Vor kurzem wurde das milliardste iPhone verkauft. Das Gerät, mit dessen App-Store 2008 eine Form von Software entstand, die für viele Startups bis heute die Existenzgrundlage bildet:

Die App.

Die Tech-Seite Recode hat sich im Juni 2016 einige Statistiken des App-Userverhalten in den USA angeschaut und kommt zu dem Schluss: Der App-Boom ist vorbei. Neben diversen aktuellen Charts wird eine Zahl aus dem Jahr 2014 zitiert, die besagt: Der durchschnittliche amerikanische User lud pro Monat genau Null Apps herunter. Die Menschen scheinen alle Apps zu haben, die sie brauchen.

Ist auch klar: Mit Facebook, Whatsapp, Instagram, Snapchat, Candy Crush, Twitter, eBay und amazon, Uber und PokemonGO sind die digitalen Grundbedürfnisse ja so gut wie erschlagen.

Oder?

Wie sieht der globale App-Markt aus?

Der weltweite App-Markt wächst im Gegensatz zu dem in den USA momentan noch etwas optimistischer. Und das ist ebenfalls logisch: Apps wie Snapchat benötigen eine kritische Masse an Usern, bis sie exponentielles Wachstum erreichen. In den meisten Fällen entsteht diese kritische Masse recht schnell auf dem US-Markt und verbreitet sich dann weltweit deutlich langsamer. Ausnahmen wie Eunicorns gibt es immer wieder, sind aber selten.

Damit sieht es trotzdem so aus, als wäre es für Startups, deren Kernprodukt eine App ist, immer schwieriger zu skalieren.

Meiner Meinung nach ist das Schwarzmalerei, totaler Quatsch und Wirklichkeitsverzerrung. Schauen wir uns nur mal die 12 Apps an, die monatlich mehr als eine Milliarde User haben. Da fliegen schon viele der oben genannten direkt wieder raus. Übrig bleiben nur noch 3 Hersteller:

Facebook, Google (alleine mit 7 Apps) und Microsoft!

Als Gründer sollte man sich nicht an der absoluten Obergrenze des möglichen bewegen. Skalierbarkeit ist wichtig. Aber Skalierbarkeit hängt immer von der Massentauglichkeit meines Produktes und letztlich auch vom Preis ab, den meine Kunden zu zahlen bereit sind. Die Antwort liegt vielmehr in der Obergrenze der optimalen Nische:

  • Welche Menschen wollt Ihr mit Eurer App erreichen?
  • Warum sollten diese Leute Eure App benutzen?
  • Welchen Wert liefert Ihr als Gegenleistung für eine entsprechende Bezahlung?
  • Wie und wo erreiche ich diese Kunden mit meinem Marketing am besten und mit dem geringsten Aufwand?
  • Wieviele Kunden / Downloads benötigt Ihr wirklich, um langfristig profitabel zu werden?

Besonders zur letzten Frage kann ich die Lektüre von Kevin Kellys Essay 1000 True Fans nicht oft genug empfehlen. Seine These ist: Es reicht, 1000 echte Fans oder eben Kunden zu haben, die begeistert all Eure Produkte und Leistungen immer wieder kaufen, um Erfolg zu haben.

Was haben nun Startups und Apps mit Bands zu tun?

Startups vergleiche ich immer gerne mit Bands egal welcher Musikrichtung oder Fangemeinde: Hätten die Jungs von den Rolling Stones sagen sollen: „Ach neee, es gibt ja bereits die Beatles. Da sieht die Statistik übel für uns aus, dass wir Platten verkaufen“ Oder sagt eine Hochzeits-Coverband: „Es macht ja keinen Sinn für uns Musik zu machen: Die Statistik sagt, der Markt ist gesättigt“. Beide finden Ihre Zielgruppen, Fans und Kunden. Die einen in der Größenordnung von Fußballstadien, die anderen im Umfang eines Festsaals in der Dorfkneipe. Beide erreichen ihr Ziel.

Ein Startup ist heute sehr gut vergleichbar mit einer Band: Ein Team von talentierten Menschen, mit mehr oder weniger kreativen Idee, das sehr, SEHR viel Arbeit investiert, um die Dinge zu machen, die anderen Menschen so sehr gefallen, dass sie Geld dafür zahlen. Bei den Startups besteht nur sehr viel mehr Alltagsnutzen für die Kunden. Aber genauso, wie nicht jede Band im Wembley-Stadion spielen kann, kann nicht jedes Startup 20 Millionen und mehr Nutzer erreichen. Muss es in den meisten Fällen auch gar nicht, um von seinem Arbeitseinsatz leben zu können.

Was kommt nach der App?

Eine interessante Perspektive hat die New York Times letzte Woche im folgenden Video auseinanderklamüsert, in dem sie sich die Internetnutzung in China unter die Lupe genommen hat. Wer China ein wenig beobachtet, wird garantiert schon einmal von WeChat, Baiduu oder YouKu gehört haben. Die Apps, die in China aufgrund der Zensur von Whatsapp, Google oder YouTube als Copycats entstanden sind,

Besonders WeChat ist einen Blick für Startups wert, da aus der einfachen Chat-App mittlerweile etwas entstanden ist, was die New York Times Superapp nennt. Eine App, in der Bankgeschäfte erledigt werden können, Bestellungen getätigt werden, Fotos und Videos mit Freunden geteilt, Bewertungen für Geschäfte geschrieben werden und vieles mehr. Nicht umsonst setzen Google und vor allem Facebook so viel daran, Chatbots zu entwickeln, die eine UX von WeChat bieten können, bevor die chinesische App Richtung Westen schwappt.

Die dystopische Apokalypse am Ende des Videos mal ignoriert, könnte sich ein großes neues Erfolgsfeld für Startups ergeben, in dem keine eigenen Apps mehr entwickelt werden, sondern noch stärker verschlankte Funktionalitäten im Rahmen einer Superapp, die von einem der wenigen großen Anbieter kommt. Ein Ökosystem das noch stärker spezialisiert daher kommt, als die App-Stores von Android oder iOS.

Und was heißt das nun für Startups am Anfang?

App-Produkte, die Startups entwickeln, sind vor allem immer eins: Digitale Dienstleistungen als Problemlösung. Ob diese nun in Form eines Windows- oder MacOS-Programms, einer Webseite, einer Mobile-App oder was auch immer daher kommen, spielt erst dann eine Rolle, wenn durch die Form der Dienstleitung mehr Kunden erreicht werden können und die Benutzbarkeit für die Kunden signifikant verbessert wird.

Wenn Apps nicht mehr der optimale Weg zum Kunden sind, da die User gesättigt scheinen, wird sich folglich ein neuer Weg finden müssen. Wichtig für ein Startup ist, nach diesen neuen Wegen zum Kunden und nach neuen und leicht zugänglichen Formen für Problemlösungen Ausschau zu halten.

Oder diese bestenfalls selbst zu etablieren. Dann sind eventuell auch eine Milliarde monatliche Nutzer und der Weg zum Einhorn wieder realistisch.

Artikelbild Urheber: ldprod / 123RF Lizenzfreie Bilder