Wenn man darüber nachdenkt, wie das Startup Ökosystem der eigenen Region ausgebaut werden kann, ist es mehr als sinnvoll sich andere erfolgreiche Regionen anzusehen, wie wir es bsw. mit Estland bereits getan haben.

Als ich mich mit Richard Gutjahr unterhielt, streiften wir auch das Thema Startups in Israel. Seine Frau ist Israelin, die Familie lebt große Teile des Jahres in Tel Aviv und sein Schwager hat bereits mehrere Startups gegründet. So bekam ich einen sehr persönlichen Einblick in die Startup-Kultur in Israel.

Was macht das Startup Ökosystem in Israel zu einem der erfolgreichsten der Welt?

Wenn wir uns die reinen Zahlen anschauen, dann rangierte Tel Aviv alleine im Startup-Ecosystem Report 2012 bereits als zweites regionaler Hotspot hinter dem Silicon Valley. Heute liegt Tel Aviv je nach KPI regelmäßig in den Top 5 nach Venture Capital bsw. auf Platz 3 und Israels Hauptstadt Jerusalem holt bereits auf. Die Startup-Exits lagen 2016 bei rund 10 Milliarden Dollar und Israel hat die höchste Startups pro Kopf-Rate der Welt.

Doch die Startup-Kultur wird auch gelebt: Es gibt eine gemeinsame Vision der Startup Nation Israel und das Verständnis, dass in einem relativ kleinen Land mit wenig natürlichen Ressourcen, Innovation, Pioniergeist und kreative Entwicklung echte Assets sind.

Erfolgsfaktoren Vernetzung von Startups, Forschung und Militär

Ein sehr offensichtlicher Faktor für den Erfolg Israels ist die frühe Verfügbarkeit vom schnellen Internet: Mit einer Durchdringung von 77% ist Israel auf Platz 7 weltweit in der landesweiten Verbreitung von Highspeed-Internet. Bereits vor knapp 10 Jahren waren über 95% der Bevölkerung an Breitband Internet angeschlossen.

Weniger offensichtlich ist, wie sich die enge Verzahnung von Forschung und Lehre, Militär und Startups auswirkt:

In Israel geht fast jeder Jugendliche ab 18 zum Militär. Neben Leadership, Selbstmanagement, Durchhaltevermögen und Teamarbeit lernen die Leute viel darüber, welche Business-Models in sicherheitsrelevanten Feldern umsetzbar sind. Mittlerweile gibt es sogar eine eigene Gattung neben Heer, Luftwaffe und Marine, die nur für Cyber-Security zuständig ist: Einheit 8200. Wer dort ausgebildet wurde, hat spitzen Möglichkeiten für eine spätere Karriere in Tech-Unternehmen oder mit einem eigenen Startup. Einerseits durch das erarbeitete Know-how andererseits aber auch durch das eigens aufgebaute Network.

Gründen gehört zum israelischen Way of Life

Entrepreneurship gehört zu Israels DNA. Eltern fördern den Gründergeist in ihren Kindern und ermutigen sie, Risiken einzugehen und etwas selbstständig aufzubauen.

Junge Israelis arbeiten hart und engagiert in sozialen Organisationen und das überträgt sich auch in die späteren Startup-Teams. Motivation und Leidenschaft werden sehr früh geweckt und zählen bei VC auch zu den wesentlichen Entscheidungskriterien, ob sie in ein Startup investieren.

Dazu kommt, dass das Land selber vor gerade einmal 70 Jahren gegründet wurde und eine der höchsten Zuwanderungsraten weltweit hat.

Startup City Tel Aviv Adam Jang on Unsplash

Fehlerkultur

Israelis haben kein Problem mit Fehlschlägen. Aufstehen, Staub abklopfen, weitermachen oder von vorne anfangen wird gelebt. Das führt zusammen mit einer toleranten und internationalen Gesellschaft zu einer unheimlich offenen Einstellung gegenüber Fehlern und dem Mindset Neues einfach auszuprobieren.

Die sprichwörtliche Chuzpe bringt zudem die nötige Leichtigkeit mit, um mit Fehlern positiv umzugehen.

Die hohe Einwanderungsrate des Landes schafft außerdem eine hohe Grundtoleranz in der Bevölkerung.

Schnelles internationalisieren wird gefördert

Entgegen vielen anderen Ländern versucht Israel nicht, Startups im Land zu behalten. Ganz im Gegenteil: Internationalisierung wird stark gefördert. Tatsächlich unterstützt die Regierung den Export von Innovationen und Geschäftsmodellen ganz gezielt.

Das hängt natürlich auch mit den geographischen Gegebenheiten zusammen. Die direkten Nachbarn des Landes sind einerseits nicht freundlich gesonnen und bieten andererseits auch keine attraktiven Märkte. So ist es nicht ungewöhnlich, dass R&D-Labs in Israel bleiben, aber Sales, Marketing, Customer Service bsp. ins Silicon Valley gehen.

Hinzu kommt, dass in vielen Unternehmen Englisch statt Hebräisch gesprochen wird und so eine sprachliche Barriere erst gar nicht entsteht.

Große Stärke: R&D

Intel baute bereits vor über 40 Jahren eines seiner R&D-Labs in Israel auf. Mittlerweile haben über 250 globale Unternehmen Entwicklungszentren und Labs dort. Darunter asiatische Hersteller wie Huawei oder Samsung, IBM, Microsoft, Google und Facebook, aber auch viele Automobilhersteller.

Eine interessante Theorie äußert Noah Kagan im Video unten: Wie bereits gesagt, existiert das Land erst seit 70 Jahren und somit gibt es noch nicht so viele festgefahrene Regeln in den Köpfen der Menschen, sondern vielmehr ein offeneres Mindset gegenüber Ländern, die seit Jahrhunderten Dinge auf eine bestimmte Art und Weise regeln.

Das führt zu einem selbstverstärkenden Effekt:

Erste erfolgreiche Startups ziehen nicht nur eigenes Kapital in eine Region, sondern auch interessierte Investoren, große Unternehmen und neue Talente. So hat jeder kleine Gründungserfolg langfristig große positive Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem.

Wo sind die Hotspots?

Silicon Wadi ist eine Region rund 10 Meilen rund um Tel Aviv. Hier konzentrieren sich 2.900 der ca. 4.300 Startups, die in Israel ansässig sind.

Be’er Sheva in der Wüste Negev wird auch Isreals Cyber City oder die Tech-Oase genannt. Dank der Nähe zu Ben Gurion Uni mit ihrem Cyber Security Research Center haben sich in der Wüste neben dem israelischen Militär auch Unternehmen wie EMC, die Telekom, Paypal, Oracle oder auch Lockheed Martin niedergelassen.

Jerusalem entwickelt sich derzeit am schnellsten als Startup Hotspot. Anschauen solltet ihr euch hier die Investoren-Crowdfunding Plattform OurCrowd!

Hier könnt ihr noch mehr erfahren:

15 israelische Startups, die das Silicon Valley aufmischen

Noah Kagan (Mitarbeiter Nummer 30 bei Facebook und Founder von Sumo.com und AppSumo) hat von seiner Israel-Reise dieses Interview mitgebracht, dass euch einen schnellen und vor allem witzigen Einstieg liefert. Für einen tieferen Einstieg hört in Noahs Podcast mit Fiverr Founders Micha Kaufman rein:

Wenn ihr euch noch etwas mehr Zeit nehmen möchtet, schaut euch die 90-minütige WIRED Doku über Israels Startup Ökosystem an:

Artikelbild: Be’er Sheva von Sebastian Mantel on Unsplash

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