen unternehmen kann, wenn Facebook, Google, Twitter oder andere unsere Daten sammeln und für ihre Geschäftszwecke auswerten.

Startup Region OWL: Ein Grund dafür, dass die Öffentlichkeit bei neuen Angeboten um so kritischer hinschaut?

Schaar: Das aktuelle Beispiel demonstriert sehr deutlich, dass technisch immer mehr möglich ist. Bis hin zur Totalüberwachung. Es gibt ja auch nicht wenige Eltern, die ihre Kinder am liebsten rund um die Uhr im Blick haben möchten – bei uns, aber auch in anderen Ländern. Aus Großbritannien kennen wir etwa Systeme mit GPS-Sendern, die in Kinderkleidung eingenäht sind. So eine Rundum-Überwachung geht vielen aber eben zu weit – zum Glück! Und für manchen Menschen scheint es eher akzeptabel zu sein, wenn Algorithmen ihre Daten auswerten, als wenn das Menschen übernehmen. Das halte ich aber für eine ziemlich schräge Sichtweise, denn mit der automatischen Überwachung ergeben sich zusätzliche Risiken, gerade wenn es sich um große Datenmengen handelt.

Startup Region OWL: Hätte man da vielleicht mit einer besseren Marketingstrategie seitens der Entwickler mehr erreicht?

Schaar: Da bin ich mir nicht so sicher, denn das System ist ja gleich in mehrfacher Hinsicht höchst problematisch. Mit Recht darf man zum Beispiel fragen: Sollen Autofahrer jetzt vor allem darauf achten, ob ihr Fahrzeug Kinder mit GPS-Tracker in der Nähe sind? Was ist mit den anderen, die kein Signal aussenden? Wie wirkt sich die Dauerüberwachung auf die Kindesentwicklung aus? Und schließlich gibt es noch einen ganz gravierenden Haken: Was wenn Pädophile so ein System nutzen, um sich gezielt auf eine Umkreissuche nach Opfern machen? Das möchte man wirklich nicht zu Ende denken.

Startup Region OWL: Unterm Strich also eine neue Anwendung mit so einigen kritikwürdigen Punkten. Dafür ein gutes Beispiel, um wie viele Ecken Entwickler in Startups denken müssen?

Schaar: Auf jeden Fall ein gutes Beispiel dafür, dass eindimensionales Denken zu kurz greift – und das in mehrerlei Hinsicht. Wer neue technische Möglichkeiten erkundet, muss auch an mögliche Nebenwirkungen denken. Dienste sollten so konzipiert werden, dass der Einzelne als Mensch gesehen und nicht auf einen Datenpunkt reduziert wird. Das gilt ganz besonders für Apps, die Kinder oder andere hilfsbedürftige Menschen unterstützen sollen. Es geht generell um eine Minimierung an Daten und Zugriffsmöglichkeiten und letztlich auch darum, sensible persönliche Daten eben nicht weltweit zu streuen.

Startup Region OWL: Was sollten Entwickler unbedingt beherzigen, wenn sie ein neues Projekt angehen?

Schaar: Ganz wichtig ist, dass jeder Nutzer selbst darüber bestimmt, welche Daten er preisgibt. Und, das wird oft vergessen: Diese Entscheidung muss jederzeit auch rückholbar sein. Eine Zustimmung darf nicht für immer und ewig gelten. Wenn ich mich umentscheide, dann muss auch gewährleistet sein, dass meine Daten komplett gelöscht werden.

Startup Region OWL: Wird es immer für jede neue Anwendung, die persönliche Daten benötigt, auch eine datenschutzkonforme Lösung geben?

Schaar: Immer bestimmt nicht, aber sicherlich in deutlich mehr Fällen, als man denkt. Oft kommen Anwendungen mit eigentlich mit anonymisierten Daten aus. Leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse