Dieses Interview mit Richard Gutjahr ist besonders für zwei Personengruppen interessant: Einerseits für Gründer, die von Richard lernen können, zwei unterschiedliche berufliche Rollen in Perfektion zu verbinden. Denn Richard ist sowohl Entrepreneur als auch Journalist.

Andererseits möchten wir Fach-Experten aus dem Mittelstand, die eigentlich noch gar nicht so richtig etwas mit Startups zu tun hatten dazu inspirieren, ihr Wissen und ihre Erfahrung im Startup-Ökosystem OWL zum Einsatz zu bringen.

Richard hat als Journalist die Digitalisierung nicht nur sehr früh als Thema behandelt sondern auch als Arbeits-Werkzeug genutzt. Wie ein Entrepreneur hat er sich eigene Aufträge gegeben und diese mit der Hands-On Herangehensweise und dem Spirit eines Startups umgesetzt.

Ein paar Beispiele: Er war der erste! Mensch, der das iPad 1 kaufte als es auf den Markt kam – nach 23 Stunden Schlange stehen vorm Apple Store NY. Als der arabische Frühling begann, entschloss Richard sich, mit dem Smartphone aus Ägypten zu berichten und war in der ersten Phase des Journalismus-Startups Krautreporter dabei. Später wurde er dann Berater des Startups Laterpay.

Bevor Richard bei der SAP-Konferenz und Hausmesse der Bielefelder itelligence auf die Keynote-Bühne ging und mit dem Publikum einen Blick auf das Next Big Thing der Digitalisierung 2030 warf, konnten wir ihm ein paar Fragen stellen:

Richard, wie stellst Du Dich heute jemandem vor, der noch nie von Dir gehört hat?

Hervorragende Frage! Ich komme immer in die Verlegenheit, zu erklären: Bin ich Reporter? Ja! Moderator? Ja, als solcher bestreite ich einen Hauptteil meines Einkommens! Bin ich Blogger? Definitiv. Journalist oder Berater? Ein guter Freund und Gründer des Startups LaterPay hat mir mal gesagt: „Richard, es gibt gar keine Frage: Du bist ein Journalism Entrepreneur.“

Und wieviel Entrepreneur steckt in Richard Gutjahr?

Viel zu wenig! Aber mehr als ich dachte. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht geplant heute da zu sein, wo ich bin: Ich wollte Journalist werden, um in einer Redaktion einem geregelten Arbeitsleben nachzugehen. Mein Traum war es: Als Korrespondent von Land zu Land geschickt zu werden. Dann kam das Netz und die Digitalisierung und plötzlich war alles anders.

Das irre daran ist: Egal was ich gemacht habe: iPad, Kairo und viele Dinge, die man nicht planen kann, habe ich besonders eine Erkenntnis daraus gezogen. Wenn Du eine Idee hast, daran glaubst und sie auch noch umsetzt, wenn dir alle anderen sagen „Das klappt nie!“, dann war meine Erfahrung in den letzten Jahren: Der Erfolg findet dich, wenn du kontinuierlich an deiner Idee arbeitest. Und Geld kommt auf Arten, die du vorher unmöglich antizipieren konntest.

Wie kam es zu der Arbeit als Startup-Berater für Laterpay?

Cosmin Ene, der Gründer von Laterpay wurde parallel zu mir von der gleichen Idee umgetrieben. Schon bevor wir uns kannten sind wir beide davon ausgegangen, dass Journalismus kein Mittel zum Zweck ist, um Geld zu verdienen. Sondern einen Service zu bieten. 2013 schrieb ich eine Art verlängerten Leserbrief an Spiegel Online im Rahmen der Initiative Zeitung 2020. Daraufhin meldete sich ein Partner von Laterpay und sagte. „Das was Du da beschreibst, das gibt es schon. Wir haben da schon einen Prototypen. Dürfen wir dir diesen mal zeigen?“

Und wenn du vom Kunden her denkst – in diesem Falle dem Leser und nicht zuerst: “Wie verdienen wir damit Geld?” dann kommst du von ganz alleine auf eine funktionierende Lösung. Die Leser im Netz haben grundsätzlich kein Problem damit, im Internet zu bezahlen. Das sieht man an Apps, an virtuellen Produkten in Handy-Games und auch am Verkauf von Musik im Netz.

Ich mache den Erfolg eines Produktes vor allem an 4 Punkten fest:

  • Bequemlichkeit
  • Qualität
  • Geschwindigkeit
  • Preis/Leistung

Vor über 7 1/2 Jahren hatte Richard sich bereits Gedanken zum Bezahlen im Netz und Spiegel, Focus und Süddeutsche online gekauft:

Kannst Du beschreiben, wie deine Zusammenarbeit mit dem Startup Laterpay aussieht?

Eines der ersten Dinge, die ich Laterpay damals vorgeschlagen hatte war: Anstatt große Verlage anzugehen, erstmal mit Bloggern zusammen zu arbeiten. So konnten wir mit einem WordPress-Plugin unter dem Radar das Produkt entwickeln und als produktive Beta-Tester halfen sie uns, viele Verbesserungen einzubringen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Denn: Eines der größten Probleme vor dem wir standen war „Was ist denn ein einzelner Artikel überhaupt für den Leser wert?“

Die berühmte iTunes-Frage: Für welchen Preis kannst Du eine CD verkaufen, wenn Du sie digital in die einzelnen Songs aufsplittest und nicht mehr in die physische Produktion und den teuren Vertriebsweg investieren musst? Zwischen den Eckpunkten kostenlos – individuelles Kundeninteresse – überteuertes Bundle fand Steve Jobs dann nach jahrelangen Verhandlungen mit den Plattenfirmen mit 99 Cent den optimalen Preis. Es musste dieser One Click Button Effekt entstehen.

Anm.: Eine ähnliche Vorgehensweise hatten wir im Growth Hacking Artikel beschrieben. Buffer ist ähnlich vorgegangen. Neben dem Testen verschaffen Blogger einem guten Produkt ganz automatisch auch Reichweite und Aufmerksamkeit bei Unternehmen und Institutionen.

Wie kann ein Startup lernen, vom Kunden her zu denken?

Mir fiel das insofern immer recht leicht, da ich genug Egomane bin und meine Meinung als Kunde für die wichtigste halte. Wenn ich mich über ein Produkt oder eine Leistung ärgere, dann kritisiere ich nicht nur, sondern versuche es besser zu machen. Ein Business Model mit konstruktiven Überlegungen in die richtige Richtung zu pushen macht zudem ja auch Spaß.

Anm.: Natürlich gibt es auch zahlreiche Werkzeuge und Methoden, wie ihr bei der Entwicklung eines Produkts bewusst die Kundenperspektive einnehmen könnt. Hier haben wir ja schon einmal Design Thinking beschrieben.

Welche Erkenntnisse hast Du für Dich aus deinem Engagement als Startup-Advisor gezogen?

Das größte Geschenk aus der Partnerschaft war für mich, in ein Umfeld zu kommen, in dem ich auf Menschen treffe, die hungrig sind und an etwas glauben. Die nicht nur ihre Arbeitszeit absitzen, sondern von einer Mission angetrieben sind. Egal ob Designer, Coder, Buchhalter oder Jurist. Dieser Spirit ist ansteckend. Natürlich gehören auch große Schwankungen dazu. Von himmelhoch jauchzend bis hin zur fast Aufgabe ist manchmal alles dabei. Aber das mag ich persönlich lieber, als wenn das tägliche Highlight der Kantinenplan ist.

Allein das Gefühl: „Hey, wir haben es zumindest probiert“ ist etwas sehr befriedigendes, das du für Geld nicht kaufen kannst.

Was würdest du anderen Experten raten, die ihre Branchenerfahrung an Startups weiter geben wollen?

(Anm. der Redaktion : Abgesehen von Deiner Herangehensweise, einfach Deine eigenen Gedanken zu veröffentlichen und damit ein dir bisher unbekanntes Startup auf dich aufmerksam zu machen.)

Mir hat der persönliche Austausch mit Menschen geholfen, die etwas vergleichbares bereits gemacht haben. Das können Branchenkollegen aber auch vollkommen branchenfremde Leute sein. Die Magie entsteht ja meistens erst dann, wenn du dich mit sehr unterschiedlichen Leuten zusammen tust.

Wo ihr diese kennenlernt? Auf Veranstaltungen. Hackathons, Vorträgen, Barcamps, Workshops, Konferenzen, Meetups. Besonders auf Events, auf denen du Leute kennen lernst, denen du sonst nie über den Weg laufen würdest. Der interdisziplinäre Umweg führt dich oft viel schneller zum Ziel, als das, was du schon immer getan hast.

Klar ist es wichtig, Leute mit den richtigen Qualifikationen zu finden. Was mir aber zu Anfang viel mehr gebracht hat war, Menschen zu treffen, die den Startup-Spirit gelebt haben.

Ein Tipp, den du dir selber geben würdest, wenn du eine Zeitmaschine benutzen könntest:

(Anm. der Redaktion: Übrigens hat Richard sich hier mit dem Thema Zeitmaschine zum Zurück in die Zukunft Reisetag von Marty McFly auseinandergesetzt.)

Ich würde sowohl im professionellen wie auch im privaten Umfeld Menschen meiden, die sehr negativ sind und mich eher runter ziehen. Stattdessen würde ich mich mit Menschen zusammentun, die Lust haben neues zu schaffen und mit denen ich mich gegenseitig weiterentwickeln kann. Wenn Du statt „Hoffentlich geht heute nichts schief!“ mit dem Gefühl aufstehst: „Was kann ich heute erreichen?“ ziehst Du einfach Menschen an, die gleich drauf sind und dich weiter bringen.

(Anm. der Redaktion: Veranstaltungen bei denen ihr in Ostwestfalen solche Leute findet, stellen wir euch hier jeden Freitag in unserem News- und Event-Überblick vor.)

Letzte Frage, die gleichzeitig auch Titel Deiner Keynote ist: Was ist „The Next Big Thing?“ in der Digitalisierung?

Vor kurzem wurde auf dem neuen Campus in Cupertino das 10. iPhone vorgestellt. Ich glaube, dass wir 10 Jahre nach dem ersten iPhone den Startschuss für Augmented Reality in der breiten Masse erleben werden.

Augmented wird mehr als Virtual Reality das nächste große Ding sein, da ich mir keine Branche und kein Unternehmensfeld vorstellen kann, in der Augmented keinen echten Mehrwert bringen wird. Ob Modebranche, Maschinenbauer oder Innenarchitekt: AR wird eine neue Welle von App-Hype erzeugen, von dem nicht nur Programmierer und Designer profitieren. AR kann klassischen Gewerben und gerade dem Mittelstand einen Push verschaffen und zur lang ersehnten Digitalisierung verhelfen.

Und das ist natürlich gleichzeitig eine ganz große Chance für Startups und Gründer, diese traditionellen Unternehmen zu unterstützen und passende Produkte zu bauen.

Vielen Dank Richard, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast und hoffentlich bis bald mal wieder in Ostwestfalen!

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