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– Berufsdesorientierungstage –

„Und, was willst du später mal werden?“ – die Frage auf die man immer weniger Antworten findet, je älter man wird. Als Kind hätte ich sofort antworten können: Archäologe. Später stellte sich aber heraus, dass die Indiana Jones Filme mich angelogen hatten, schließlich wurden die Filme „Indiana Jones und der Ausfuhrgenehmigungsantrag“ und „Indiana Jones und die geophysikalischen Messverfahren“ nie veröffentlicht. Und spätestens, wenn der Kindheitsberufswunsch verpufft, steht man plötzlich vor einer schier endlosen Palette von Berufen und ist völlig orientierungslos, weil entweder alles super spannend klingt, oder einfach nichts davon.                                                 

Die Schulen versuchen hier Orientierung zu stiften, indem sie einen irgendwann in ein Berufsinformationszentrum schleppen. Ob man will oder nicht. Hier werden einem dann eine Reihe von Tests präsentiert, die einem zunächst vor allem bei einer Sache helfen sollen: Herauszufinden, was man später auf keinen Fall machen möchte und sollte. So wurde zum Beispiel mein räumliches Denken getestet. Es stellte sich heraus: Ich würde in jeder Art von Labyrinth elendig verrecken. Danke, wusste ich schon. Ich verlaufe mich selbst nach 20 Jahren in meiner Heimatstadt noch. So viel zum Thema Orientierungstag.

Anschließend musste ich mir von einem Computer eine Reihe von Fragen stellen lassen, die meine Interessen einkreisen sollten (ich wusste übrigens schon, was mich interessiert). Dabei wurde ich von einem Extrembereich in den nächsten geworfen. „Sind Sie gerne draußen?“ „Ja!“ „Möchten Sie Landschaftsgärtner werden?“ „Nein!“ „Mögen Sie Tiere?“ „Klar!“ „Möchten Sie Rinderzücht…?“ „NEIN!“ Es war zum Auswachsen. Der Test spuckte am Ende eine lange Liste mit Berufsvorschlägen aus, einer verrückter als der andere. Mein Favorit: Hippotherapeut. Mit der Vorstellung den Rest meines Lebens freie Assoziationsübungen mit bipolar gestörten Nilpferden zu machen (ja, ich hatte überhaupt keine Ahnung, was Hippotherapie ist), war ich dann doch eher unzufrieden.

Mittlerweile arbeite ich selbst(ständig), unter anderem mit Startups und Gründern zusammen. Und im Rückblick ist mir aufgefallen: Man hat mir so einiges vorenthalten, als ich in der Schule war. Nirgendwo sonst wird so viel ausprobiert und entdeckt, wie in Startup-Unternehmen, nirgendwo sonst wird so viel mit alten Strukturen gebrochen und nirgendwo sonst, habe ich so gut funktionierende familiäre Teams zusammenarbeiten sehen. Niemand kann mir erzählen, dass ein Schüler hier nichts lernen kann!                                                                                

Eine klassische Berufsausbildung, oder ein Studium sind als Sicherheitsnetz fürs Leben natürlich nicht verkehrt, da möchte ich mich gar nicht gegen aussprechen. Aber das ist eben noch nicht alles. Jeder, der aus der Schule kommt und das Gefühl hat, dass es den richtigen Job für ihn nicht gibt, der Ideen hat, die die „Älteren“ nicht verstehen (wollen), oder der einfach mit Leuten arbeiten möchte, die mehr als Kollegen sind, der sollte wissen, dass es jeden Beruf geben kann, wenn man seine Ideen richtig anpackt.

Hätte mir am Berufsinformationstag ein Startup-Unternehmer von seinem Alltag erzählt. Von der Mischung aus Stress, Chaos und Ungewissheit und vor allem dem richtigen Umgang mit Misserfolgen auf der einen und der freien Kreativität, dem Teamgeist und der Leidenschaft erzählt. Von unkonventionell eingerichteten Büros, von Gründerpartys… Ich wäre Feuer und Flamme gewesen!

Mein Wunsch für die Zukunft: Es gibt mehr als einen richtigen Weg um ans Ziel zu kommen. Wer von der Schule in die Ausbildung, ins Studium und zeitlebens an denselben Schreibtisch im selben Büro möchte und damit glücklich ist, hat meine besten Wünsche für die Zukunft. Wer das aber nicht möchte, sollte nicht den selben Weg als einzig wahren verkauft bekommen. Also: Mehr Gründer in Schulen, auf Berufsmessen und Probiertage, mehr Ermutigung für Kreative-Köpfe und mehr Mut zum Ausprobieren.

Die Leute von denen wir erwarten, dass die heute an morgen denken, können nicht ausnahmslos von gestern lernen!

Oh und noch etwas: Erzählt mir jetzt nichts von Risiken! Wir schicken die Abiturienten heute zum Teil mit 16 Jahren aus der Schule und ich studiere mit Erstsemestern, die Mitte zwanzig sind. Das sind zehn glorreiche Jahre zum Probieren, Scheitern und Weitermachen!

“The reasonable man adapts himself to the world: the unreasonable one persists in trying to adapt the world to himself. Therefore all progress depends on the unreasonable man.”

           – George Bernard Shaw –

 

Stay Witty!

 

Foto by Unsplash: Kai Gradert